Osnabrück  Glückliche Kindheit in der DDR: Sänger Krumbiegel über den Osten früher – und seine Sorgen heute

Sebastian Krumbiegel
|
Von Sebastian Krumbiegel
| 12.08.2024 05:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Der Sänger von den Prinzen setzt sich bereits seit Jahren gegen Rechtspopulismus und rechte Hetze der AfD ein. Foto: Fotos: IMAGO/M. Kremer; dpa/Hendrik Schmidt; Montage: NOZ/Ulrich
Der Sänger von den Prinzen setzt sich bereits seit Jahren gegen Rechtspopulismus und rechte Hetze der AfD ein. Foto: Fotos: IMAGO/M. Kremer; dpa/Hendrik Schmidt; Montage: NOZ/Ulrich
Artikel teilen:

„Die Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel hat „wunderschöne Erinnerungen“ an seine Jugend in der DDR. Heute blickt er hingegen mit Sorge auf seine Heimat. Was der Musiker über die AfD denkt und woher die Abstiegsangst in Ostdeutschland kommt, schreibt er in diesem exklusiven Gastbeitrag.

Ich hatte eine glückliche, erfüllte Kindheit voller Liebe und Musik. Ja, ich habe viel gelacht, habe mich verliebt und habe wunderschöne Erinnerungen an meine Jugend. Und – ja – ich habe die ersten 23 Jahre meines Lebens in der DDR zugebracht. Ich war sicher auch ein privilegiertes Kerlchen, etwa, weil ich in einem liebevollen, musikalischen Elternhaus aufwuchs und seit der vierten Klasse Mitglied des Leipziger Thomanerchores war. Das war eine Oase in der DDR. Aber ich kenne sehr viele Menschen, die dieses Privileg nicht hatten und trotzdem sehr ähnlich über ihre Kindheit und Jugend in der DDR sprechen. 

Natürlich weiß ich auch, dass es umstritten ist, solche Aussagen zu machen, ohne sie einzuordnen. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die unter den Umständen in der DDR massiv gelitten haben. Menschen, die Stress mit der Stasi hatten, Menschen, die aus politischen Gründen in Bautzen im Knast gesessen haben, Kinder, die in Jugendwerkhöfen eingesperrt waren. All das sind fürchterliche, gruselige Geschichten, und ich bin dankbar, dass ich in solche Abgründe nie schauen musste. 

Dass Berlin mal eine Stadt war, die durch eine Mauer in zwei Teile zerrissen war, kann ich mir schon lange nicht mehr vorstellen, obwohl ich diese Mauer von beiden Seiten kannte: die graue, nüchterne, brutale Seite aus Ostsicht und die bunte, mit Graffiti besprühte aus Westsicht. Nach den letzten Europawahlen bekamen wir, wenn wir uns die gesamtdeutschen Wahlergebnisse angesehen haben, wieder eine Landkarte vor Augen gehalten, die das geteilte Deutschland der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1990 gezeigt hat.

Die alte Bundesrepublik Deutschland war schwarz und die ehemalige Deutsche Demokratische Republik war blau. Die CDU dominiert den Westen, im Osten ist es die sogenannte AfD. Ja, ich sage gern „die sogenannte“, denn diese Partei ist keine Alternative; sie ist eine Schande für Deutschland. Aber warum ist sie, vor allem im Osten der Republik, so stark? Warum scheint sich in den „neuen Bundesländern“ eine unrühmliche Avantgarde Bahn zu brechen, die diese alten, längst überwunden geglaubten völkischen, nationalistischen Inhalte wieder feiert? 

„Vollende die Wende“, ein Slogan, der an die friedliche Revolution von 1989 anknüpfen will, „Ost-Ost-Ost-Deutschland“-Sprechchöre im Stadion bei den Fußballspielen von Dynamo Dresden oder Hansa Rostock, „Absaufen – Absaufen“-Sprechchöre zum Thema Seenotrettung bei den sogenannten „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz PEGIDA – was ist passiert?

Darauf gibt es keine einfache Antwort, darauf muss es viele Antworten geben, und die haben viel mit mangelnder Identität zu tun, mit einem nicht vorhandenen Heimatgefühl, mit Enttäuschungen nach zu hohen Erwartungen der letzten 30 Jahre. 

