Unternehmerlegende aus Großefehn  Unvergessen und unerreicht – zum 100. Geburtstag von Tullum

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 23.07.2024 07:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Tullum setzte sich für die vorzeitige Fertigstellung der Autobahn 31 ein. Foto: Archiv/Ortgies
Tullum setzte sich für die vorzeitige Fertigstellung der Autobahn 31 ein. Foto: Archiv/Ortgies
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Er gilt in Ostfriesland als Vater der A 31. Er war ein Macher, duzte jeden und feierte gern. Die Unternehmerlegende Rolf Trauernicht aus Großefehn wäre an diesem Dienstag 100 Jahre alt geworden.

Großefehn - Er war Unternehmer, Kommunalpolitiker und Visionär. Er gilt in Ostfriesland als Vater der Autobahn 31 und war schon zu Lebzeiten eine Legende. Rolf Trauernicht, genannt Tullum, wäre am 23. Juli 2024 100 Jahre alt geworden. Er starb 2017, kurz vor seinem 93. Geburtstag. Wann immer man in Ostfriesland den Namen Tullum ins Spiel bringt, geraten die Menschen ins Schwärmen. Sie bekommen leuchtende Augen und schwelgen in Erinnerungen an diesen im Wortsinne großen Menschenfreund. Rolf Trauernicht war fast zwei Meter groß und hatte riesige Hände.

Auch ich gehöre zu den Tullum-Fans. Ein persönliches Erlebnis ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Es war im November 2003. Ich arbeitete als Reporterin für die Regionalredaktion der Ostfriesen-Zeitung und wollte darüber berichten, wie ein Teilstück der Autobahn 31 im Emsland freigegeben wird. Tullum hatte großen Anteil daran, dass die durchgehende Verbindung vom Ruhrgebiet bis zur Küste früher als geplant fertiggestellt wurde.

Er war auch ein Schlitzohr

Zwischen Ochtrup in Nordrhein-Westfalen und Geeste im Emsland klaffte bis 2002 eine 42 Kilometer lange Lücke, die nach dem Plan des Bundes erst 2015 geschlossen werden sollte. Viel zu spät, wie Tullum fand. Jede Lastwagenstunde im Stau koste ein Unternehmen 50 Euro, rechnete er vor. Der Fehntjer sammelte mit anderen bei Firmen und Privatleuten Spenden. Unternehmen und Kommunen brachten am Ende rund 114 Millionen D-Mark auf. Trauernicht steuerte einen sechsstelligen Betrag aus seinem Privatvermögen bei. Auch die Niederlande beteiligten sich an den Kosten. Dank dieses Engagements stellte der Bund die Autobahn vorzeitig fertig. Das letzte Teilstück wurde im Dezember 2004 freigegeben – elf Jahre früher als geplant.

An jenem Tag im November 2003 aber ging es noch nicht um das letzte Teilstück, sondern um den 7,3 Kilometer langen Abschnitt von Lingen nach Wietmarschen. Es war also noch nicht die ganz große Party, aber trotzdem ein wichtiger Termin mit wichtigen Menschen, unter anderem einer Staatssekretärin aus dem Bundesverkehrsministerium. Trauernicht jedoch hatte vom Landkreis Emsland keine Einladung bekommen, wie er mir verschwörerisch verriet. Bestens vernetzt, wie er war, erfuhr er natürlich trotzdem davon und fuhr hin, hielt eine Rede und überreichte einen Scheck. Tullum war eben auch ein Schlitzohr.

Wie ein Ausflug mit Oma und Opa

Ich weiß nicht mehr, wie sich das ergeben hatte, jedenfalls nahm Tullum mich in seinem Mercedes mit, von Ostfriesland nach Lohne. Der Ort in der Grafschaft Bentheim liegt in der Nähe der damals neu gebauten Autobahnanschlussstelle Lingen. Ich saß auf der Rückbank, Tullum am Steuer, seine Frau Betty auf dem Beifahrersitz. Es fühlte sich für mich, damals 32 Jahre alt, wie ein Ausflug mit Oma und Opa an. Tullum erzählte in einer Tour, wir lachten viel. Betty drehte sich zwischendurch immer wieder zu mir um und reichte mir Bonbons. Selten im Leben habe ich so viel Warmherzigkeit von Menschen, die ich eigentlich gar nicht kannte, erfahren. Die Fahrt verging wie im Flug. Ich weiß noch, dass Tullum auf dem Rückweg geblitzt wurde und darüber nur lachte. Davon ließ er sich die Freude über diesen Tag nicht verderben.

