Pläne stehen  Fachkrankenhaus für Psychiatrie in Ostfriesland soll entstehen

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 16.07.2024 09:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der niedersächsische Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (Mitte) spricht mit Jakobus Baumann, Vorsitzender Allgemeiner Krankenhausverein für das Rheiderland (rechts). Foto: Vogt
Der niedersächsische Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (Mitte) spricht mit Jakobus Baumann, Vorsitzender Allgemeiner Krankenhausverein für das Rheiderland (rechts). Foto: Vogt
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Viele Krankenhäuser kämpfen ums Überleben. Fürs vergleichsweise kleine Krankenhaus Rheiderland hat man einen Plan: Es soll ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie werden.

Weener - Die Meldungen, die in den vergangenen Monaten aus dem Krankenhaus-Sektor kommen, sind nicht unbedingt vielversprechend. Häufig agieren Kliniken und Krankenhäuser am Limit, von Bürokratie, Personalmangel und Finanznöten ist die Rede. Beim Krankenhaus Rheiderland ging es am Montag, 15. Juli 2024, um etwas vollkommen anderes: Es ging um den Plan für die Zukunft. Genauer gesagt, den Weg zu einem Fachkrankenhaus. Einem psychiatrischen Fachkrankenhaus. Aber eins nach dem anderen.

Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (Mitte) ließ sich von Dr. Markus Dornbach (2. von rechts) ein Patientenzimmer zeigen. Foto: Vogt
Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (Mitte) ließ sich von Dr. Markus Dornbach (2. von rechts) ein Patientenzimmer zeigen. Foto: Vogt

Worum ging es am Montag, wer war dabei?

Der niedersächsische Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi sollte am Montag die Pläne für das Krankenhaus Rheiderland hören.

Wie war es bis jetzt?

1893 eingeweiht, bis 2002 in Eigenregie des Allgemeinen Krankenhausverein für das Rheiderland geführt, seit 2007 gehört es zum Klinikum Leer – diese Entwicklung skizzierte Jakobus Baumann, Vorsitzender des Krankenhausvereins.

„Derzeit verfügt das Krankenhaus Rheiderland über insgesamt 60 Planbetten mit einer Klinik für Innere Medizin mit jahrzehntelang etablierter Suchtmedizin und einer Klinik für Gefäßchirurgie“, so Glienke. Allerdings werde die Gefäßchirurgie schon jetzt immer mehr an den Standort Leer verlegt. Dieser Weg solle weiter beibehalten werden.

Was sind die Pläne für das Krankenhaus Rheiderland?

Auch über die Baufortschritte am Standort in Weener wurde gesprochen. Foto: Vogt
Auch über die Baufortschritte am Standort in Weener wurde gesprochen. Foto: Vogt
Die Frage, die über allem stand, war, wie die Zukunft von Krankenhäusern aussehen kann. Das erklärte Klinikum-Chef Holger Glienke gleich zu Beginn des Gespräches. Schon vor Jahren habe die Weichenstellung begonnen, aus dem Krankenhaus Rheiderland ein Fachkrankenhaus werden zu lassen.

Zunächst hatte man den Plan gefasst, eine Geriatrie anzusiedeln. „Das funktioniert allerdings ‚auf der grünen Wiese‘ nicht. Stichwort Oberschenkelhalsbruch. So etwas muss an eine Chirurgie gekoppelt sein“, so Glienke. Perfekte Voraussetzungen gebe es hingegen für eine andere Spezialisierung: die Psychiatrie. „Die Suchtmedizin ist hier bereits seit 35 Jahren ansässig. Dies soll ausgebaut werden“, so Glienke. Das Klinikum Leer verfolge bereits seit dem Jahr 2016 einen Antrag beim niedersächsischen Sozialministerium den Landkreis Leer psychiatrisch selbstständig zu versorgen. „Allein für den Landkreis gibt es einen Bedarf von 115 stationären Betten.“

Die Spezialisierungspläne trägt auch der Krankenhausverein mit, erklärte Baumann. Man sehe sich zwar als Wächter des Krankenhauses und das bleibe auch so, „wir sind aber immer auf dem Weg zur besten Lösung“, erklärt er. Man habe sich schon früh mit der Frage beschäftigt, wohin sich das Krankenhaus Rheiderland entwickeln solle, seit 2016 sei man im stetigen Austausch, habe die Pläne immer wieder amtierenden Ministerinnen vorgestellt. Vielen Krankenhäusern gehe die Luft aus: „Wir sehen eine Chance darin, ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie zu werden. Wir wollen nicht verschwinden, wir wollen wachsen.“ Die Erfahrung sei da, die Vernetzung, die von unschätzbarem Wert sei.

Wie sieht der Minister die Idee, zum Fachkrankenhaus werden zu wollen?