Die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ gibt es mittlerweile. Wenn wir uns die Städte und Dörfer im Osten der Republik ansehen, wenn wir die Infrastruktur in den Blick nehmen, das Handy-Netz, die Autobahnen – all das sieht in weiten Teilen Ostdeutschlands besser aus als in wirtschaftlich schwachen Gebieten im Westen. Als ich neulich im Ruhrgebiet war, fühlte ich mich optisch teilweise an die 1990er Jahre im Osten erinnert.

Doch hinter diesen Äußerlichkeiten stecken noch andere Wahrheiten. Die Diskussion um die Führungskräfte zum Beispiel oder um die Wirtschaftsansiedlung, um die Standorte der DAX-Konzerne, die Diskussion um Besitz, um Reichtum und Armut. Im Osten wird nicht geerbt, weil es da nichts zu vererben gibt. Selbst die Immobilien, in denen die Ossis leben, gehören zum großen Teil Westdeutschen, ganz zu schweigen von den Firmen, den Arbeitgebern.

Daneben gibt es emotionale Verletzungen. Die Umstände der Wiedervereinigung wurden weitgehend im Westen festgelegt. Dann wurden viele Produkte, die im Westen keiner mehr wollte, im Osten verkauft: Autos, Teppiche, Möbel und so weiter. Dann kam noch die Treuhand: Betriebe wurden abgewickelt, übrigens auch gut funktionierende, die vielleicht eine Konkurrenz für westdeutsche Betriebe hätten sein können. Dann kam damit die Arbeitslosigkeit und die Erkenntnis, dass das Leben nicht so ist, wie es im Westfernsehen in der Werbung zu sehen war. 

Nicht jeder fuhr dann automatisch seinen Mercedes und flog zweimal im Jahr in die Sonne nach Mallorca. Die neue Freiheit war zwar schön, aber man musste sie sich eben auch leisten können. Und: Viele Menschen haben schmerzlich erfahren, dass alles, was im Osten bis 1990 richtig war, plötzlich nichts mehr wert zu sein schien. Vielleicht hätte man damals sehen können und müssen, dass es, bei aller Ungerechtigkeit in der DDR auch Dinge gab, die die Bundesrepublik hätten bereichern können. 

Das Gesundheitssystem war definitiv gut organisiert. Heute werden wieder Ärztehäuser gebaut, was als revolutionäre Idee angepriesen wird. Wir nannten es damals Polyklinik. Schüler wurden bis Klasse 8 gemeinsam unterrichtet  – immer noch eine gute Idee. Die Selbstbestimmung von Frauen nicht nur bei Schwangerschaftsabbrüchen, die frühere Legalisierung von Homosexualität – sicher gibt es noch weitere Beispiele, die wir aufführen könnten. 

Jetzt hab ich aber sofort das Gefühl, dass ich aufpassen muss, nicht missverstanden zu werden. Nein – ich wünsche mir auf gar keinen Fall die DDR zurück! Manchmal denke ich vielleicht etwas wehmütig an meine Kindheit und Jugend zurück, aber dieses Land will ich auf keinen Fall wieder haben. 

Aber ich verstehe Leute, denen ihr heutiger Kampf um Geld und Anerkennung zu hart ist. Diese Leute sprechen mit Blick auf die DDR von einem „solidarischen Gefühl“. Sie sind es leid, die Ellenbogen auszufahren, um weiterzukommen. Das ist Verklärung, sicher, aber es ist auch etwas dran. Wir, „Die Prinzen“, haben in den 1990ern „Du musst ein Schwein sein“ gesungen und damit versucht, den Finger in genau diese Wunde zu legen. Es sollte eben nicht darum gehen, den anderen neben uns wegzukicken. 

Auch die klassische Mittelschicht kennt die Abstiegsangst. Wenn diese Leute nach Antworten auf ihre Probleme suchen, dann ist es leicht für populistische Politik, diese Antworten zu geben, auch wenn es eigentlich gar keine Antworten gibt. Es ist leicht, auf „die da oben“ zu schimpfen, weil „uns jetzt die Grünen auch noch unsere Bratwurst verbieten wollen“ oder weil „die SPD den Ausländern alles vorn und hinten reinsteckt und wir dadurch immer weniger im Portemonnaie haben“ – ganz zu schweigen von der Linken, „die sich selbst zerfleischt, anstatt sich um unsere Probleme zu kümmern“. 