Das Projekt Lückenschluss war Tullum ein Herzensanliegen. Foto: Archiv/Ortgies
Das Projekt Lückenschluss war Tullum ein Herzensanliegen. Foto: Archiv/Ortgies

Mir wurde seinerzeit klar, dass beim Thema A 31 eine Art Konkurrenzkampf zwischen Rolf Trauernicht und Hermann Bröring, dem damaligen Landrat des Landkreises Emsland, herrschte. Jenseits der Kreisgrenze gilt Bröring, übrigens wie Tullum CDU-Mitglied, als Vater des Projekts Lückenschluss. Auch auf Landesebene wird das so gesehen. Auf der Homepage des Landes Niedersachsen heißt es: „Bröring hat sich auf Landes-, Bundes- und Europaebene für den Ausbau der Infrastruktur im Emsland eingesetzt und damit wichtige Voraussetzungen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung geschaffen. Hierzu zählen die Emsvertiefung zur Sicherung des Werftstandortes Papenburg von 1993 bis 1994 und der Lückenschluss der Emslandautobahn (A 31) von 2001 bis 2004 durch das maßgeblich von ihm entwickelte regionale Finanzierungsmodell zum Bau einer Bundesautobahn (...).“

Schon mit 24 Jahren Unternehmer

Ist der wahre „Mister A 31“ also nicht Tullum, sondern Hermann Bröring? Der ehemalige emsländische Landrat, heute 78 Jahre alt, antwortet diplomatisch. „Diese Leistung kann man nicht auf zwei Personen reduzieren“, sagt Bröring. „Das war eine riesige Gemeinschaftsleistung. Sie wurde ermöglicht durch die regionale Wirtschaft, durch die Politik und durch die Unterstützung aus der Bevölkerung.“ Tullum sei ein Verbündeter gewesen, fügt der 78-Jährige hinzu. „Dieser agile Unternehmer war für uns ein ganz wichtiger Mann für die Akzeptanz in Ostfriesland und mit seinen öffentlichen Auftritten ein wichtiger Marketingfaktor, auch vielfach das Gesicht der Wirtschaft.“

Rolf Trauernicht war als Netzwerker bekannt. Zu den legendären Spargelessen im Blauen Fasan in Wiesmoor begrüßten er und seine Frau Betty mit Familie die Prominenz – hier den damaligen Ministerpräsidenten David McAllister (CDU). Foto: Archiv/Brahms
Rolf Trauernicht war als Netzwerker bekannt. Zu den legendären Spargelessen im Blauen Fasan in Wiesmoor begrüßten er und seine Frau Betty mit Familie die Prominenz – hier den damaligen Ministerpräsidenten David McAllister (CDU). Foto: Archiv/Brahms

Tullum war das, was man eine Unternehmerlegende nennt. Er wurde am 23. Juli 1924 als erstes von zwölf Kindern eines Torfschiffers und Fehnkolonisten in Wilhelmsfehn II geboren. Schon als Jugendlicher arbeitete er auf dem Binnenschiff seines Vaters. 1949 gründete er im Alter von 24 Jahren einen Baustoffhandel. Daraus gingen später unter anderem die Trauco- und die Nowebau-Gruppe hervor. Sein Leben lang setzte er sich für seine Heimat ein, insbesondere für die Infrastruktur. Dabei half ihm die exzellente Vernetzung. Wenn Tullum zum Spargelessen in den Blauen Fasan nach Wiesmoor einlud, kamen sie alle, sogar Ministerpräsidenten. 2002 verlieh ihm die Ostfriesische Landschaft die Ubbo-Emmius-Medaille für besondere Verdienste um Ostfriesland.

„Tullum war seiner Zeit voraus“

Weggefährten denken gerne an den Fehntjer zurück. „Er war ein ganz besonderer Mensch“, sagt Olaf Meinen, heute Landrat des Landkreises Aurich und von 2006 bis 2019 Bürgermeister von Trauernichts Heimatgemeinde Großefehn, die Tullum zum Ehrenbürger ernannt hat. „Tullum war seiner Zeit voraus“, sagt der 56-Jährige, der den Unternehmer von Kindesbeinen an kannte. „Er dachte deutlich weiter in die Zukunft als die allermeisten anderen.“ Er sei Neuem gegenüber immer aufgeschlossen gewesen, habe noch im hohen Alter den Umgang mit Computer und Handy gelernt.

Auch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) war Tullum per Du. Foto: Archiv
Auch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) war Tullum per Du. Foto: Archiv

Trauernicht habe immer Optimismus und Zuversicht ausgestrahlt, auch in schwierigen Zeiten. „So etwas fehlt uns in der jetzigen Zeit“, sagt Meinen. „Alles wird schlechtgeredet. Das hätte Tullum nie getan.“ Er habe in all den Jahren nie erlebt, dass der Unternehmer über irgendjemanden mal ein schlechtes Wort verloren habe. Als Chef habe er alle gleich behandelt, ob Reinigungskraft, Lagerarbeiter oder Geschäftsführer. „Ich habe ihn immer als Menschenfreund erlebt.“

