Brüssel Fünf Dinge, die Sie in Brüssel mit Humor nehmen sollten...
Ein pinkelndes Wahrzeichen, ein einziges Sprachenlabyrinth und eine ausgeprägte Bierkultur: Besucher der belgischen Hauptstadt sollten sich auf so manche Eigenarten gefasst machen.
... dass das Wahrzeichen Brüssels ein pinkelnder Jüngling ist. Manneken Pis, die Brunnenfigur, Folklore und Politik zugleich, ist ein Phänomen und seit Jahrhunderten Symbol des belgischen Selbstverständnisses. Stets umlagert von Touristen kommt er jedoch deutlich kleiner daher als viele erwarten, zudem muss man durch ein Gitter knipsen – eine Vorsichtsmaßnahme, seit 1965 die Diebe tobten und die Bronze-Statue auf brutale Weise vom Sockel rissen.
Eine Kopie ersetzte die übriggebliebenen Beinreste und folgte der Tradition des inkontinenten Originals, auch wenn das wenig später wieder auftauchte. Wenn er nicht gerade pinkelt, wie ihn sein Künstler Jérôme Duquesnoy schuf, trägt er groß auf. Der Knabe verkörperte schon Obelix, Mozart, Dracula und sogar Nelson Mandela mit grauer Perücke. Mehr als 1000 Kostüme zählt das Archiv. Mittlerweile ranken sich so viele Legenden um Manneken Pis, dass Touristenführer je nach Tagesform die skandalösesten oder schlüpfrigsten Versionen herauspicken, ob wahr oder nicht. Zu den Perlen gehört, dass er eine eigene Hymne hat und seit 1989 offiziell verlobt ist. Belgischer Humor eben.
... dass es mindestens einmal am Tag regnet. Das Wetter in Brüssel ist zuverlässig schlecht und die Eine-Million-Dollar-Frage bleibt, warum kaum jemand über das Elend redet. In London soll es ständig nieseln, wie der Volksmund zu Unrecht meint? Pah! Schon mal Brüssel erlebt? Sonne und Licht verabschieden sich zwischen Oktober und April, dafür setzt graue Dauerdüsternis ein, die Nichtbelgier schon mal zur Verzweiflung treiben kann. Vielleicht erscheint der EU-Apparat deshalb so schlecht gelaunt. Das Europaviertel hat sich jedenfalls an den typisch belgischen Winterhimmel angepasst.
Betonboulevards ziehen sich durchs Europaviertel, gesäumt von stählernen Bürokomplexen und Verwaltungsburgen, dazu das monströse Berlaymont-Gebäude, Sitz der EU-Kommission. Glücklich der, der regelmäßig die Chance hat, zum Sonnetanken nach London zu flüchten.
... dass sich buchstäblich keiner versteht. „Hat dieses Land noch einen Sinn?“, titelte einst eine belgische Zeitung und wie so oft ging es um die Rechte französischsprachiger Belgier in den flämischen Vororten Brüssels. Tatsächlich stürzten erbittert geführte Sprachenstreits zwischen den niederländischsprachigen Flamen und den frankophonen Wallonen das Land regelmäßig in die Krise. Mittlerweile achten Regierungschefs und Familie König penibel darauf, mal so, mal so zu reden, zu schreiben und zu twittern.
Gelegentlich sprenkeln sie noch Belgiens dritte Landessprache ein: deutsch. Das Chaos lässt sich in Speisekarten, Eckkneipen, Trams und Modegeschäften beobachten. Um in dem gespaltenen Land keine stolzen Flamen zu verletzen, empfiehlt es sich, in den flämischen Flecken in Brüssel Niederländisch zu reden und falls diesem nicht mächtig, es besser auf Englisch zu versuchen statt auf Französisch. Und vice versa im mehrheitlich und historisch frankophonen Brüssel. Voilà.
... dass Müll zum Straßenbild gehört. Der unerfahrene Brüssel-Besucher dürfte sich nicht nur bei der Ankunft am Schmuddelbahnhof Gare du Midi fragen, ob er aus Versehen in Paris während des Müllabfuhr-Streiks gelandet ist. Auch für Einheimische gleicht der Spaziergang durch die Stadtviertel mit ihren feinen Art-Deco-Gebäuden oft einem unappetitlichen Spießrutenlauf.
Auf den Bürgersteigen stapeln sich mehrmals pro Woche Berge voller undichter, stinkender Müllsäcke, hinzu kommt der herumfliegende Abfall, weil Füchse oder Krähen das Plastik aufreißen. Das System als suboptimal zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahres. So stellen die Bewohner ihre Säcke je nach Art von Müll an unterschiedlichen Wochentagen vor ihre Häuser. Im Idealfall werden diese innerhalb eines Tages eingesammelt, aber dies ist Belgien, ergo: In der Realität ist es gut und gerne eine Sauerei. Kürzlich präsentierte der Bürgermeister einer Brüsseler Gemeinde mit Tamtam seine Lösung des Problems und er klang, als hätte er geschnittenes Brot erfunden. Seine bahnbrechende Idee: die Mülltonne. Ob sie sich durchzusetzen vermag, ist offen.
... dass die Belgier nichts mit dem deutschen Reinheitsgebot anfangen können. Manche, aber natürlich wenige Deutsche, sprechen bei Belgien vom Vaterland des Bieres. Immerhin steht hier Bier auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit, es gibt rund 1500 Sorten aus 400 Brauereien und einige von ihnen schmecken nicht nur nach Früchten wie Kirsche oder Pflaume oder nach Gewürzen wie Anis oder Koriander, viele haben zum Leidwesen ungeübter Trink-Touristen auch deutlich über zwölf Volumenprozent.
Die Belgier lieben ihre Traditionen und so erfreuen sie sich an all den vielen Arten der Gärung wie auch Herstellung. Im Übrigen gibt es für fast jede Biermarke ein eigenes Glas. Ob Duvel Moortgat, La Chouffe, The Brew Society, Martens, The Musketeers oder LefebvreStets – stets im September können sich Hopfenliebhaber beim Belgian Beer Weekend auf dem prächtigen Grand-Place im Zentrum Brüssels durchprobieren, wo früher die Brauerzunft und heute Belgiens größter Brauereiverband sitzt. Angesichts der Kater-Gefahr lohnt stets ein Blick auf den Alkoholgehalt.