Grauer Wohnungsmarkt  „Hier leben nur Menschen, die sonst nirgends unterkommen“

Matthijs Sorgdrager
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Von Matthijs Sorgdrager
| 13.08.2024 08:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
13 Nächte schlief Journalist Matthijs Sorgdrager im angemieteten Zimmer. Foto: Corné Sparidaens
13 Nächte schlief Journalist Matthijs Sorgdrager im angemieteten Zimmer. Foto: Corné Sparidaens
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Ein niederländischer Journalist schreibt immer wieder über prekäre Wohnverhältnisse. Doch wie ist es, in so einer Immobilie zu leben? Er macht den Test. Besonders der Geruch bringt ihn an seine Grenzen.

Stadskanaal - Aus der Ferne sieht „mein“ Haus ziemlich schön aus. Ein stattliches Gebäude, gebaut im Jahr 1920, mit einem Erker und Buntglasfenstern. Dann sehe ich die Treppe zur Haustür. Die Stufen sind voller zerbrochenem Glas. Es ist der 22. November und ich bin in Stadskanaal. Mein Plan: Ich schaue mir den absoluten Tiefpunkt des Wohnungsmarktes an – die Zimmervermietung. Dabei soll es nicht um Studentenzimmer in der Stadt gehen. In den Zimmern, die ich untersuchen möchte, wohnen Menschen, die sonst nirgendwo hin können. Zum Beispiel weil sie aus einer Entzugsklinik kommen und dringend eine Unterkunft benötigen. Sie haben keine Zeit, zehn Jahre auf eine Sozialwohnung zu warten. Deshalb landen diese Menschen bei sogenannten Immobilienhaien.

Die Tür hatte schon bessere Zeiten gesehen, vermutlich wurde sie schon einmal aufgebrochen. Foto: Corné Sparidaens
Die Tür hatte schon bessere Zeiten gesehen, vermutlich wurde sie schon einmal aufgebrochen. Foto: Corné Sparidaens

Die wissen, wie man mit dieser Zielgruppe umgeht. In der Provinz Groningen bieten sie in Dutzenden von Häusern Zimmer an. Oft werden diese Gebäude nicht oder kaum instand gehalten. Hilfsorganisationen im ganzen Land kennen dieses Phänomen. In den ganzen Niederlanden muss es Tausende von Mietern geben.

Der Selbstversuch

Ich will mit eigenen Augen sehen, wo die Menschen leben, die nirgendwo sonst unterkommen können. Deshalb habe ich mich als junger Mann mit Beziehungsproblemen ausgegeben, der schnell ein Zuhause braucht. Ich gehe die kleine Treppe zur Haustür hinauf. Auf Höhe des Schlosses ist der Türrahmen beschädigt. Wahrscheinlich wurde einmal ein Brecheisen hineingesteckt. Drinnen hängt ein muffiger Geruch. Verrottetes Holz?

Der Handwerker, der mich herumführt, merkt schnell, dass ich Besseres gewohnt bin. Im Waschraum bemerke ich, dass in einer Ecke ein Zentimeter Wasser auf dem Boden steht. „Das ist nicht richtig angeschlossen“, schimpft er. Der Ablaufschlauch der Waschmaschine hängt mit ein paar schlampigen Streifen Klebeband in der Abflussleitung.

„Ich rieche Schimmel, Gras und ein wenig Kot“

Wir gehen in den ersten Stock. Im Treppenhaus hängen Zeichnungen von Soldaten aus dem neunzehnten Jahrhundert auf ihren Pferden. Je höher wir kommen, desto stärker der Geruch. Die Paneele an der Decke sind verrottet. Einige Bewohner kiffen stark und die Tür zur Toilette steht offen. Ich rieche Schimmel, Gras und ein wenig Kot. „Hier ist dein Zimmer.“ Der Handwerker deutet auf eine Tür direkt über der Treppe. Sie ist angelehnt. Ich frage, ob ich hineinschauen kann. Die Antwort ist nein. Der jetzige Bewohner ist nicht einverstanden. Unten wirft mir der Handwerker ein ermutigendes Lächeln zu. „Du hast das schönste Zimmer im Gebäude mit Blick auf den Kanal.“ Wir verabschieden uns.

