Aus dem Nest gefallen Die Freundschaft zwischen Fiete aus Rhauderfehn und der Dohle Jakob
In Langholt hat der achtjährige Fiete eine besondere Freundschaft mit der inzwischen zahmen Dohle Jakob geschlossen. Die Vögel waren bei einem Sturm samt Nest zu Boden gefallen.
Langholt - Wenn Fiete Wahrheit (8) in den Garten geht, wird er mit fröhlichem Gekrächze begrüßt. Und schwups, sitzt ein schwarzer Vogel auf seinem Arm. Das ist Jakob. Er ist eine Dohle, die im Mai 2024 als Nestling samt seinen Geschwistern und dem Nest auf dem Boden landete. Jakob hatte Glück, da Fietes Papa Thomas Wahrheit davon erfuhr und die Nestlinge bei sich aufnahm. Mittlerweile ist Jakob groß und erkundet die Gegend rund um sein Zuhause im Buchweizenkamp Langholt. In der Nachbarschaft ist die zahme Dohle bekannt und ein gern gesehener Gast. Bald kommt der Herbst. Dann zieht es viele Vögel gen Süden. Auch Dohlen sind Zugvögel. Ob der zahme Jakob mitfliegt, ist ungewiss.
„Ein Bekannter von Papa hat angerufen, dass da Dohlen sind. Es waren fünf Tiere. Das ganze Nest lag unten. Zwei davon konnten nicht richtig laufen“, berichtet Fiete Wahrheit (8), während die junge Dohle Mehlwürmer aus seiner hohlen Hand isst. Der Achtjährige hat sich schon immer eine Dohle gewünscht. Sein Traum erfüllte sich. Fietes Vater Thomas ist Jäger und kümmerte sich sofort um die Nestlinge. Für die Jungtiere baute die Familie eine Holzkiste mit Belüftung und ohne Zugluft. Nachts waren die Tiere anfangs in der Garage, tagsüber draußen. Zu futtern gab es gekochte Eier und Katzenfutter, aufgezogen in einer 50 Milliliter Spritze. Die Fütterung und Pflege der Fundvögel übernahmen Vater und Sohn.
Anfangs mussten die Vögel gefüttert werden
„Papa hat mir gezeigt, wie man sie füttert, dann habe ich das gemacht. Anfangs können sie noch nicht picken, deswegen muss man sie füttern“, lernte Fiete. Mehrere Wochen ging es so. „Beim Füttern muss man jeden einzelnen Vogel in die Hand nehmen. Das dauert. Einer starb. Zwei gaben wir weg, zwei blieben“, so Wahrheit. Eine Dohle war für Fiete und eine für seine Schwester Tilda (5). Ihr Jungvogel starb jedoch. Jakob, wie Fiete seine Dohle nannte, überlebte. Beim Füttern sagte der Junge immer den Namen, den er für seine Dohle aussuchte. So gewöhnte sich das Tier daran. Heute hört Jakob auf seinen Namen.
„Wenn man ihn ruft, kommt er geflogen. Das funktioniert bis heute. Unser Sohn kannte aus den alten Geschichten von Oma und Opa, dass Dohlen von Menschen gezähmt werden. Damals wurden die Küken ganz bewusst aus dem Nest geholt. Das machen wir nicht. Wir haben Jakob vor dem Tod bewahrt“, betont Thomas Wahrheit. Die gezähmte Dohle soll so natürlich wie möglich bei Familie Wahrheit leben. „Eine Voliere gibt es nicht. Der Vogel kann sich frei bewegen. Ins Haus kommt er allerdings nicht, denn Jakob ist eigentlich kein Haustier, obwohl er den Kontakt zu Menschen sucht“, sagt Wahrheit. „Er kann nicht sprechen, antwortet aber mit Lauten. Ich kann seine Stimme sehr gut von anderen Dohlen unterscheiden, seine ist heller als andere. Nachts ist er in den Bäumen oder unter dem Terrassentisch“, berichtet der Familienvater. Zur Familie gehört auch ein Jagdhund. An den wurde Jakob bewusst nicht gewöhnt, damit er nicht in Gefahr gerät.
Jakob war bei der Langholter Weinwanderung dabei
Innerhalb der Nachbarschaft der vierköpfigen Familie ist die zahme Dohle, die auffällige Markenzeichen trägt, bekannt. Am rechten Bein befindet sich ein roter, am linken ein goldener Ring. Freunde der Familie hatten gefragt, ob Jakob passend zur EM so gekennzeichnet wurde. „Schwarz-Rot-Gold. Das war Zufall. Mir war nur wichtig, dass man ihn erkennen kann und die Leute verstehen, es ist kein wildes Tier“, erläutert Thomas Wahrheit lachend und ergänzt: „Sein Verhalten ist nicht arttypisch. In der Nachbarschaft kennen ihn alle schon. Er holt sich Leckerlis bei ihnen ab, das fördert es ja auch. Einmal haben die Damen der SCR-Fußballmannschaft ihn uns gebracht.“ Wenn die Dohle nicht gewollt ist, lässt sie sich auch verscheuchen.
