Osnabrück  Winnetou und der wilde Westen: Über Klischees und Missverständnisse

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 02.08.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Lex Barker als Old Shatterhand, Pierre Brice als Winnetou und Ralf Wolter als Sam Hawkens (l-r) in einer Szene des Films „Der Schatz im Silbersee“ von 1962. Foto: dpa
Lex Barker als Old Shatterhand, Pierre Brice als Winnetou und Ralf Wolter als Sam Hawkens (l-r) in einer Szene des Films „Der Schatz im Silbersee“ von 1962. Foto: dpa
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Die Winnetou-Geschichten von Karl May geraten immer wieder in die Kritik. Aber wie blickt ein Apachen-Häuptling auf heutige Debatten um kulturelle Aneignung und Deutungshoheit? Auf jeden Fall mit einer erfrischenden Perspektive, meint unser Chefredakteur Burkhard Ewert.

Indianern wird häufig eine gewisse Weisheit zugeschrieben, unverdorben von Gier, politischem Taktieren und übertechnologisiertem Kapitalismus. Vermutlich kennen Sie zum Beispiel die „Prophezeiung der Cree“: „Erst wenn der letzte Baum gestorben ist…“, und so weiter. Greenpeace machte einen Aufkleber draus, der in den 80er-Jahren auf abertausenden VW-Campingbullis und roten Volvo-Kombis prangte und als Poster manches Kinderzimmer zierte.

Auch die Hopi sind beliebt, ein Stamm, der in Arizona der Zivilisation entsagt und karg und abgeschieden lebt. Ihre Dörfer sind Ausflugsziele von Hippies und Hipstern. Häuptling „Weiße Feder“ soll eine tiefschürfende Vorhersage über Eisenbahnlinien und Straßen gemacht und in der Vergangenheit sogar bereits den Einsturz des World Trade Centers beschrieben haben.

Auch bei Karl May besticht Häuptling Winnetou durch Weisheit und Friedfertigkeit. Mein Kollege Stefan Lüddemann schreibt regelmäßig und sehr erfolgreich darüber, und ganz ehrlich: Ich kann mich diesem Nimbus nicht komplett entziehen. 

Warum auch? Als Mitglied einer weißen Mehrheitsgesellschaft und eines kolonial dominanten Kulturkreises kann es einen nur weiterbringen, sein Leben und seine Haltung einmal gespiegelt zu bekommen. Wer anderen Werten folgt, über ein anderes Verständnis von Natur und Religion, Zusammenleben und Schicksal verfügt, wird die eigene Sicht bereichern und kann einem für manche Dinge überhaupt erst die Augen öffnen.

Dementsprechend war ich ungeheuer neugierig auf das Ergebnis, als sich unser Reporter Sören Becker neulich anschickte zu prüfen, was ein Stammeshäuptling darüber denkt, wie man im Rest der Republik ihn und seinesgleichen nennt, ob man sich etwas kulturell aneignet, wie es heute heißt, und inwiefern man Ureinwohner wahlweise als primitiv abwertet oder, genau umgekehrt, idealisiert und verklärt.

Überwiegt die Wut über den Völkermord und seine Folgen, den die Siedler aus Europa im Norden und Süden Amerikas verübt haben? Oder ist alles ganz anders?

Becker fragte nach, und zwar bei einem Häuptling der Apachen. Und tatsächlich, Manceis „Moses“ Hernandez ging auf all die gängigen, woken Blasen-Vorlagen kaum ein. Stattdessen brachte er in dem Gespräch immer wieder eine Gegenperspektive und eine positive Deutung ins Spiel. Er weitete den Blick, ließ sich nicht provozieren und antwortete, ja, ich würde sagen: weise. 

Habe ich Ihnen zu viel versprochen? Mir jedenfalls gefiel die souveräne Gelassenheit des Apachen, von der sie an dieser Stelle noch mehr lesen können.

Ich wünschte mir mehr davon in den Debatten, die immer mal wieder durch den Rest der Republik branden – und beileibe nicht nur, wenn es um Indianer geht.

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