Osnabrück  Der heutige Streit um die Geschlechter hat mit einer falschen Annahme der Feministinnen begonnen

Reto U. Schneider
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Von Reto U. Schneider
| 14.07.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 23 Minuten
Wie ähnlich sind Mann und Frau? Foto: Unsplash/Marisa Howenstine
Wie ähnlich sind Mann und Frau? Foto: Unsplash/Marisa Howenstine
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Unsere Zeit ist geprägt vom Streit um Geschlechter: die lange Geschichte der Leugnung der menschlichen Natur.

Die Gegenwart wird als jene Zeit in die Geschichte eingehen, in der die Frage, was eine Frau sei, zur Provokation wurde und unsere Kinder in der Sexualaufklärung lernten, dass Clownfische ihr Geschlecht wechseln können. Um diese Vorgänge zu verstehen, lohnt sich eine Reise in die Vergangenheit: in den Konferenzraum des Sheraton-Hotels in Washington D. C. am 15. Februar 1978.

An diesem Mittwochnachmittag schritt der Ameisenforscher Edward O. Wilson von der Harvard University ans Rednerpult. Gerade wollte er seinen Vortrag beginnen, da trat ein Dutzend junger Menschen auf die Bühne, goss ihm einen Krug Wasser über den Kopf und skandierte: „Rassist Wilson, du kannst dich nicht verstecken, wir klagen dich des Völkermords an.“

Drei Jahre zuvor hatte Wilson ein monumen­tales Werk über die evolutionäre Herkunft von sozialem Verhalten im Tierreich publiziert. In „Sociobiology: The New Synthesis“ schrieb er sechsundzwanzig Kapitel über Insekten, Hyänen und Delphine. Die Attacke im Sheraton galt dem siebenundzwanzigsten mit dem Titel: „Mensch: Von der Soziobiologie zur Soziologie.“ Es beginnt mit dem Satz: „Betrachten wir nun den Menschen, so als wären wir Zoologen von einem anderen Planeten, die einen Katalog der sozialen Arten auf der Erde vervollständigen.“ Damit erreichte eine lange schwelende Auseinandersetzung um das Wesen des Menschen und damit auch um das Wesen von Mann und Frau ihren vorläufigen Höhepunkt.

Niemand zweifelte damals daran, dass das Sozialverhalten von Tieren aus Reflexen, Instinkten und Trieben hervorging, die durch die Evolution entstanden waren. Doch beim Menschen war die gängige Meinung in den Sozialwissenschaften eine andere. An den Universitäten hatte man sich weitgehend darauf geeinigt, dass der Mensch als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt und ausschließlich durch Erziehung und Erfahrungen geprägt wird. Das bedeutete gleichzeitig, dass Männer und Frauen sich zwar zwischen den Beinen unterschieden, nicht aber zwischen den Ohren. Alle geschlechtstypischen Verhalten seien das Resultat gesellschaftlicher Einflüsse.

Doch nun gab es neue Theorien aus der Evolutionsbiologie, die lange beobachtete Unterschiede der Geschlechter plausibel erklärten. Darauf stützte sich Wilson im Kapitel siebenundzwanzig.

Die Kernfrage lautet bis heute: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der unterschiedlichen Anatomie der Geschlechter und ihren Neigungen, ihrem Verhalten, ihrem Wesen? Wie die Antwort darauf ausfällt, war selten wichtiger als heute. Falls es diesen Zusammenhang nicht gibt, falls sich das Denken, Fühlen und Handeln von Männern und Frauen also in ihrem Kern durch nichts systematisch unterscheidet, würden die Bezeichnungen Mann und Frau in einer gleichberechtigten Gesellschaft an Bedeutung verlieren. Es blieben bloß noch einige anatomische Differenzen im Körperbau und der Reproduktion.

Falls aber die meisten Menschen mit einer typisch männlichen oder weiblichen Innenwelt geboren werden, müssen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik dem Rechnung tragen. Genauso wie die Medizin heute bei Prävention, Diagnose und Behandlung berücksichtigt, dass ein Frauenkörper sich von einem Männerkörper durch vieles mehr unterscheidet als bloß durch die äußeren Geschlechtsorgane.

Als Wilson seinen Vortrag im Sheraton hielt, stand die Psychologie noch unter dem Einfluss des Behaviorismus, dessen berühmte Charakterisierung ein Zitat ihres Begründers J. B. Watson war: „Geben Sie mir ein Dutzend gesunder, wohlgeformter Kinder, (...) und ich garantiere Ihnen, dass ich jedes beliebige Kind zu einem Spezialisten ausbilden werde, den ich mir aussuchen kann – Arzt, Anwalt, Künstler, Händler und, ja, sogar Bettler und Dieb, unabhängig von seinen Talenten und Neigungen.“ Watson ging davon aus, dass der Mensch als Bündel von einfachen Reflexen zur Welt kam, die sich durch die Erziehung und andere äußere Einflüsse zur Persönlichkeit formierten.

