Frührente Kritik an Forderung nach Abschlägen für Frührentner
Der Wirtschaftsweise Martin Werding hatte Abschläge von bis zu 6 Prozent gefordert. Ostfrieslands Wirtschaft und Politiker setzen eher auf Bonussysteme für diejenigen, die länger arbeiten wollen.
Berlin/Ostfriesland - In Deutschland kann man mit 63 Jahren in Frührente gehen. Versicherte müssen dafür aber 35 Jahre Versicherungszeiten bei der Deutschen Rentenversicherung nachweisen – und dann Abschläge akzeptieren. Diese Möglichkeit sei zwar in Ordnung, sagte jetzt der „Wirtschaftsweise“ und Ökonom Martin Werding der Funke Mediengruppe. Aber: „Abschläge von 3,6 Prozent pro Jahr sind dafür zu niedrig. Stattdessen müssten es 5 bis 6 Prozent sein“, fordert er.
Von der SPD-Bundestagsabgeordneten Anja Troff-Schaffarzyk (Remels) kassiert er für seinen Vorschlag eine klare Absage: „Höhere Abschläge und De-facto-Rentenkürzungen sind für die SPD und mich persönlich keine Option. Viele Menschen, die mit 63 in Rente gehen und Abschläge in Kauf nehmen, tun dies nicht freiwillig, sondern weil sie nach Jahren voller Arbeit nicht mehr können. Daran hängen Schicksale. Statt diese Menschen zusätzlich zu sanktionieren, setzen wir positive Anreize für ein längeres Arbeitsleben.“ Ihr Kollege Johann Saathoff (Pewsum) schließt sich an und ergänzt: „Wer will, dass Beschäftigte freiwillig länger arbeiten, muss positive Anreize setzen und vor allem die Arbeitsbedingungen verbessern.“
Aus Sicht von Gitta Connemann (Hesel), CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), geht der Vorschlag von Werding hingegen in die richtige Richtung. „Alle, die arbeiten können, werden gebraucht. Wer dennoch früher in die Rente will, wird höhere, gerecht bemessene Abschläge in Kauf nehmen müssen. Denn die Solidargemeinschaft kann nicht für individuelle Wünsche bei der Lebensplanung aufkommen“, stellt Connemann klar.
Fast jeder dritte Erwerbstätige ab 50 will früher in Rente
Laut einer Umfrage des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) will sich fast jede und jeder dritte Erwerbstätige ab 50 Jahren (31,3 Prozent) früher aus dem Job verabschieden. Das bestätigen auch Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV): Von den rund 953.000 Menschen, die 2023 erstmalig eine Altersrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung erhielten, hätten mehr als die Hälfte (555.000) das reguläre Rentenalter noch nicht erreicht.
Laut der TK-Umfrage könnten etwa flexible Arbeitszeitmodelle (73,7 Prozent) und mehr Gehalt (66,5 Prozent) ältere Erwerbstätige von einem vorzeitigen Renteneintritt abhalten. Darauf setzt auch der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg, Max-Martin Deinhard. „Aus Sicht der Wirtschaft brauchen wir jeden und jede auch ab 63plus“, betont er. „Wir befürworten es deshalb, dass man auch über das Rentenalter hinaus arbeiten kann. Dafür sind die Betriebe offen“, sagt Deinhard, und setzt damit auf ein System, das eher diejenigen finanziell belohnt, die länger arbeiten, statt diejenigen finanziell zu bestrafen, die schneller in Rente gehen wollen. Dem stimmt auch Connemann zu: „Wer bereit ist, später in die Rente zu gehen, muss höhere Zuschläge erhalten. Wer länger arbeiten will, muss dafür belohnt werden.“
SPD will ein insgesamt höheres Rentenniveau
Auf Bonussysteme setzt man auch bei der Handwerkskammer für Ostfriesland. „Menschen im Alter von 63 und darüber sind auf dem Arbeitsmarkt durchaus gefragt“, erklärt Vizepräsident Jörg Klein. „Wir sollten auch nicht immer von einer Rente mit 63 reden, vielmehr von einer Rente nach 45 Beitragsjahren. Ein faires Anliegen für alle“, betont er. „Die Vorstellung, dass die hart erarbeitete Rente nach 45 Beitragsjahren gekürzt oder anderweitig eingeschränkt werden könnte, ist für viele Betroffene nicht nur ein finanzieller Schlag, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit“, so Klein.
Für Werding, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, passen völlig abschlagsfreie Frührenten für Menschen, die gesund sind und normal bis überdurchschnittlich verdienen, „angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels überhaupt nicht in die Landschaft“, betont er.
Aus Sicht der SPD wäre insgesamt ein höheres Rentenniveau nötig, teilt Saathoff mit: „Das Rentenniveau von 48 Prozent war mit den Koalitionspartnern der letzten Legislaturperioden schon schwer durchzusetzen, für ein höheres Niveau darüber hinaus gab es bisher keine Mehrheiten“. Er persönlich würde „lieber extrem hohe Vermögenseinkünfte und Erbschaften stärker besteuern und dafür Renten geringer oder gar nicht“.
Mit Material von DPA