Friedensinitiative in Leer Friedenswache seit 130 Wochen – was treibt die Leeraner an?
Seit 130 Wochen findet jeden Montag um 17 Uhr in Leer eine Mahnwache für den Frieden statt. Wir haben mit den Veranstaltern über die Wirkmacht der Aktionen gesprochen – und über ihre Motivation.
Leer - Seit Ende Februar 2022 – dem Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine – versammeln sich Leeraner zu einer Mahnwache für den Frieden. Seit fast zweieinhalb Jahren treffen sie sich, um ein Zeichen zu setzen. So auch am Montag, 29. Juli, um 17 Uhr auf dem Denkmalplatz. Zwischen 80 und 100 Teilnehmern waren dieses Mal vor Ort. Wir haben mit den Initiatoren der Friedensmahnwache über ihre Standhaftigkeit und ihre Beweggründe gesprochen.
Engagement hält seit 130 Wochen an
Noch ist der Denkmalplatz leer. Gegen 17 Uhr dürfte sich das ändern. Seit 130 Wochen findet dort jeden Montag eine Friedensmahnwache für die Ukraine statt. Das sei anfangs eine spontane Idee gewesen, erinnert sich Mechthild Tammena bei einem persönlichen Treffen vor der Mahnwache. Gemeinsam mit Beate Stammwitz und Musiker Bernd van Geuns ist sie Teil des zehnköpfigen Organisations-Teams. Obwohl bis zum Beginn der Wache noch einige Dinge geklärt werden müssen, nehmen sich die drei Zeit für ein Gespräch. Angefangen mit der Aktion „Leer zeigt Haltung“ habe sich daraus mit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 schnell eine Mahnwache für den Frieden entwickelt.
„Wir hatten weder Technik noch Mikrofone. Wir wollten nur zusammenstehen“, sagt Tammena. Obwohl nichts groß geplant wurde und die Versammlung sehr improvisiert war, kamen 300 Menschen. Die erste Montags-Mahnwache folgte am 14. März. Jetzt – 130 Wochen später – scheint die Aktion deutlich eingespielter. Nach kurzen Absprachen mit den Technikern und der Polizei steht der Mahnwache nichts im Wege. 300 Menschen sind es bei Weitem nicht mehr – und doch sind bei bestem Wetter einige Menschen zusammengekommen. Darüber freut sich van Geuns besonders. Denn: Mittlerweile sei eine gewisse Gleichgültigkeit in der Gesellschaft eingetreten.
Redebeiträge teilweise auch auf Ukrainisch
Bei der Mahnwache am 29. Juli ist davon jedoch nichts zu spüren. Die Menschen scheinen vertraut, liegen sich mitunter in den Armen und kommen miteinander ins Gespräch. Trotz des schweren Themas ist die Stimmung überraschend gelassen. Tammena verrät, dass das genau so sein soll. Die Verbundenheit spiele eine große Rolle. Als Initiatoren würden sie viel auf Interaktivität setzen. Sei es bei Redebeiträgen oder bei der Musik. Wie in jeder Woche gab es bei der 130. Mahnwache einige Redebeiträge. Dieses Mal von Martin Heimbucher, dem ehemaligen Kirchenpräsidenten der evangelisch-reformierten Kirche. Den Teilnehmern war anzusehen, dass die Worte zum Nachdenken anregen. Im Anschluss der Mahnwache freut sich Mechthild Tammena darüber besonders. In die Redebeiträge würden jedes Mal viel Arbeit fließen. Mittlerweile würden die auch mal auf Ukrainisch übersetzt.
Das sei nicht zuletzt auch der Team-Kollegin Olga Skrypnyk zu verdanken, schwärmt Tammena. Skrypnyk arbeitet als Flüchtlingssozialberaterin beim Deutschen Roten Kreuz in Leer und hat es nach der Arbeit gerade so zu 17 Uhr auf den Denkmalplatz geschafft, verrät sie am Rande der Versammlung. Angefangen habe sie als Dolmetscherin in einer Flüchtlingsunterkunft in Leer, mittlerweile organisiere sie auch Kultur-Events und Treffen für ukrainische Frauen in der Stadt.
Musik weckt die Emotionen
Inmitten der Mahnwache – zwischen all den Menschen – fällt schnell auf: Worte allein sind es hier nicht, die für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit sorgen. Musik spielt dabei fast schon eine wichtigere Rolle. Der strenge Ablauf der halbstündigen Mahnwache wurde immer wieder durch musikalische Beiträge aufgelockert.
„Und die Soldaten gehen heim. Und weiße Fahnen wehen. Und alle sind frei, frei, frei. Diese Nacht mein Freund. Hab ich von Frieden geträumt.“ ist von der Band Silbermond über die Lautsprecher auf dem Leeraner Denkmalplatz zu hören. Es gibt wohl kaum einen passenderen Song für eine Friedensmahnwache. Besonders ergriffen von der Musik ist Initiator Bernd van Geuns. Der Musiker, der selbst gerne zur Gitarre und zum Mikrofon greift, ist sich sicher, dass die Besucher allein deshalb näher zusammenrücken. Musik sei eben etwas Verbindendes.
Gemeinschaftlich gegen die Gleichgültigkeit
Ans Aufhören denkt das Team hinter der „Mahnwache für den Frieden“ in Leer auch nach 130 Wochen noch nicht. Im Gegenteil. „Es gibt so viele Kriege auf der Welt, das ist das Problem“, sagt Tammena. Auch wenn sie sich namentlich für die Ukraine einsetzen, seien sie solidarisch mit allen Menschen, die derzeit im Krieg leben. Nur: Was bringt das? Schließlich wird eine Friedenswache im ostfriesischen Leer kaum einen großen Unterschied bewirken. Oder?
Es ist eine langanhaltende Kritik, mit der sich die Initiatoren immer wieder konfrontiert sehen. Kein Wunder, dass das Thema auch beim Gespräch viel Raum einnimmt. Ihnen würde vorgeworfen, dass die Solidarität den Krieg nicht beenden würde, sagt van Geuns. Und das stimme auch. Widersprechen können die Initiatoren der Kritik nicht. Sie merken aber an, dass es ihnen mit der Friedenwache um etwas ganz anderes geht. Sie würden zusammenstehen und ein Zeichen für den Frieden setzen wollen. Bestätigt fühlen sie sich durch die Resonanz von Ukrainern in Leer. „Für die Menschen, die aus dem Krieg geflohen sind, ist es wichtig zu zeigen: Wir sind da und wir solidarisieren uns mit euch“, sagt Tammena. Woche für Woche würden sie sich gegen die Gewöhnung und gegen die Gleichgültigkeit einsetzen, ergänzt Team-Kollege van Geuns. Und das sei auch der Grund, warum sie am 29. Juli um 17 Uhr – kurz nach dem Gespräch – wieder auf dem Denkmalplatz standen. Zum 130. Mal.