Einsatz in Leer  Wie ein Roboter schwerkranke Kinder im Unterricht vertritt

Rieke Heinig
|
Von Rieke Heinig
| 07.08.2024 09:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Klassenlehrerin Margret Dreesmann hat den Roboter mit ihrer Klasse getestet. Foto: Ortgies
Klassenlehrerin Margret Dreesmann hat den Roboter mit ihrer Klasse getestet. Foto: Ortgies
Artikel teilen:

Die Gründe können psychisch oder körperlich sein: Wenn ein Schüler länger krank ist, verpasst er viel Unterricht. Helfen soll jetzt im Landkreis Leer ein kleiner Roboter. Wir haben ihn uns angesehen.

Leer - Es wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film: Statt einem Schüler drückt ein kleiner Roboter die Schulbank in der Grundschule Logabirum. Die Klassenlehrerin stellt eine Frage und der Kopf des Avatars blinkt grün. Leuchtendes grasgrün, nicht tafelgrün, sieht die Lehrerin und ruft den Roboter auf. Aus dessen Lautsprechern ist eine so gar nicht Roboter-mäßige Stimme zu hören, eher kindlich. Richtige Antwort. Der Avatar lächelt – mit den Augen, denn einen Mund gibt es nicht.

Die kindliche Stimme hat einen Grund. Hinter dem Roboter steckt ein echter Schüler. Oder eher: steckte. Denn im vergangenen Schuljahr wurde ab Anfang Mai in der vierten Klasse der Grundschule Logabirum das Pilotprojekt des Landkreises Leer getestet, erzählt Jana Bunger-Pfeiffer. Gemeinsam mit Schulleiter Henning Rischkopf und den Lehrerinnen Margret Dreesmann und Kerstin Wallschlag hat sie dieser Zeitung den Roboter vorgestellt. Bunger-Pfeiffer ist Teil des Amts für Schule und Bildung und leitet das Projekt, bei dem der Avatar ein Schulkind unterstützt.

Wie funktioniert der Roboter?

Das Prinzip des Avatars, kurz AV1, ist simpel, erklärt Rischkopf. Der Roboter bleibt in der Schule. Ein Schüler oder eine Schülerin vor Ort erklärt sich dazu bereit, dafür zu sorgen, dass die kleine Büste im Unterricht auf dem Platz steht. Das Kind, das den Avatar steuert, erhält von der Schule ein zugehöriges Tablet. Bedient wird der Roboter mit einer App. Eine eingebaute Kamera zeigt dem Schüler oder der Schülerin zu Hause ein Bild der Umgebung. Der Kopf kann nach oben und unten bewegt und nach links und rechts gedreht werden und nimmt die Geräusche im Klassenraum auf, demonstriert der Schulleiter.

Meldet sich der Schüler oder die Schülerin von zu Hause, leuchtet der Kopf des Avatars grün, zeigen die Lehrerinnen Margret Dreesmann (links) und Kerstin Wallschlag. Foto: Ortgies
Meldet sich der Schüler oder die Schülerin von zu Hause, leuchtet der Kopf des Avatars grün, zeigen die Lehrerinnen Margret Dreesmann (links) und Kerstin Wallschlag. Foto: Ortgies

Anders herum kann das Kind in das integrierte Mikrofon des Tablets sprechen, der Roboter gibt dies in der Klasse wieder. Mehrere Emotionen stehen außerdem zur Verfügung: Neutral, Freude, Trauer, Verwirrung. Klickt das Kind zu Hause auf einen entsprechenden Smiley in der App, verändert der Avatar in der Schule den Gesichtsausdruck. Tippt es dagegen auf melden, blinkt der Kopf des Roboters grün. Wählt das Kind Abwesenheit aus, leuchtet er dagegen blau.

Wann kommt der Roboter zum Einsatz?

Ziel sei nicht, dass der AV1 bei Erkältungen oder Ähnlichem zum Einsatz kommt, betont Jana Bunger-Pfeiffer. Es solle bei längerer Abwesenheit ermöglicht werden, am Unterricht teilzunehmen. „Sowohl bei psychischen als auch bei körperlichen Beeinträchtigungen können einige Schülerinnen und Schüler nicht in den Unterricht kommen. Das können zum Beispiel soziale Ängste sein“, sagt sie. „Ich habe im vergangenen Jahr einen Beitrag über den AV1 gesehen. Seitdem ist es ein Herzensthema für mich, das jetzt im Landkreis umgesetzt wird“, sagt die Projektleiterin.

Der Avatar sorge nicht nur dafür, dass die Kinder weniger Unterrichtsstoff verpassen. „Er schafft auch soziale Teilhabe“, sagt Bunger-Pfeiffer. Heißt: Die Schülerinnen und Schüler zu Hause verlieren nicht so schnell den Anschluss und bleiben in der Klassengemeinschaft integriert. Die erste Testphase sei jetzt vorüber, der Roboter könne nun bei Bedarf im Kreismedienzentrum Leer von Schulen ausgeliehen werden – egal ob Grund- oder weiterführende Schule. Denn der Praxistest sei erfolgreich gewesen, berichten die Lehrerinnen.

Wie ist das Fazit nach dem Test?

Der Avatar habe auf einem Schülerplatz gesessen und sei von zu Hause von einem Kind gesteuert worden, das sonst nicht zur Schule hätte kommen können. „Und der Roboter ist in der Klasse sehr gut angekommen“, sagt Klassenlehrerin Margret Dreesmann. Sei der Lehrerin mal eine Meldung entgangen, weil sie etwas an die Tafel geschrieben hat oder durch die Klasse gegangen ist, hätten die anderen Kinder sie auf den blinkenden Avatar hingewiesen. „Sie waren unsere kleinen Assistenten“, scherzt Dreesmann. „Sogar beim Sport war das Kind mit dem Avatar dabei, wenn auch nur als Zuschauer“, so die Klassenlehrerin. Lediglich die Emotionen seien noch nicht so viel genutzt worden. „Aber er war ja nur kurz in Benutzung“, sagt Dreesmann.

Das Bild, das der Roboter aufzeichnet wird live aufs Tablet beim Kind zu Hause übertragen. Foto: Ortgies
Das Bild, das der Roboter aufzeichnet wird live aufs Tablet beim Kind zu Hause übertragen. Foto: Ortgies

Auch die Eltern der Schülerinnen und Schüler seien begeistert gewesen. Aus Datenschutzgründen hätten alle vorher ihr Einverständnis geben müssen. „Das hat reibungslos funktioniert“, berichtet die Lehrerin. Und auch für den Schüler hinter dem Avatar sei der Test erfolgreich verlaufen: Durch den Roboter sei es gelungen, dass das Kind das Mindestmaß an Unterricht mitmachen und in die fünfte Klasse versetzt werden konnte. Die Lehrerin ist sich sicher: „Ich glaube nicht, dass es sonst auch geklappt hätte.“

Ähnliche Artikel