Hamburg Wird Deutschland ein Land der Nichtschwimmer?
Immer mehr Kinder können nicht sicher schwimmen. Wie sollen sie es auch lernen, wenn Schwimmkurse überfüllt sind, Bäder geschlossen und Eintrittspreise im Schwimmbad angehoben werden?
Denke ich an die Sommer meiner Kindheit und Jugend zurück, denke ich an Wasser. Mit Freunden im Freibad herumalbern, vom Tretboot in den See springen oder im Meer schnorcheln: Sommerferien ohne Schwimmen wären wie Sommerferien ohne Eis gewesen – möglich, aber sinnlos. Dass heutzutage immer weniger Kinder das Privileg haben, so die heißen Monate zu verbringen, stimmt mich wütend und sorgenvoll. Denn sicher schwimmen zu können, ist zunehmend eine Frage des Geldbeutels geworden, und das im doppelten Sinne.
Eines von fünf Kindern kann nach Einschätzung der eigenen Eltern nicht sicher schwimmen, wie eine repräsentative Umfrage von Forsa im Jahr 2022 zeigt – doppelt so viele wie noch fünf Jahre zuvor. Nach Einschätzung der DLRG sind es sogar drei von fünf Kindern im Grundschulalter, da viele Eltern das „Kann sich über Wasser halten“-Seepferdchen als Beweis für die Schwimmfähigkeit ihres Kindes heranziehen. Bitter: Je weniger die Eltern verdienen, desto seltener können ihre Kinder schwimmen. Bei einkommensschwachen Haushalten kann es nur jedes zweite Kind.
Doch wen wundert das, wenn beim Schwimmen doch wahrlich Übung den Meister macht und das Tagesticket ins Osnabrücker Nettebad für zwei Erwachsene und zwei Kinder 21,90 Euro kostet? Regelmäßige Schwimmbadbesuche mit der Familie werden dann schnell zum Luxusgut. Es tut mir leid, aber wann wurde die Überlebenstechnik Schwimmen zur Nice-to-have-Fähigkeit für Besserverdiener?
Ohne elterlichen Einsatz im Becken schwimmen zu lernen, ist so gut wie unmöglich: Nicht nur in Großstädten sind Wartezeiten von mehr als einem Jahr für einen Schwimmkurs üblich. Anbieter privater Schwimmkurse schlagen aus der Not Profit und schämen sich nicht, 140 Euro pro Monat für eine Stunde Schwimmkurs aufzurufen.
Und der Schwimmunterricht in der Schule? Fällt gerne mal aus, sei es, weil das nächste Bad zu weit weg ist und die Logistik aufwändig (Anfahrt, Umziehen, Schwimmen, Umziehen, Föhnen und Rückfahrt in 90 Minuten), oder weil die Lehrkraft (zu Recht) Respekt davor hat, 30 Kinder gleichzeitig im Wasser zu betreuen. Meine Schullaufbahn führte mich in der neunten Klasse erstmals in ein Becken; zu dem Zeitpunkt wäre das Kind längst in den Brunnen statt in den Pool gefallen, hätte jemand noch nicht schwimmen können. Konnte auch eine Mitschülerin nicht; sie wurde einfach krankgeschrieben für den Sportunterricht in dem Schulhalbjahr.
Doch in der Lage zu sein, sicher zu schwimmen, bedeutet nicht, dass man auch ein sicheres Umfeld zum Schwimmen zur Verfügung hat. Viele Orte leiden infolge von kostenbedingten Schließungen an einem Schwimmbadmangel; und die Schwimmbäder, die es noch gibt, am Fachkräftemangel: Denn wenn kein Rettungsschwimmer aufzutreiben ist, reicht manch einem Bad ein absolvierter Erste-Hilfe-Kurs als Eignungsbeweis. Dass selbst Deutschlands Oberbademeister im Interview kürzlich vor mehr Badeunfällen aufgrund schlecht ausgebildeter Aushilfskräfte warnte, dürfte nicht nur Eltern in Sorge versetzen.
Doch ist ein Schwimmbad in der Regel sicherer als ein nicht überwachter See- oder gar Flussabschnitt. 90 Prozent der Badeunfälle mit tödlichem Ausgang ereigneten sich 2023 an (in der Regel nicht überwachten) Seen und Flüssen – Orten, an denen man gratis baden kann. Schon für geübte Schwimmer kann eine Strömung zur tödlichen Gefahr werden; für einen unerfahrenen Schwimmer oder gar Nichtschwimmer ist sie definitiv eine.
Mehr als 250 Menschen sind laut Angaben der DLRG in diesem Jahr bereits ertrunken. Unfälle kann man nie vollständig verhindern. Doch man kann Risikofaktoren bekämpfen mit flächendeckendem Schwimmunterricht in Schulen, mehr Schwimmkursen, und günstigeren Eintrittspreisen im Schwimmbad, das idealerweise um die Ecke ist.