Sanierung zu teuer  Marode Obdachlosen-Unterkünfte in Leer werden abgerissen

Jonas Bothe
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Von Jonas Bothe
| 23.07.2024 07:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Gebäude an der Eisinghausener Straße können nicht mehr genutzt werden. Foto: Wolters
Die Gebäude an der Eisinghausener Straße können nicht mehr genutzt werden. Foto: Wolters
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Die Gebäude sind marode und werden abgerissen. Es gibt aber noch weitere Unterkünfte für Obdachlose in Leer. Die ambulante Wohnungslosenhilfe hat unterdessen so viele Klienten wie noch nie.

Leer - Die sieben Obdachlosen-Unterkünfte an der Eisinghausener Straße in Leer stehen seit mittlerweile vier Jahren leer. Sie sind marode. Die Situation ist so schlimm, dass sie selbst als so genannte Schlichtwohnung, also eine Unterkunft mit niedrigstem Standard, nicht mehr akzeptabel waren. In Kürze rückt nun eine Abrissfirma an, teilt Stadtsprecher Edgar Behrendt mit. Den entsprechenden Auftrag hatte der Verwaltungsausschuss in seiner Sitzung im Juni erteilt.

Verwaltung und Politik hatten lange Zeit nach einer Lösung für die Gebäude gesucht. Eine Sanierung, ein Umbau, ein Abriss und ein Neubau standen zur Diskussion. Mindestens eine Viertelmillion Euro müssten in eine Sanierung gesteckt werden, hatte man in der Stadtverwaltung Anfang 2022 noch geschätzt.

Neubau oder Sanierung wären sehr teuer gewesen

Doch als man die Gebäude genauer unter die Lupe nahm, stellte sich heraus, dass wohl mindestens dreimal so viel investiert werden müsste. Schimmel, veraltete Rohre, Heizungen und Leitungen, ein ungedämmtes Dach und beschädigte Böden seien nur einige der Schäden, die eine Sanierung letztlich nicht mehr rentabel machten, hatte Grit Fokken von der Stadtverwaltung im März 2023 den Mitgliedern des Sozialausschusses geschildert. Ein Neubau werde ähnlich teuer und würde viel Zeit in Anspruch nehmen, weil nach einem Abriss ein langer Planungsprozess in Kauf genommen werden müsse.

Eine Sanierung der Gebäude wäre zu teuer. Foto: Wolters
Eine Sanierung der Gebäude wäre zu teuer. Foto: Wolters

Damit hat Leer dann nur noch sechs eigene Wohnungen im Birkhahnweg 19 mit zwölf Plätzen für Menschen, die unfreiwillig obdachlos geworden sind. Nur für diese Personengruppe ist die Stadt zuständig. Darunter fallen beispielsweise Personen, deren Wohnung vom Gerichtsvollzieher geräumt wird oder bei einem Brand unbewohnbar wurde.

Die Stadt Leer hat 14 Unterkünfte mit 31 Plätzen für Wohnungslose

Außerdem hat die Stadt acht Unterkünfte mit 19 Plätzen angemietet, teilt Stadtsprecher Behrendt mit. Insgesamt gebe es also 14 Unterkünfte mit 31 Plätzen. Davon seien aktuell 13 Unterkünfte mit 15 Personen belegt. Die monatlichen Kosten der angemieteten Wohnungen betragen rund 5400 Euro. Personen, die dort eingewiesen würden, müssten eine Benutzungsgebühr zahlen, so Behrendt.

Streng genommen ist eine solche Unterbringung nur als Übergangslösung gedacht. Die Erfahrung zeige aber, dass die Betroffenen wegen persönlicher Schwierigkeiten an der eigenständigen Suche nach einer Wohnung scheiterten und mehrere Monate oder sogar Jahre in der Notunterkunft blieben, hatte die Stadtverwaltung 2022 mitgeteilt.

DRK und ambulante Wohnungslosenhilfe unterstützen die Menschen

Bedenken, dass die Zahl der zur Verfügung stehenden Wohnungen nicht reichen könnte, habe man bei der Stadtverwaltung aber nicht, sagt der Stadtsprecher: „Es erfolgen keine Abweisungen wegen fehlender Unterkünfte.“ Bei Bedarf könnten Wohnungen, die eigentlich für die Unterbringung für Flüchtlinge angemietet worden seien, in Obdachlosenunterkünfte umgewandelt werden oder weitere angemietet werden. Außerdem würden immer wieder Unterkünfte frei, weil Personen eigenen Wohnraum finden, so Behrendt.

Für Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, gibt es unter anderem die soziale Anlaufstelle„Haus Deichstraße“ des Deutschen Roten Kreuzes sowie die ambulante Wohnungslosenhilfe der reformierten Kirche. Letztere betreut derzeit 33 Menschen, die obdachlos sind. „Davon haben wir 30 in normalen Wohnungen untergebracht“, sagt Leiter Wilfried Gastmann. Die Situation habe sich seit einem halben Jahr entspannt. „Es gab Zeiten, da haben sie Monate gebraucht, um eine Unterkunft zu bekommen“, sagt er. „Teilweise waren das dann nur Wohnklos.“ Solche Immobilien auf dem „grauen Wohnungsmarkt“ müssten derzeit nicht genutzt werden.

So viele Klienten betreut wie noch nie

Im vergangenen Jahr habe die ambulante Wohnungslosenhilfe 57 Klienten gehabt, sagt Gastmann. „So viele hatten wir noch nie.“ Zwei fest angestellte Sozialarbeiter, eine Jahrespraktikantin und eine Bürokraft würden sich um die Menschen kümmern. Es gebe einen steigenden Prozentsatz an Menschen, die alleine nicht klarkommen. „Es ist dann nicht nur eine Wohnung, die benötigt wird“, sagt Gastmann. Manche hätten keine Papiere. Außerdem kämen ganze Familien, denen am Ende des Monats das Geld ausgeht.

„Es sind jetzt außerdem viele junge Leute“, sagt Gastmann. Früher seien eher Menschen über 40 und 50 Jahren zur Wohnungslosenhilfe gekommen. „Jetzt sind sie teilweise unter 18, die sagen, dass sie keine Wohnung mehr haben.“ Viele psychisch erkrankte Menschen bräuchten zudem Hilfe. Auch unbegleitete Flüchtlinge, die zunächst in Jugendeinrichtungen untergebracht waren und wegen ihres Alters jetzt dort raus müssen, kommen vorbei. „Sie brauchen dann eine Meldeadresse“, sagt Gastmann.

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