Osnabrück  Courage! Wilhelm Lehmbruck und sein Mut zur Geste der Demut

Dr. Stefan Lüddemann
|
Von Dr. Stefan Lüddemann
| 30.07.2024 05:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auguste Rodins Skulptur „Pierre de Vissant“ im Detail. Foto: Thomas Köster
Auguste Rodins Skulptur „Pierre de Vissant“ im Detail. Foto: Thomas Köster
Artikel teilen:

Seine „Kniende“ machte ihn berühmt, den Bildhauer Wilhelm Lehmbruck. Was sagt er uns heute? Er berührt mit seiner Haltung in schwierigen Zeiten. Jetzt sind seine Werke neu zu sehen.

Der Eine reckt die Faust, der Andere fällt auf die Knie. Welche Geste berührt mehr? Donald Trumps geballte Faust wirkt vulgär, Willy Brandts Kniefall 1970 zu Ehren der Opfer des Warschauer Ghettos berührt dagegen wie eine Geste für die Ewigkeit. In der Demut liegt die eigentliche Stärke. Das lehrt Wilhelm Lehmbrucks (1881-1919) Bronzeplastik „Die Kniende“. Sie verharrt seit über 100 Jahren in ihrer Pose stiller Duldsamkeit. Gerade das hat ihr Bewunderung eingetragen – und unstillbaren Hass.

Courage: Ein Wort wie ein Ausrufezeichen, ein Begriff wie ein Fanal. Er passt auf den ersten Blick gar nicht zu der mannshohen Figur der knienden Frau, weil er für sie zu laut ist. Schon 1912 auf der berühmten Sonderbund-Schau in Köln gefeiert, 1937 von den Nationalsozialisten im Kontext der „Entarteten Kunst“ verspottet, 1955 als Portalfigur der ersten Documenta in Kassel geehrt: Lehmbrucks Figur trägt die Last eines umkämpften 20. Jahrhunderts scheinbar mühelos.

Jetzt nimmt sie wieder eine Bürde auf ihre grazilen Schultern, jene eines eigentlich noch jungen Säkulums, dessen Gesicht aber schon von Leid und Gewalt zerfurcht ist. Der sacht geneigte Kopf, die zarte, zur Brust erhobene Hand, das gebeugte Knie dieser anmutigen Frauengestalt: Lehmbrucks „Kniende“ könnte eine Friedensaktivistin sein. Eine mahnende Politikerin. Oder einfach eine trauernde Mutter. Am Ende ist sie all das zusammen und vor allem dies: eine Figur wie eine Kathedrale.

Das Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum wird 60. Das Datum liefert nicht mehr als den Anlass für eine, mit Namen wie Auguste Rodin, Käthe Kollwitz oder Oskar Schlemmer geadelte Präsentation, die um diese berühmte Jahrhundertskulptur wie um ihre gar nicht so geheime Mitte kreist. Museumsdirektorin Söke Dinkla nimmt ihren Ausstellungstitel beim Wort und beweist selbst Courage, indem sie die Geschichte der Avantgarde noch einmal neu erzählt – als Geschichte von der Schönheit und Verletzlichkeit des Menschen.

In der konventionellen Sicht geht diese Geschichte anders. Sie handelt von Aufbruch und Tatendrang, vom Vorstoß zu einem neuen Menschen und jener sozialen Utopie, die es unbedingt zu erreichen galt – auch unter Opfern. Avantgarde: Der Terminus ist nicht ohne Grund aus dem militärischen Sprachgebrauch entlehnt. In Duisburg vertreten der italienische Futurist Umberto Boccioni mit seiner schreitenden Figur in flatternder Bewegung und Vladimir Tatlin mit seinem Modell eines sich in die Höhe schraubenden Turms diese Lesart einer Moderne, die vor allem vorwärts will. Um jeden Preis.

Solch gewaltsamer Fantasie setzt die Duisburger Ausstellung eine ganz andere Version der Moderne entgegen. Diese Moderne zielt auf keine Utopie, sondern auf den Menschen. Sie will keinen neuen Zukunftstempel, sie verweist auf das verletzliche und damit kostbare Individuum. Der Mensch selbst ist schon die Kathedrale. Das ist Wilhelm Lehmbrucks berührende Botschaft, vor allem die seiner „Knienden“.

Söke Dinkla steht zu ihrem Projekt einer Thesenschau. Ihr Arrangement bleibt bei aller Klarheit doch vollkommen unangestrengt. Die „Kniende“ bildet das Energiezentrum einer Raumfolge, die wie ein Drehkreuz funktioniert. Der Besucher blickt von Auguste Rodins Kopf eines der „Bürger von Calais“ ebenso zurück auf Lehmbruck wie aus der Richtung Medardo Rossos und seiner zarten Wachsporträts oder der Körperbilder Egon Schieles. Blicke entfalten Korrespondenzen: So funktioniert die subtile Dramaturgie der Duisburger Präsentation.

Verblüffend, wie auf diese Weise alle Energie von Lehmbruck ausgeht und zu ihm wieder zurückflutet. Das Geheimnis seiner Kunst besteht darin, modern und zugleich überzeitlich zu sein, ein neues Menschenbild zu bilden und im gleichen Moment auf Konstanten der Existenz sichtbar zu machen. Die „Kniende“, „Kopf eines Denkers“ oder die „Betende“ – immer erscheint der Mensch als fragiles, auf sich selbst verweisendes Wesen.

Die Raumfolge setzt ausgewählte Skulpturen Lehmbrucks mit zentralen Positionen der Avantgarde in Beziehung. Darunter finden Oskar Schlemmers Vision des neuen, am Bauhaus geschaffenen Menschenbildes, die Trauerarbeit einer Käthe Kollwitz oder auch, als besondere Trouvaille, Sophie Taeuber-Arps skurrile Tanzmarionetten.

Zuletzt treffen – welch ein Finale – Lehmbrucks „Emporsteigender Jüngling“ von 1913/14 und Vladimir Tatlins Modell eines „Monuments für die III. Internationale“ von 1919 aufeinander. Hier der in Gedanken versunkene Jüngling, dort das machtbewusste Turm-Monument: Drastischer lassen sich Aussichten auf ein Jahrhundert kaum konfrontieren, als Konflikt zwischen politischem Projekt und dem Freiheitsrecht des Individuums. Tatlins Modell fand übrigens aus dem Bestand der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald den Weg nach Duisburg. Wie sprechend, mündet doch manche Gesellschaftsutopie des 20. Jahrhunderts im mörderischen Lagersystem, ob in NS-Staat oder Sowjetunion.

Duisburg, Wilhelm-Lehmbruck-Museum: Courage! Lehmbruck und die Avantgarde. Bis 6. Oktober 2024. Di.-Fr., 12-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr.

Ähnliche Artikel