Traditionsgeschäft in Weener Spielzeug verkaufen macht ihr mit 93 immer noch Spaß
Mit 93 Jahren steht Anita Hemmes noch jeden Tag in ihrem Spiel- und Lederwarengeschäft in der Norderstraße in Weener am Tresen. Seit 1929 gibt es den Laden. Er zieht Kunden und „Sehleute“ an.
Weener - Egal, ob Kind oder Erwachsener, wer durch die Eingangstür des Hauses in der Norderstraße 30 in Weener tritt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Bei „Spiel- und Lederwaren Albert Katenkamp“ türmen sich in den Regalen meterhoch Kartons mit Baby-Puppen, Barbies und Plüschtieren. Baby-Rasseln, Spielzeugtrecker, Gesellschaftsspiele, alle erdenklichen Playmobil-Welten und noch viel mehr gibt es dort zu entdecken – ein Paradies für Mädchen und Jungen aller Altersgruppen. Und für Anita Hemmes. Mit ihren 93 Jahren steht die Inhaberin dort immer noch jeden Tag hinterm Tresen. „Das mache ich schon seit ich die Schule verlassen habe und es macht mir immer noch Spaß“, erzählt die freundliche Spielwarenverkäuferin mit einem verschmitzten Lächeln. Sie ist die Seele des Geschäfts und der Grund, weswegen so mancher einfach nur zum Gucken und zu einem kleinen Plausch hereinschneit.
Zu ihrem Geschäft hat sie eine enge Verbindung. „Ich bin sogar in diesem Haus geboren“, erzählt die gebürtige Weeneranerin. Das war zwei Jahre nachdem ihre Eltern Sophie und Albert Katenkamp das Geschäft 1929 eröffnet haben. Daran, womit sie in ihrer Kinderzeit selbst am liebsten gespielt hat, kann sich Anita Hemmes gar nicht mehr erinnern. „Eine solche Auswahl an Spielsachen wie heute gab es damals nicht“, sagt sie, „ich nehme an, dass ich am liebsten mit Puppen gespielt habe.“ Gut erinnern kann sie sich dagegen noch an die Zeiten, in denen die Norderstraße in Weener eine florierende Einkaufsmeile war. „Es gab mehrere Lebensmittelgeschäfte, einen Schuhladen, Drogerien und vier Bekleidungsgeschäfte, zum Teil sogar über zwei Etagen“, erinnert sie sich. All die Läden sind Geschichte. Nur ihr Geschäft hat all die Jahre überdauert.
Sogar Kosmetik im Sortiment
Die Kombination aus Leder- und Spielwaren habe es schon von Anfang an gegeben. „Wir haben aber auch Kosmetikartikel verkauft“, blickt sie zurück. Und eine Zeitlang gehörten außerdem Farben und Tapeten zum Sortiment. „Das haben wir dann irgendwann aufgegeben, als unsere Kinder Eckhard und Sonja klein waren.“ Ihr inzwischen verstorbener Mann Hermann sei als Handelsvertreter für Haushaltswaren unterwegs gewesen. „Später, als er nicht mehr auf Reisen war, hat er die Büroarbeit übernommen.“
Wie damals sind die Lederwaren auf der linken Ladenseite angeordnet. Damenhandtaschen, Rucksäcke, Koffer und Portemonnaies gibt es in einer riesigen Auswahl. Um Stücke aus den obersten Regalen zu holen, braucht man eine lange Leiter. Die steigt Anita Hemmes aber nicht mehr selber hinauf. Das überlässt sie dann doch lieber ihrer Tochter Sonja, die sie regelmäßig im Laden unterstützt, fast immer in Begleitung ihrer Hunde Frodo und Rocky.
Kontakt zu Kunden hält fit
„Seit meinem Sturz ist es mit dem Laufen bei mir schlecht“, erklärt die 93-Jährige ihre leicht vornübergebeugte Haltung. „Als ich hier auf dem Kirchplatz in Weener mit dem Fahrrad mal falsch gebremst habe, habe ich mir den Oberschenkel gebrochen.“ Um im Laden die Kunden zu bedienen, reiche es aber. „Ich fahre auch noch mit dem Auto, aber nur kurze Strecken“, berichtet sie.
Die Bewegung und der Kontakt zu den Kunden halte sie geistig fit. Viele kennt sie schon seit Jahrzehnten. „Die Kinder von damals sind heute erwachsen und kaufen nun für ihre Kinder oder Enkel Geschenke.“ Einige Spielsachen hätten sich verändert, seien technischer geworden. „Vieles ist aber auch geblieben. Baby-Born-Puppen gibt es schon seit 30 Jahren“, berichtet Anita Hemmes. Und alle 25 Jahre werde Altes wieder zum Kult. „Monchichis oder Pokémon“, nennt ihre Tochter Sonja Beispiele.
Gartenarbeit als Ausgleich
Das Internet, Bau- oder sogar Drogeriemärkte seien für den Laden durchaus Konkurrenz. „Wenn in einem Elektromarkt ein Spiel zum Aktionspreis angeboten wird, können wir einfach nicht mitziehen“, sagt die Tochter. Doch zum Glück gibt es ja die treuen Stammkunden und Überraschungen. „Ein Kunde hat ganz gezielt bestimmte ältere Sachen rausgesucht, die inzwischen richtig viel wert sind, um sie weiterzuverkaufen“, erzählt sie. Der Mann habe für 500 Euro eingekauft. „An dem Tag konnte sich unser Umsatz sehen lassen.“
Doch egal, ob viele Kunden in den Laden kommen, oder der Tag ruhig verläuft: „Ich bin morgens die erste, die kommt und abends die letzte, die den Laden verlässt“, sagt Anita Hemmes. Nach Feierabend widmet sie sich ihrem Hobby. „Dann gehe ich in die Blumenbeete und mache ein bisschen Gartenarbeit.“