Das schien auch deshalb eine vernünftige Haltung, weil man aus der jüngeren Geschichte eines gelernt hatte: Es führt ins Desaster, wenn man Gruppen von Menschen angeborene Eigenschaften zuschreibt. Zwangssterilisationen, Sklaverei und Völkermord: Die übelsten Taten der Menschheit waren mit der erblichen Minderwertigkeit bestimmter Teile der Gesellschaft gerechtfertigt worden. Deshalb galt als verwerflich, in Erwägung zu ziehen, dass gruppentypische Verhaltensweisen auch genetische Wurzeln haben könnten.

Das sahen damals auch die Feministinnen so. Ihre Ablehnung eines wie auch immer gearteten biologischen Einflusses auf das Verhalten der Geschlechter war radikal und kompromisslos. Die französische Philosophin Simone de Beauvoir sagte es 1949 so: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“

Dieser Satz wurde in der 1977 gegründeten feministischen Zeitschrift „Emma“ in unterschiedlichen Formen ständig wiederholt. Die Gründerin und Chefredakteurin Alice Schwarzer schrieb 1984: „Das Fundament meines feministischen Bewusstseins bleibt die Erkenntnis, dass ,Männlichkeit‘ und ,Weiblichkeit‘ nicht angeboren, sondern anerzogen sind.“ Später konnte man lesen, „dass nicht die Natur den Mann zum Mann macht (und die Frau zur Frau), sondern die Machtverhältnisse“. Diese Sicht erstreckte sich über alle psychologischen und kognitiven Eigenschaften bis ins Liebesleben. „Sexualität ist ja nichts Angeborenes, ist nicht Natur, sondern Kultur“, schrieb Schwarzer.

Dass die Sexualität nichts Angeborenes sei, ist aus biologischer Sicht eine ebenso kühne wie absurde Behauptung, aber die Feministinnen hatten gute Gründe, die Idee von Unterschieden zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen im Keim zu ersticken. Wann immer solche Unterschiede in der Vergangenheit postuliert worden waren, war es zum Nachteil der Frauen gewesen.

Die Männer verwehrten den Frauen im 19. Jahrhundert politische Rechte, weil ihr Stoffwechselzustand sie „passiv, träge und uninteressiert an Politik“ mache. Und zur Zeit, als Wilson seinen ­Vortrag hielt, wurde die Eignung von Frauen als Pilotinnen infrage gestellt – wegen ihrer hormonellen Instabilität einmal im Monat. Kein Wunder, kamen die Feministinnen zum Schluss, dass sie nur verlieren konnten, wenn sie die Existenz angeborener Unterschiede in der Psychologie der Geschlechter akzeptieren würden.

„Anders-Sein beinhaltet in Wahrheit immer ein Minderwertig-Sein“, schrieb Alice Schwarzer 1981. Und die französische Soziologin Christine Delphy meinte: „Der körperliche Unterschied diente bisher immer nur als Vorwand für die Machtausübung des einen Geschlechts über das andere.“ Deshalb sei die „Zerstörung der Geschlechtsunterschiede gleichbedeutend mit der Zerstörung der Hierarchie“. Das Gerede von angeborenen Unterschieden sei bloße Ideologie. Die Überzeugung der Gleichheit der Geschlechter ging so weit, dass Schwarzer sogar von der „anerzogenen“ körperlichen Überlegenheit von Männern schrieb.

Um den Körper von der Geschlechterrolle zu trennen, begann man in dieser Zeit vom biologischen Geschlecht (engl.: “sex“) und vom sozialen Geschlecht (engl.: „gender“) zu sprechen. Das erleichterte auf den ersten Blick die Diskussion, weil man nun Gender, also das soziale Geschlecht, auch sprachlich der Biologie entrissen hatte. Aber die neue Einteilung hatte einen offensichtlichen Haken: Das soziale Geschlecht, das auch Verhalten, Denken und Gefühle einschloss, ist eng an das Gehirn gekoppelt. Und das Gehirn gehört nicht weniger zur Biologie des Menschen als Hände oder Augen.

Das war das zentrale Argument in Wilsons Vortrag: So wie sich die Hände im Laufe der Evolution zum Greifen entwickelt haben und das Auge zum Sehen, so entwickelten sich auch im Gehirn Anpassungen, die sich für unser Sozialleben als vorteilhaft erwiesen. Die Unterschiede zwischen Geschlechtern rührten daher, dass sich für Männer nicht die gleichen Anpassungen als günstig herausstellten wie für Frauen.