Skatrunden im Blauen Fasan

Trauernicht habe eine soziale Ader gehabt, sei hilfsbereit und sehr gesellig gewesen, fügt Meinen hinzu: „Tullum mochte gerne feiern. Wenn er einlud, waren mindestens 1000 Leute da.“ Der heutige Landrat war auch Gast auf Tullums legendären Geburtstagsfeiern auf Norderney und mischte bei den Skatrunden im Blauen Fasan mit. „Tullums Tisch gibt es heute noch“, sagt Meinen. Trauernicht sei aber auch ein sehr ungeduldiger Mensch gewesen. „Es ging ihm alles nicht schnell genug.“ Seine Sekretärin habe einiges mitgemacht. „Großefehn hätte sich ohne Tullum nie so entwickelt“, sagt Meinen. „Er hat den Menschen Arbeit gegeben.“

Klaus Peters (Mitte), Leiter der Gesamtproduktion bei Enercon, hielt die Rede zu Rolf Trauernichts 90. Geburtstag am 23. Juli 2014 und überreichte ihm mit Tochter Lilly (links) ein großes Lebkuchenherz. Foto: Archiv/Ortgies
Klaus Peters (Mitte), Leiter der Gesamtproduktion bei Enercon, hielt die Rede zu Rolf Trauernichts 90. Geburtstag am 23. Juli 2014 und überreichte ihm mit Tochter Lilly (links) ein großes Lebkuchenherz. Foto: Archiv/Ortgies

Erwin Adams ist als Meinens Nachfolger seit 2019 Bürgermeister von Großefehn. Der 53-Jährige lernte Trauernicht während seiner Ausbildung Ende der 1980er Jahre im Einwohnermeldeamt kennen. Da holte der Unternehmer einen Personalausweis ab. „Kennst mi ok?“, habe Trauernicht zu ihm gesagt, erinnert sich Adams. „Ik bün Tullum.“ Selbstverständlich habe er den Unternehmer damals schon gekannt, aber es sei die erste direkte Begegnung gewesen.

„Immer eine Geschichte parat“

Diese Anekdote sagt viel aus über den Mann, dem Standesdünkel fremd waren und der jeden, wirklich jeden duzte, ob Auszubildender oder Ministerpräsident. Adams denkt gerne an Begegnungen mit dem Unternehmer zurück. „Tullum hatte immer eine Geschichte parat. Egal, wer zu ihm kam.“ Selbst Gästen aus der niederländischen Partnergemeinde Pekela, die er überhaupt nicht kannte, habe Trauernicht auf Anhieb etwas Gewinnbringendes, Motivierendes erzählt. „Er konnte sehr schnell Leute in seinen Bann ziehen.“

Alfred Meyer war bis 2014 Bürgermeister von Wiesmoor. Der 74-Jährige erinnert sich daran, dass Tullum in das Wiesmoorer Blütenfest eingebunden war. Zwar nicht in der ersten Reihe, aber dem Fehntjer sei immer daran gelegen gewesen, Dinge in der Region voranzubringen. „Er war immer bestrebt, Leute anzusprechen und Kontakte zu knüpfen“, sagt Meyer. „Er kannte die Leute. Er konnte mit jedem was anfangen.“ Der Mullberger erinnert sich gerne an Anekdoten, die Tullum erzählte: zum Beispiel, wie er mit dem Motorrad Zementsäcke nach Marcardsmoor lieferte, wie er sein Ehebett verkaufte, um ein Schiff zu finanzieren, und wie er sich in Hannover einem Abgeordneten vorstellte, der nicht wiedergewählt worden war: „Trauernicht.“ „Nee, tue ich nicht“, habe der erfolglose Politiker erwidert. Er trauere nicht.

Seit 2018 gibt es eine Tullumstraße

Stichwort Hannover: Da erinnert sich Meyer an eine Begebenheit, bei der Tullum schon im fortgeschrittenen Alter gewesen sei. Er habe ihn nach einem Messebesuch in Berlin auf dem Bahnsteig getroffen und sei mit ihm in den Zug gestiegen. In Hannover sei Trauernicht dann ausgestiegen, weil er nach Hamburg zu seiner Tochter wollte. Er habe ihm mit dem Koffer geholfen, erinnert sich Meyer. „Da war ich beeindruckt, was er sich in seinem Alter noch zutraut.“

2017 wurde in Großefehn eine Straße nach Tullum benannt. Foto: Archiv/Ortgies
2017 wurde in Großefehn eine Straße nach Tullum benannt. Foto: Archiv/Ortgies

Bis zuletzt hat Tullum gerne gefeiert. Zu seinem 90. Geburtstag am 23. Juli 2014 hatte er „nur“ 250 Gäste eingeladen. Sein Vater müsse seine Kräfte schonen und feiere daher im kleinen Kreis, sagte Sohn Focko Trauernicht damals fast entschuldigend. Noch vom Krankenbett aus wollte Tullum die Feier zu seinem 93. planen. Doch den hat er nicht mehr erlebt. Er starb am 16. Juli 2017. Zu seiner Beerdigung kamen rund 1000 Menschen. Im Jahr darauf wurde in Großefehn eine Straße nach ihm benannt. Die Straße am Sitz seines Unternehmens in Ostgroßefehn heißt nun Tullumstraße.

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