Energieversorgung Warum EWE 800 Millionen Euro in Wasserstoff investiert
Die Energiewende kommt mit großen Schritten nach Ostfriesland. Nach der Umrüstung auf E-Autos bei VW Emden soll nun der Wasserstoff das nächste ganz große Ding werden. Es geht auch um neue Jobs.
Ostfriesland/Oldenburg - Mit welchem Wumms EWE in die Wasserstoff-Technologie investiert, erkennt man erst, wenn man sich die ganzen Vorhaben einmal in Summe ansieht. Weit mehr als 800 Millionen Euro will der Oldenburger Energiedienstleister in den kommenden Jahren investieren. Vom Volumen her kann sich das durchaus mit anderen Konzernen der Region messen: VW etwa investiert jährlich geschätzte 200 Millionen Euro in den Standort Emden.
Die Frage bei EWE ist allerdings, wie viel des Geldes tatsächlich in der Region hängen bleibt. Und: Wie viele Arbeitsplätze können erhalten oder sogar neu geschaffen werden? Eines vorweg: Aus Politik und Wirtschaft will sich niemand auf eine Prognose einlassen – schon gar nicht öffentlich. Unterm Strich ist bei den vielen Projekten viel Hoffnung im Spiel – und natürlich die Frage: Können wir es uns leisten, die Chancen, die in der Energiewende stecken, links liegen zu lassen?
Was hat EWE da eigentlich vor?
Vielleicht hilft ein Blick auf die ganzen EWE-Projekte. Unsere Redaktion hat das mal bei den Oldenburgern abgefragt. Nach eigenen Angaben hat EWE, teilweise mit Partnern, im niedrigen zweistelligen Millionenbereich investiert und viele Einzelprojekte im Wasserstoffbereich initiiert, die in der Regel im Bereich Forschung und Entwicklung oder auch der frühen Marktaktivierung zu verorten sind (Hyways-For-Future, HyCavMobil, Zehn-Megawatt-Elektrolyse in Bremen, das Projekt Hybit oder eine Zwei-MW Elektrolyse in Cuxhaven)
„Für die vier EWE-Vorhaben im Rahmen des großtechnischen Wasserstoff-Projektes ,Clean Hydrogen Coastline‘ (CHC) investiert EWE über 800 Millionen Euro“, heißt es aus Oldenburg. Davon seien 500 Millionen Euro Fördergelder von Bund und den Ländern Niedersachsen und Bremen. Die Aufteilung zwischen Bund und Land betrage etwa 70 zu 30. CHC gehöre zu den sogenannten IPCEI-Projekten (Important Projects of Common European Interest). Diese Fördergelder hat EWE erst Mitte Juli in Berlin von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sowie Vertretern der Länder entgegengenommen.
Wofür wird so viel Geld ausgegeben?
Im Teilprojekt 1 „Clean Hydrogen Coastline – Elektrolyse Ostfriesland“ baut EWE in Emden eine 320-Megawatt-Elektrolyseanlage. Damit entsteht erstmalig ein Elektrolyseur im großtechnischen Maßstab für eine künftige Wasserstoffwertschöpfung. Abhängig von den noch fehlenden Genehmigungen soll noch in diesem Jahr Baubeginn in Emden sein, so dass bereits in vier Jahren Wasserstoff aus erneuerbaren Energien erzeugt werden kann.
Im Teilprojekt 2 „Clean Hydrogen Coastline – Elektrolyse Bremen“ baut EWE in der Hansestadt eine 50-Megawatt-Elektrolyseanlage zur grünen Wasserstofferzeugung. Dieser grüne, in Bremen produzierte Wasserstoff soll unter anderem für die klimaneutrale Stahlproduktion in Bremen genutzt werden.
Im Teilprojekt 3 „Clean Hydrogen Coastline – Speicher Huntorf“ bindet EWE die Wasserstoffinfrastruktur an seinen Kavernenspeicher in Huntorf im Landkreis Wesermarsch an. Dafür wird einer von sieben großen unterirdischen Hohlräumen (Salzkavernen), die derzeit für die Erdgasspeicherung genutzt werden, umgerüstet und es werden obertägige Anlagen errichtet, um Wasserstoff zu speichern. Dadurch kann das grüne Gas dann zur Verfügung stehen, wenn es gebraucht wird. Die großskalige Wasserstoffspeicherung verbessert damit auch die Versorgungssicherheit für die Wasserstoffnutzer. Zudem erfüllen diese Speicher in Zukunft Aufgaben zur Integration der Erneuerbaren Energien in das Gesamtsystem. Den Nachweis, dass Wasserstoff in Salzkavernen gelagert und mit hoher Reinheit wieder extrahiert werden kann, erbringt EWE gerade im Rahmen eines Forschungsvorhabens an seinem Gasspeicherstandort in Rüdersdorf bei Berlin.
Das Teilprojekt 4 „Clean Hydrogen Coastline – H2-Pipeline-Infrastruktur Nordwest“ hat das Ziel, die Leitungsinfrastruktur für Wasserstoff im Nordwesten zu optimieren. Durch den Bau und die Umstellung von mehreren Pipeline-Abschnitten stellt EWE den Anschluss an das künftige europaweite Wasserstofftransportnetz her. Dieser Anschluss schafft eine Verbindung der Wasserstofferzeugungsanlagen, des Wasserstoffspeichers und der Nutzer über das deutsche Wasserstoffkernnetz und den sogenannten European Hydrogen Backbone. Die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber Gas haben gerade erst ihren finalen Antrag für das rund 10.000 Kilometer lange Wasserstoffkernnetz bei der Bundesnetzagentur eingereicht, dazu gehört auch die EWE Konzerntochter GTG Nord. Dabei spielt auch der EWE-Erdgasspeicher in Nüttermoor (Leer) eine Rolle.
Wie begründet EWE die Investitionen?
Doch zurück zur ursprünglichen Frage: Was bringen all diese hochtechnischen, komplexen Investitionen den Menschen vor Ort? EWE seinen mit seinen Wasserstoffprojekten von der Erzeugung über den Transport und die Speicherung entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis hin zum Kunden aktiv, heißt es dazu aus Oldenburg. „Durch unsere sehr bewusste Standortwahl im Nordwesten Deutschlands setzen wir auf regionale Wertschöpfung. Wie bereits beim Bau der GWL (Gasanbindung Wilhelmshaven-Leer, die Red.) bewiesen, werden wir uns auch in der Umsetzung der IPCEI-Projekte dafür einsetzen, wo immer und soweit möglich, regionale Unternehmen zu beauftragen.“
Der Nordwesten sei für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft geradezu prädestiniert, so EWE. So biete er ausreichend Wind zur grünen Wasserstoff-Erzeugung, optimale geologische Voraussetzungen für die Speicherung von Wasserstoff in Salzkavernen und eine gute Anbindung an das geplante Wasserstoff-Kernnetz. EWE: „Dadurch wird die Region perspektivisch zu einem Zentrum der Wasserstoffwirtschaft, was in der Folge die Standortattraktivität für Unternehmen und Investitionen in die Region anreizt und auch neue Arbeitsplätze generieren kann.“