Mit seinem Buch hat Edward O. Wilson dem Fachgebiet den Namen Soziobiologie gegeben, heute heißt die Forschungsrichtung Evolutionspsychologie und ist zu einem fruchtbaren Wissenschaftszweig herangewachsen. Ihre Resultate haben in den Sozialwissenschaften jedoch kaum Niederschlag gefunden. „Die Annahme, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion ist, kann in weiten Teilen der Frauen- und Geschlechterforschung als eine Art Minimalkonsens gelten“, schreibt die Frauen- und Geschlechterforscherin Hanna Meissner. Und auch in der „Stanford Encyclopedia of Philosophy“ steht unter dem Eintrag „Feministische Perspektiven von Sex und Gender“ immer noch, dass sich Gender „vom biologischen Geschlecht abgrenzt“.

Das ist erstaunlich, denn die These des ausschliesslich sozial konstruierten Geschlechts lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man für unsere Spezies eine unsinnige Ausnahmeregelung einführt, nämlich dass im Gegensatz zu allen anderen Tieren die Evolution des Menschen am Hals aufgehört hat. Es ist, als würde man sagen, die Gene enthalten zwar den Bauplan für den Körper, aber nicht für das Gehirn. „Niemand scheint ein Problem damit zu haben, zu akzeptieren, dass sich männliche und weibliche Körper im Durchschnitt in vielerlei Hinsicht unterscheiden“, sagt der Neurowissenschafter Larry Cahill, „warum ist es überraschend oder inakzeptabel, dass dies auch für den Teil unseres Körpers gilt, den wir ,Gehirn‘ nennen?“

Eine Antwort auf diese Frage liegt in einer Täuschung, die seit über hundert Jahren bekannt ist, der wir aber heute noch erliegen: dem naturalistischen Fehlschluss. Er beschreibt die Neigung der Menschen, aus der Natur abzuleiten, was gut und moralisch richtig ist. Auf diese Weise versuchten Männer lange Zeit die Gleichberechtigung der Frau zu verhindern: Weil der Mann von Natur aus mehr Kraft hat als die Frau, darf er sie dominieren. Weil Frauen von Natur aus Kinder gebären können, sollen die das auch tun. Es war die perfekte Methode für herrschende Männer, den Istzustand zur natürlichen Ordnung zu erklären und damit ihre Position zu sichern.

Doch es war widersinnig, aus der Biologie eine Moral abzuleiten. Pocken und Erdbeben waren natürliche Phänomene, nach dieser Betrachtungsweise also moralisch erstrebenswert. Impfungen und Kühlschränke hingegen gab es in der Natur nicht. Sie müssten also unerwünscht sein. Nicht die Beschreibung der unterschiedlichen Innenwelten von Mann und Frau ist sexistisch, sondern die Idee, dass moralisch richtig sei, was die Natur hervorgebracht habe.

Das Bedürfnis, ethische Werte aus der Natur abzuleiten, ist so groß, dass der naturalistische Fehlschluss an überraschenden Orten auftritt. Zum Beispiel an gutgemeinten Ausstellungen über die Vielfalt von Geschlechtern oder in der Broschüre „Sexesss“, die an Schweizer Schulen im Sexualunterricht verwendet wird. Dort werden Tiere vorgestellt wie der Clownfisch, der sein Geschlecht wechseln kann. Die Botschaft, die ankommt, heißt: Weil es das bei Tieren gibt, ist nichts dabei, wenn man sich als Mensch seiner Geschlechtsidentität nicht sicher ist. Ein Titel des Onlinemagazins „Vice“ lautete so: «Diese Tiere beweisen, dass Transsein nichts Unnatürliches ist.» Das klingt sympathisch und tolerant, doch wie gefährlich eine solche Aussage ist, wird klar, wenn man sich vorstellt, es gäbe keinen Clownfisch und keine Zwitter­schnecke. Würde damit das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung erlöschen?

Die Diskriminierung von Menschen nach Geschlecht, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität ist aus ethischen Gründen unrecht. Ob es in der Natur einen lesbischen Kanarienvogel gibt oder einen Clownfisch, ist dabei unerheblich.

Moralische Werte an biologische Erkenntnisse zu binden, ist Unsinn. Doch dieses Argument war schwer zu vermitteln. Deshalb beschlossen die Feministinnen, dass es die vermeintlichen oder tatsächlichen Unterschiede, mit denen sie angegriffen wurden, gar nicht geben darf.

Unter diesen Umständen wurde jedes neue Forschungsresultat über Geschlechterunterschiede zur Bedrohung. Das zeigte sich daran, dass Feministinnen oft nicht in erster Linie die Forschungsarbeiten kritisierten, sondern die Forschung als solches zur Tabuzone erklärten. Die Soziobiologie sei das „Propagandainstrument konservativer bis reaktionärer politischer Kräfte“, konnte man in der „Emma“ lesen. Die amerikanische Feministin Gloria Steinem sagte 1997 sogar, diese Art, Forschung überhaupt zu betreiben, sei „ein Überbleibsel antiamerikanischen, verrückten Denkens“.