Schimmel und anderes ist ebenfalls keine Seltenheit im Haus. Foto: Corné Sparidaens
Schimmel und anderes ist ebenfalls keine Seltenheit im Haus. Foto: Corné Sparidaens

Im Dezember und Januar habe ich ein Zimmer in dem ehemals so stattlichen Gebäude in Stadskanaal. Insgesamt werde ich dort 13 Nächte schlafen. An dem Tag, an dem ich mit meinen Sachen (eine Matratze, ein Schreibtisch, eine Kühlbox und zwei Stühle) nach Stadskanaal umziehe, sehe ich, dass es schlimmer ist als ich zunächst dachte. Eines der Fenster in meinem Zimmer ist mit einer Holzplatte vernagelt, die Dichtungsmasse in einem der Rahmen bröckelt ab und nur die Steckdosen an der Küchenecke sind geerdet. Außerdem rieche ich ständig die Joints meines Nachbarn.

Zwei Toiletten pro Etage

Auf meiner Etage gibt es zwei Toiletten. An der einen Tür ist weder Türklinke noch Schloss. Die Toilettenschüssel ist gelb von Kalkablagerungen, über dem rot-gelb karierten Linoleum-Boden liegt ein grauer Schleier. Ich glaube, es ist Asche, denn den Zigarettenstummeln nach zu urteilen, rauchen meine Mitbewohner gerne einen Joint auf der Toilette. Diese Toilette ist die sauberste der beiden, aber die andere hat ein Schloss. Nach dem Umzug gehe ich unter die Dusche. Innerhalb einer Minute ist die Luft in der Kabine dick von Dampf. Die Dusche ist eine Kabine von etwa 1,20 mal 1,20 Metern. Ich vermute, es war früher eine Toilette. Vor der Tür hängt ein Duschvorhang. An der Tür Haken für Kleidung und ein Handtuch. Mein Shampoo stelle ich auf den Boden.

Der Vermieter sagt, dass die Bäder regelmäßig gründlich gereinigt werden. Der Journalist kann das nicht bestätigen. Foto: Corné Sparidaens
Der Vermieter sagt, dass die Bäder regelmäßig gründlich gereinigt werden. Der Journalist kann das nicht bestätigen. Foto: Corné Sparidaens

Als ich erst ein paar Tage in meinem Zimmer wohne und aus aus dem Supermarkt zurückkomme, stehen sechs Menschen vor der Tür: zwei Polizisten, zwei Psychiater und zwei Mitarbeiter von einem „Psycholance“, einem Rettungswagen für Menschen mit psychischen Problemen. Ich lasse sie herein. Sie kommen wegen meiner Nachbarin. Es geht ihr nicht gut und sie will die Helfer nicht in ihr Zimmer lassen. Nach einer halben Stunde brechen die Polizisten die Zimmertür mit einem Brecheisen auf. Das Geschrei geht durch Mark und Bein.

Nachbarin gefesselt

Ich schaue aus meinem Fenster und sehe, dass sie gefesselt auf eine Trage in den Krankenwagen geschoben wird. Ich wohne seit Tagen neben ihr, sehe sie aber zum ersten Mal auf dieser Trage. In dem Gebäude gibt es elf Zimmer, sie sind alle belegt, aber soziale Kontrolle gibt es kaum. Wir grüßen uns mit einem Nicken oder „moi“. Dabei bleibt es. Nur der arabisch aussehende Mann im Erdgeschoss winkt fröhlich, wenn ich hereinkomme. Einmal hatte ich ein echtes Gespräch mit einem Mitbewohner. Als ich ihn im Flur herumlaufen sehe, frage ich, wo ich meinen Müll lassen soll. Er geht vor mir her. In seiner Hand eine große Mikrowellenlasagne und ein Schokoladendessert. Er ist offensichtlich unter dem Einfluss von Drogen und schwankt auf seinen Beinen.

Holz statt Glas – ein häufiger Anblick im Haus. Foto: Corné Sparidaens
Holz statt Glas – ein häufiger Anblick im Haus. Foto: Corné Sparidaens

Er wohnt mittlerweile seit vier Jahren dort. „Es passiert dir“, sagt er darüber. „Du hast Glück“, sagt er zu mir. „Du hast ein großes Zimmer und der vorherige Bewohner hat schönes Laminat verlegt.“ Sein Zimmer ist elf Quadratmeter groß, sagt er. Dafür zahlt er 380 Euro im Monat. In seiner Tür sind Löcher. Sie sind mit Plastiktüten der Supermarktkette Jumbo verstopft. Man gewöhnt sich an alles, auch an den Grasgeruch, der ständig im Zimmer hängt. Aber als ich zwei Wochen später die Treppe hinaufgehe, bin ich doch noch überrascht. Ich höre ein tickendes Geräusch. Kurz darauf spüre ich einen Tropfen im Nacken. Während ich die Quelle suche, landen überall auf meinem Kopf und meinen Schultern Tropfen. Die Decke leckt. Ich verstehe sofort, warum die Paneele verrottet sind. Ich gehe durch das Gebäude. Im Waschraum steht ein leerer Eimer von Deli XL: Eier gekocht und gepellt im Wasser. Ich stelle ihn darunter. Problem gelöst.