Gesundheitsminister Philippi will die Pläne ausdrücklich unterstützen. Er lobte die Geschäftsführung des Klinikums und den Krankenhausverein. „Die Wächterrolle beinhaltet oft, alles so belassen zu wollen, wie es ist. Das ist hier nicht der Fall.“

Es sei schwer, anderer Leute Versprechen zu halten – damit meint er die seiner Vorgängerinnen im Amt – aber die Eckdaten sprächen ganz klar für die Pläne für das Krankenhaus Rheiderland: Die Gefäßchirurgie nach Leer zu verlegen, sei vernünftig, „aber insbesondere die Corona-Pandemie zeigte neue Bedarfe bei psychosomatischen Krankheitsbildern.“ Die Gesellschaft werde älter, was auch geronto-psychiatrische sowie inklusive Angebote wichtiger werden lasse. In der Gerontopsychiatrie geht es um das Erkennen und Behandeln von psychischen Erkrankungen im Alter.

Seelsorge, therapeutische Angebote und mehr – in Weener will man sich auch auf ältere Patienten einstellen. Symbolfoto: Vogt
Seelsorge, therapeutische Angebote und mehr – in Weener will man sich auch auf ältere Patienten einstellen. Symbolfoto: Vogt

Auch, was die Bausubstanz betreffe, stimme es in Weener, es sei so „finanziell realisierbar“. Was ihn allerdings zu dem Punkt brachte, an dem es noch haken könnte. „Die Kostenträger müssen überzeugt werden.“ Bei diesen, den Krankenkassen, wolle er allerdings auch selbst in die Verhandlung gehen. Insgesamt dauere das keine vier oder fünf Jahre, sagt er. „Bis Oktober ist da einiges am Dampfen“, so Philippi.

Was bedeutet das für die Versorgung im Kreis Leer?

Derzeit sind die nächsten Anlaufstellen für Psychiatrie am Klinikum Emden – beziehungsweise dann bald die Zentralklinik in Uthwerdum – mehr als 60 Kilometer von Weener entfernt. Oder die Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen, rund 70 Kilometer entfernt. Zu weit für ein ambulantes Angebot, sagt Katrin Gawenda, Einrichtungsleitung Suchtkrankenhilfe Ostfriesland.

Die Vernetzung mit 45 Selbsthilfegruppen, die Synergieeffekte, die es schon jetzt rund um die Suchthilfe-Einrichtungen im Rheiderland gebe – „das ist schon einzigartig im Nordwesten“, erklärt Uwe Dogs, Leitender Suchttherapeut.

„Die Bedarfe haben sich geändert“, erklärt auch Dr. Markus Dornbach, Ärztliche Leitung Klinik für Innere Medizin und Qualifizierter Entzug. „Die Patienten werden deutlich jünger.“ Das Bild vom Alkoholiker habe sich gewandelt: „Es sind viele Traumapatienten“, sagt er.

Was bedeutet das für Weener?

Sicherheit, sagt Jakobus Baumann vom Krankenhausverein. Mit der Wandlung zum Fachkrankenhaus könnten Arbeitsplätze gesichert und auch neue geschaffen werden, sagt er. Rund ein Dutzend Psychiater brauche es am Standort Weener bei 90 Betten, habe man errechnet, so Glienke.

Auch für Rentner vor Ort habe es einen großen Wert, wenn die geronto-psychiatrischen Angebote erweitert werden könnten, so Baumann.

Wer war am Montag mit dabei?

Vertreter aus der Politik, dem Krankenhauswesen, der Medizin und der Suchtberatung haben dem niedersächsischen Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (6. von links) die Pläne für das Krankenhaus Rheiderland vorgestellt. Foto: Vogt
Vertreter aus der Politik, dem Krankenhauswesen, der Medizin und der Suchtberatung haben dem niedersächsischen Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (6. von links) die Pläne für das Krankenhaus Rheiderland vorgestellt. Foto: Vogt
Bei dem Gespräch mit dem Minister waren am Montag viele Vertreter aus Politik, Krankenhauswesen, Medizin und Suchtberatung vor Ort. Mit dabei waren Jenny Daun, Allgemeine Vertretung Landrat Landkreis Leer, Holger Glienke, Geschäftsführer Klinikum Leer, Daniela Kamp, Prokuristin und Kaufmännische Leitung des Klinikums, Heike Kliegelhöfer, Pflegedirektorin im Klinikum.

Außerdem war Dr. Markus Dornbach, Ärztliche Leitung Klinik für Innere Medizin und Qualifizierter Entzug am Standort Weener, vor Ort sowie Uwe Dogs, Leitender Suchttherapeut, Jakobus Baumann, Vorsitzender Allgemeiner Krankenhausverein für das Rheiderland, Heiko Abbas, 2. Vorsitzender Allgemeiner Krankenhausverein für das Rheiderland und Bürgermeister Weener, Bernd Lindemann, Schriftführer Allgemeiner Krankenhausverein für das Rheiderland, Helmut Geuken, Kuratoriumsmitglied und stellvertretender Bürgermeister Weener, Meta Janssen-Kucz, Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtages, Ulf Thiele sowie Nico Bloem, Mitglieder des Landtages, Henning Fietz, Geschäftsführer Suchtkrankenhilfe Ostfriesland sowie Katrin Gawenda, Einrichtungsleitung Suchtkrankenhilfe Ostfriesland.

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