Wenn dann ein Populist kommt und gegen die „Altparteien“ wettert, rennt er offene Türen ein. Das Schlimme ist ja, dass die Höckes und Weidels nicht gewählt werden, obwohl sie ihre völkischen, rassistischen Parolen verbreiten, sondern weil sie das machen. Ich habe es gesehen, als in Schleusingen in Thüringen Neonazis zum „SS-Heldengedenken“ mit Fackeln durch die Straßen zogen. Ich stand daneben, als am 13. Februar in Dresden Hunderte Neonazis „Deutschland, Deutschland über alles“ sangen, viele mit dem ausgestreckten rechten Arm, und die sächsische Polizei danebenstand und nichts unternahm. 

Es ist grundfalsch, den Osten abzuschreiben nach dem Motto: „Da sind doch sowieso alle Nazis“. Nein – wir müssen uns gegen die Populisten wehren, und wir müssen denen, die sich für demokratische Grundwerte gerade machen, helfen. Wenn jetzt schon Landräte zurücktreten, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten, wenn jetzt wieder Punks oder People of Colour durch die Straßen gejagt werden, wenn alternative Klubs überfallen werden, wenn junge Menschen nicht mehr unbewaffnet das Haus verlassen, dann sollten bei uns allen die Alarmsirenen angehen. 

Wenn wir das, was da auf uns zurollt, nicht aufhalten, werden wir uns umgucken. Ich kann nichts anderes machen, als immer wieder in diese Gegenden zu fahren und die Leute vor Ort zu bestärken, nicht aufzugeben. Ich kann meine Bühne und meine Öffentlichkeit nutzen, immer wieder auf diese 5-vor-12-Situation hinzuweisen. Ich kann Lieder schreiben, die sich mit diesen Themen beschäftigen und mich – vor allem in sozialen Netzwerken – dafür von einem widerlichen Mob beschimpfen lassen.

Auch Auftritte unter Polizeischutz hatte ich schon. Trotzdem mache ich weiter. Ich will später nicht sagen müssen, dass ich nichts gemacht habe – so, wie es mir meine Großmutter sagte, die sich später sehr dafür geschämt hat. 

Ich schreibe darüber Lieder, und das hat für mich einen fast therapeutischen Effekt. Ich habe auch ein Lied über meine Omi Philine Fischer geschrieben. Sie hat mir von der sogenannten „Reichskristallnacht“ erzählt, die sie als 19-jährige Frau in Leipzig erlebte.

NICHT NOCHMAL

„Was ich dir jetzt hier erzähle

Hab ich mir nicht ausgedacht 

War dabei Ich stand daneben

Und ich habe nichts dagegen gemacht“

Das sagte meine Omi zu mir

Ich war damals gerade mal 15.

Sie sagte:

„Im November 38  

Ich hab’s ganz genau gesehen 

Alles brannte und ich konnte 

Oder wollte was ich sah nicht versteh‘n 

Mein Junge heute schäm ich mich so“

Und dann ha’m wir zusammen geweint

NICHT NOCHMAL

Wenn wir uns wegducken, dann wird‘s schlimm

NICHT NOCHMAL

Wir woll’n nicht weggucken, wir gucken hin 

Genau das ist das Ding

Genau das bin ich meiner Omi schuldig

Das Herz am rechten Fleck schlägt links 

Wenn wir heute wieder sehen 

Davidstern ans Haus gemalt 

In Berlin wo Juden leben 

Was ist los - das kann uns doch nicht egal sein 

Nie wieder woll’n wir einfach so tun 

Als ginge uns das alles nichts an

NICHT NOCHMAL 

Wenn wir uns wegducken, dann wird‘s schlimm

NICHT NOCHMAL

Wir woll’n nicht weggucken, wir gucken hin 

Genau das ist das Ding

Genau das ist, worum wir uns kümmern

Das Herz am rechten Fleck schlägt links

Das ist unser Leben 

Das ist unsere Straße

Das ist unser Haus

NICHT NOCHMAL 

Wenn wir uns wegducken, dann wird‘s schlimm

NICHT NOCHMAL

Wir woll’n nicht weggucken, wir gucken hin 

NICHT NOCHMAL

Damit die Welt nicht im Wahnsinn versinkt

Genau das ist das Ding

Genau das ist, worum wir uns kümmern

Wenn sich auch grad die Zeiten verschlimmern

Wir werden das Hakenkreuz für immer zertrümmern 

Das Herz am rechten Fleck schlägt links 

Und das ist das, was ich für meine Omi sing

Ähnliche Artikel