Osnabrück  Bernhard Hoetger und sein gefährliches Spiel mit den Nazis

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 25.07.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Mann hat Großes vor und verheddert sich in Gewissenskonflikten: Der Bildhauer Bernhard Hoetger, gespielt von Moritz Führmann. Foto: ©Kinescope Film
Der Mann hat Großes vor und verheddert sich in Gewissenskonflikten: Der Bildhauer Bernhard Hoetger, gespielt von Moritz Führmann. Foto: ©Kinescope Film
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Wie gefährlich ist das Spiel mit der Politik? Der Bildhauer Bernhard Hoetger hat das leidvoll erfahren. Jetzt kommt ein Film über den Erbauer der Bremer Böttcherstraße in die Kinos.

Touristen flanieren durch die heimelige Bremer Böttcherstraße, Wanderer stehen vor dem hochaufragenden Niedersachsenstein bei Worpswede. Aber welcher kreative Kopf steht hinter diesen mal kurios, mal kühn wirkenden Bauwerken? Der Name Bernhard Hoetgers ist eher Kunstexperten ein Begriff. Ein Kinofilm ändert das jetzt – und bewirkt damit mehr als eine geschichtliche Nachhilfestunde.

Denn mit dem unweit von Dortmund 1874 geborenen und im schweizerischen Interlaken 1949 gestorbenen Bildhauer und Architekten verbindet sich die Geschichte einer fatalen Anpassung. Hoetger beginnt als junger Bildhauer in der Pariser Avantgarde und dient sich später Adolf Hitler an. Ein später doch nicht gebautes Parteizentrum mit der Form eines Hakenkreuzes: Mit solchen Plänen will er dem NS-Staat zu Diensten sein.

Pünktlich zum 150. Geburtstag dieses ebenso einflussreichen wie heute weithin unbekannten Künstlers kommt jetzt ein Hoetger-Film in die Kinos. Ein sprechender Titel: Zwischen den Welten. Fragt sich nur, zwischen welchen? Hoetger war ein Wanderer zwischen Kulturen, der sich für germanische Mythen und Pharaonen begeisterte, ein Wanderer zwischen künstlerischen Gattungen von Skulptur bis Architektur. Schwankte er auch zwischen Anstand und Manipulierbarkeit?

Der Film von Regisseurin und Drehbuchautorin Gabriele Rose ist als Doku-Fiktion angelegt. Spielszenen und Interviews mit Experten wechseln sich ab. Für die gespielte Handlung hat Rose Darsteller von Format gewonnen. Der auch aus dem „Tatort“ bekannte Moritz Führmann gibt einen von seiner Mission überforderten Hoetger, Florian Lukas einen verhärmten Heinrich Vogeler, Katharina Stark eine allzu schüchterne Paula Modersohn-Becker.

Ob es die bessere Entscheidung gewesen wäre, den Film komplett als fiktionale Handlung anzulegen? Der ständige Wechsel zwischen den von Schauspielerin gespielten Szenen und den Interviews mit Kunstexperten und Museumsleitern aus Bremen und Worpswede sorgt für viel hintergründige Information, bremst allerdings auch allzu sehr den Elan der Handlung.

Und die steuert auf einen Gewissenskonflikt zu. Denn Bernhard Hoetger, der junge Künstler, der sich in Paris aus der Armut ins Rampenlicht arbeitet, avanciert später zu einem Karrieristen, der sich in der Zeit der Nationalsozialisten für die falsche Seite entscheidet. Hoetger baut im Künstlerort Worpswede die Große Kunstschau und das Kaffee Worpswede. Er versteht die von ihm mit gebaute und von dem Kaffee-Magnaten Ludwig Roselius finanzierte Bremer Böttcherstraße als Architektur einer neuen, völkisch geprägten Periode. Hitlers Verriss der „Böttcherstraßenkultur“ desillusioniert Künstler und Geldgeber.

Bernhard Hoetger zwischen Kunst und Politik – so wäre der Titel „Zwischen den Welten“ richtig verstanden. Er verweist auf das grundsätzliche Problem einer Kunst, die sich als Medium einer Veränderung der Gesellschaft versteht und dafür Verbündete in der Politik suchen muss. Die funktioniert aber nach anderen, profaneren Regeln als eine im Vergleich allzu idealistische Kunst.

Im 20. Jahrhundert bezahlen Künstler, die sich diesem Experiment mit vollem persönlichen Einsatz überlassen, einen hohen Preis. Heinrich Vogeler etwa, der neben Bernhard Hoetger in Worpswede arbeitet, wird von den Kadern der Sowjetmacht beiseitegeschoben, als der Krieg ausbricht. Er stirbt 1942 vergessen in einer kasachischen Kolchose.

Bernhard Hoetger braucht für seine groß angelegten Projekte Geldgeber. Das treibt ihn zeitlebens auf die Suche nach Sponsoren. Deshalb entwirft er für Hermann Bahlsen in Hannover eine Kekspackung, baut für Roselius in Bremen an der Böttcherstraße mit. Als Künstler ist er auf dem Weg zu dem, was heute Corporate Identity heißt – ein Bild gewordenes Programm. Die absolute Kunst braucht man dafür nicht mehr. Das ist Hoetgers eigentliche Tragik.

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