Geschäftsmodell: Vermietung

In Stadskanaal muss ich oft an ein Video von Ryan Babel aus dem Jahr 2021 denken. Der Ex-Ajax-Spieler zeigt seine Rolex-Uhr. Im Bild steht der Text: Schöne Rolex, oder? Aber wie habe ich sie gekauft? Die Antwort: indem ich Häuser gekauft und zu einem höheren Betrag vermietet habe als die Hypothek. Das Video schließt er mit den Worten: Jetzt haben deine Mieter für deine Rolex bezahlt. TikTok ist voll von solchen Videos. Sie versprechen eine Sache: Mit Immobilien kann man Geld verdienen und man muss wenig dafür tun.

Gal Peled, der Eigentümer des Gebäudes in Stadskanaal, kaufte es im Oktober 2021 für 220.000 Euro. Jeden Monat kassiert er ein paar Tausend Euro Miete. Davon bezahlt er unter anderem einen Hausmeister und jemanden, der Kontakt zu den Mietern hat. Auch die Instandhaltung vergibt er. Er selbst muss nicht vorbeikommen. Ob er wohl auch eine Rolex hat?

Das sagt der Vermieter

Der Autor des Beitrags hat telefonisch Kontakt zu Gal Peled aufgenommen. Er ist der einzige Aktionär von Peled Vastgoed en Beheer. Dieses Unternehmen ist Eigentümer der Gebäude und sorgt dafür, dass die Zimmer und Apartments vermietet werden. Peled wollte telefonisch nicht auf die Fragen eingehen. Per E-Mail erhielten wir jedoch Antworten vom Vermietungsunternehmen. Wer diese Antworten gab, wurde nicht klar.

„Wir sprechen hier über ein Gebäude, das über ein Jahrhundert alt ist“, mailt ein Sprecher. Das Unternehmen hat konkrete Pläne für eine große Renovierung, „aber es ist sicherlich kein sehr schlechtes Gebäude“. Das Leck wurde schnell behoben und der Sprecher weiß nichts von Schimmel im Gebäude („keine Meldung darüber erhalten“). Die sanitären Anlagen sind zwar alt, „aber funktionieren gut“. Zur Türklinke: „Dass in einer der Toiletten keine Türklinke vorhanden ist, wurde weder von Ihnen noch von einem anderen Bewohner gemeldet. Es wäre schön gewesen, wenn Sie dies während Ihres Aufenthalts gemeldet hätten. Ich habe dem Handwerksunternehmen den Auftrag gegeben, die Klinke zu reparieren.“

Außerdem, so der Sprecher, kommt monatlich ein Reinigungsunternehmen vorbei. „Dieses reinigt die allgemeinen Bereiche und auch die Toiletten gründlich.“ In der Zeit, in der ich im Gebäude wohnte, habe ich das Reinigungsunternehmen nicht gesehen und auch nichts von einer gründlichen Reinigung bemerkt. Dies könnte mit der Zeitperiode zusammenhängen: rund um Weihnachten und den Jahreswechsel.

„Es stimmt, dass Menschen, die ein Zimmer mieten, oft eine Herausforderung im Leben haben oder hatten. Das berücksichtigen wir“, sagt der Sprecher. Das Unternehmen gibt an, in Kontakt mit der Gemeinde Stadskanaal zu stehen. Wenn ein Bewohner seine Miete nicht zahlen kann, nimmt das Unternehmen Kontakt mit der Gemeinde auf. „Diese versucht dann, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und Hilfe anzubieten.“ Wann der Eigentümer zuletzt im Gebäude war, wird nicht klar. Der Sprecher gibt an, dass zwei- bis dreimal im Monat Leute vorbeikommen, um zu reinigen oder kleine Reparaturen durchzuführen. „Neben der Ausführung der ihnen übertragenen Aufgaben halten diese Leute natürlich die Augen und Ohren offen für Dinge, die (sofortige) Aufmerksamkeit erfordern.“

Dieser Text ist erstmals im „Dagblad van het Noorden“ erschienen, wurde maschinell aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt und von einer Redakteurin bearbeitet.

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