Deutschland, Paris  Die Lehre von Olympia: König Fußball verdient zu viel

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 13.08.2024 16:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Schwede Armand Duplantis holte Gold und knackte obendrein noch gleich den Weltrekord beim Stabhochsprung. Seine Breitensportart hat es schwer, findet NOZ-Kolumnist Udo Muras. Foto: www.imago-images.de
Der Schwede Armand Duplantis holte Gold und knackte obendrein noch gleich den Weltrekord beim Stabhochsprung. Seine Breitensportart hat es schwer, findet NOZ-Kolumnist Udo Muras. Foto: www.imago-images.de
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Zwar war der Breitensport durch Olympia im Fokus, doch nun räumt König Fußball wieder zuverlässig das Feld auf. Das bedauert unser Fußball-Kolumnist Udo Muras und hat eine Hoffnung – oder gar eine Mahnung!?

Das olympische Feuer ist erloschen, der Fußball hat uns wieder. Vorbei die schöne Zeit mit den Herren Mertens, Duplantis, Marchand, Frau Lückenkemper – und Frau Werth nebst Pferd. Nun interessieren wir Sportfreunde uns wieder für die Befindlichkeiten der Bundesligakicker, von Harry Kane bis Brajan Gruda. Man mag das nicht nur bedauern, man muss es eigentlich. Denn Olympia hat uns die Vielfalt des Sports vor Augen geführt und so manche junge Zuschauer dürften gestaunt haben, was es noch so alles gibt außer Fußball.

Von seiner marktbeherrschenden Position leben viele prächtig, auch Kolumnisten (zumindest sorgenfrei) und doch würde man sich wünschen, Sendeanstalten und Sponsoren würden den einen oder anderen Euro in Sportler investieren, die wir nur alle vier Jahre zu sehen bekommen und über die wir uns dann beschweren, wenn es wieder nur zur Blechmedaille gereicht hat. In der Leichtathletik müssen wir ja schon froh sein, sollten es Deutsche mal tatsächlich in einen Endlauf geschafft haben.

Wenn nur zehn Prozent der Aufmerksamkeit, in jeglicher Hinsicht, für oft überbezahlte und überschätzte Kicker zu Leichtathleten, Ruderern oder Schwimmern abwandern würden – wir wären im Medaillenspiegel wieder wer, zumindest aber vor den Holländern. Wie wird aus diesen Gedanken nun eine Fußballkolumne? Indem ich zum Saisonstart mit der ersten Pokalrunde am Wochenende die Hoffnung oder besser Mahnung aussprechen möchte, dass sich der Fußball seine Milliarden wenigstens verdienen möge. Das richtet sich gar nicht so sehr an die Spieler, sondern vor allem an die Verbände. Was da in Zukunft alles auf uns Konsumenten zukommt, firmiert unter dem Motto Masse statt Klasse.

Der Wahnsinn mit einer WM, an der 48 Mannschaften in drei Ländern teilnehmen, spricht den Problemen unserer Zeit Hohn. Die Fifa trägt Scheuklappen und setzt sie nur ab, wenn sie irgendwo einen Geldsack rumliegen sieht. Bis zur WM sind es noch zwei Jahre hin, Grund zur Aufregung haben wir schon früher. Fünf unserer Bundesligisten gehen nun in die aufgeblähte Champions League und bestreiten garantiert acht Gruppenspiele (vorher sechs), die alle in eine Megatabelle mit 36 Teams einfließen, um die Achtelfinalisten zu ermitteln. Man könnte zwar einfach die ersten 16 nehmen, aber einfach kann ja jeder.

Nein, die Teams von neun bis 24 ermitteln in Hin- und Rückspielen die restlichen Teilnehmer, direkt durch sind nur die ersten acht. Heißt: für die Hälfte der Achtelfinalisten verlängert sich der Weg um vier Spiele (von sechs auf zehn). Termine werden sich schon finden und immer genug Verrückte, die alles gucken. Auf der Strecke bleibt die schöne Pokalidee aus der Urzeit des Fußballs, geboren in England. Team A spielt gegen Team B, der Sieger kommt weiter.

Keine Rechenspiele, keine Tabellen, keine Koeffizienten. Tabellen wird es auch bei der Klub-WM 2025 geben, an der die Bundesliga mit Bayern und Dortmund vertreten sein wird – nicht damit sich unsere Nationalspieler in einem ungeraden Jahr im Sommer langweilen würden. Sie findet in den USA statt, mit 32 Mannschaften. Wieder jede Menge Sendezeit, über die sich die Leichtathleten und Wassersportler gefreut hätten. Dabei lehrt die Erfahrung, dass die Attraktivität neuer Wettbewerbe gegen null geht. Nations League und Conference League lassen grüßen – und erinnert sich noch jemand an den UI-Cup? Fußballfans wollen keine großen Veränderungen, das sehen nicht nur Ultras so. Wenn sich etwas bewährt hat, warum kann es nicht einfach bleiben? So wie unser DFB-Pokal, den ich auf diesem Wege mal ganz herzlich drücken möchte. Der ist immer noch der transparenteste Wettbewerb, unverständlich sind manchmal nur die Ergebnisse.

Heute vor 30 Jahren flogen die Bayern in Vestenbergsgreuth raus, weil sie einen schwachen Tag hatten und der Außenseiter den größten seit Dorfgründung. Die Bayern haben 20 Jahre später auch mal bei Bate Borisov verloren, aber das war Champions League und ließ sich noch ausbügeln. Weshalb sich keiner mehr dran erinnert. Das Herz des Fußballs wird je nach Gesinnung an vielen Orten vermutet, sein Wesen aber ist der Pokal. Dem jedenfalls darf ruhig an diesem Sommerwochenende die vollste Aufmerksamkeit gewidmet werden.

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