Seinen großen Auftritt hatte Jakob bei der diesjährigen Weinwanderung zur 705-Jahr-Feier von Langholt. Beim ersten Stand der Weinwanderung war die zahme Dohle mit dabei und die Attraktion schlechthin. Und auch bei der großen Abschlussveranstaltung vor den diesjährigen Sommerferien der Grundschule Langholt sorgte Fietes geflügeltes Haustier für Begeisterung. Während der Feier flog Jakob durch eine offene Tür der vollbesetzten Aula und drehte seine Runden über die Köpfe der Feiernden hinweg. Auch für Fiete war das ein besonderes Erlebnis.
Das Fliegen brachte sich Jakob selber bei
Das Fliegen brachte sich Jakob selber bei. Thomas Wahrheit: „Sie fangen von selber an zu fliegen. Das erste Mal, als er weggeflogen ist, ist er mit anderen Dohlen zusammen geflogen. Er flog dem Schwarm wilder Dohlen hinterher. Er wollte mit, hatte aber nicht genügend Ausdauer.“
Manchmal bleibt Jakob auch für längere Zeit weg. Neulich für drei Wochen. Dann macht man sich schon Gedanken, wann und ob er wieder kommt, sagt der Jäger. „Es kann passieren, dass er im Herbst wegfliegt, das haben wir mit den Kindern besprochen. Dass er drei Wochen nicht bei uns war, zeigt, er kann überleben.“
Christina Röder, Pressesprecherin vom Naturschutzbund (NABU) Niedersachsen, weist auf Anfrage dieser Zeitung darauf hin, dass die Aufzucht von Wildvögeln der Unteren Naturschutzbehörde gemeldet werden sollte: „Lässt sich ein Wildvogel nicht auswildern, dann sollte auch mit dieser Behörde das weitere Vorgehen besprochen beziehungsweise eine Genehmigung zur dauerhaften Haltung eingeholt werden.“
Dohlen sind Höhlenbrüter. Wenn sich die Vögel in einem Nistkasten ansiedeln, dann sei es durchaus denkbar, dass dieser herunterfallen könne, wenn sich die Befestigung löst. Im günstigsten Fall würde man versuchen, den Kasten mit unversehrten Jungvögeln wieder an der ursprünglichen Stelle anzubringen und beobachten, dass die Brut von den Altvögeln weiterhin versorgt wird, rät die Fachfrau. Grundsätzlich appelliere der NABU Niedersachsen an die Menschen, vermeintlich hilflose Vogelkinder in der freien Natur zu belassen.
Häufige Fehler
Häufigste Fehler im Umgang mit Wildvögeln seien die Gabe von falschem Futter, Fehler beim Wassereinflößen, die zu Lungenentzündung beim Vogel führen können sowie mangelnde Wärme. Der häufigste Fehler sei sicherlich, Jungvögel aufzunehmen, obwohl dies nicht notwendig ist. Daraus könnten verschiedene Probleme resultieren.
Röder: „Auf den Menschen geprägte Jungtiere lassen sich nur schwer oder gar nicht mehr auswildern, da diese mit ihren Artgenossen nicht sozialisiert wurden. Fremde Menschen können von den Tieren angeflogen, angebettelt oder als Konkurrent angesehen werden. Das führt häufig zu Konflikten, zum Beispiel fehlende Scheu gegenüber natürlichen Fressfeinden oder Haustieren wie Hunde und Katzen. Dies birgt die Gefahr, dass diese Vögel schnell erbeutet werden und nicht lange leben.“ Bei Anflug einer Dohle könne es im schlimmsten Fall auch zu Verletzungen eines Menschen kommen oder zumindest zu gehörigen Schrecken. Die meisten Menschen reagierten auf den Anflug eines schwarzen Vogels mit einer Abwehrreaktion, die verständlich sei, das Tier aber töten könne, beispielsweise durch Erschlagen. Auch könne nicht arttypisches Verhalten dazu führen, dass die Vögel in der Freiheit von Artgenossen „gemobbt“ würden, berichtet die Naturschutzexpertin.
Zusätzliche Informationen zum Thema Wildvögel und den Umgang mit ihnen gibt es beim Naturschutzbund im Internet.