Heute geben sich viele Feministinnen offener. Natürlich gebe es biologische Differenzen. Doch wenn es um konkrete Unterschiede geht, werden sie heruntergespielt, oder es wird behauptet, das Aufdröseln von Angeboren und Anerzogen sei irregeleitet. Die „lebenslange Wechselwirkung“ von Natur und Kultur lasse sich nicht aufspalten. Dass soziale und biologische Faktoren sich gegenseitig beeinflussen, ist eine Binsenweisheit. Dass es deswegen weder möglich noch sinnvoll sein soll, sich diese Unterschiede genauer anzuschauen, ist ein seltsamer Gedanke. Wie wenn man Krebs nicht erforschen wollte, weil seine Entstehung von Genen und der Umwelt abhängen. Wer gesellschaftliche Probleme lösen will, muss wissen, welche Phänomene möglicherweise unter biologischem Einfluss stehen und welche nicht.

Die Neigung zur Gewalt ist einer der grössten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer waren, soviel man aus der Geschichte weiss, zu jeder Zeit und an jedem Ort gewalttätiger als Frauen. Sie töten wegen eines Parkplatzes, einer dummen Bemerkung oder, wie Kevin Watkins 2018, wegen eines Internetpassworts. Das Talent zu Gewalt spiegelt sich auch in der Statistik: In der Schweiz kamen 2023 auf eine Frau, die ein schweres Gewaltdelikt beging, vierzehn Männer.

Von den vielen Indizien, die dafür sprechen, dass dieser Unterschied auch biologische Wurzeln hat, ist die Körpergrösse das wichtigste. Männer sind im Durchschnitt grösser und kräftiger als Frauen. Es ist schwierig, diesen Unterschied im Körperbau zu erklären, ohne anzunehmen, dass Kämpfen in der Evolutionsgeschichte des Mannes eine wichtige Rolle gespielt hat. Der kräftigere Körper ist sozusagen fleischgewordenes Verhalten.

Ausgerechnet mit Gewaltstatistiken lässt sich aber eine der größten Ängste vor biologischen Erklärungen für Verhaltensunterschiede entkräften: der Determinismus, die Befürchtung, dass Gene den Menschen fernsteuern wie eine Marionette, dass die Biologie unser Schicksal bestimmt. Wenn man nämlich die Mordraten verschiedener Länder vergleicht, fallen die großen Unterschiede auf. In der Schweiz kommt es zu einem Mord pro 200 000 Einwohner, in Botswana zu zwanzig, in Honduras zu siebzig. Offenbar sind wir unseren Genen nicht hilflos ausgeliefert, vielmehr beeinflussen Kultur, politisches System und materieller Wohlstand unser Verhalten. Der Einfluss der Biologie bleibt aber bestehen: In jedem dieser Länder sind die Männer gewalttätiger als die Frauen.

Der andere große Unterschied zwischen Männern und Frauen zeigt sich in der Sexualität: Durchschnittlich wollen Männer mehr Sex mit mehr Frauen, sie masturbieren häufiger, denken häufiger an Sex, haben mehr Affären, konsumieren mehr Pornos und bezahlen für Sex. Alle schmierigen Klischees, die es über Männer und Sex gibt, scheinen statistisch gesehen wahr zu sein. „Frauen, vielleicht insbesondere kluge Frauen, können die Stärke des männlichen Sexualtriebs einfach nicht nachvollziehen“, schreibt der Psychologe Roy Baumeister in seinem Buch „Is There Anything Good About Man“.

Wie immer, wenn man Daten zur Sexualität erhebt, verteilen sie sich über einen weiten Bereich. Es ist wie bei der Körpergröße: So, wie es viele Frauen gibt, die größer sind als gewisse Männer, gibt es auch viele Frauen, die mehr Lust auf Sex haben als Männer. An den höheren Durchschnittswerten der Männer ändert das allerdings nichts.

Nicht das Erkennen dieser Unterschiede ist sexistisch, sondern wenn man von tatsächlichen oder vermeintlichen Eigenschaften der Frauen als Gruppe auf einzelne schließt. Es ist ein Grundsatz liberaler Demokratien, dass jeder Mensch das Recht hat, als Individuum wahrgenommen und behandelt zu werden – ganz besonders, wenn er in gewissen Eigenschaften nicht der Mehrheit entspricht.

Wie die Geschlechterunterschiede bei der Gewalt sind auch jene in der Sexualität höchst stabil. Sie zeigen sich in grossangelegten Untersuchungen überall auf der Welt. Und zwar ohne Ausnahme: Auch fünfzig Jahre nach der sexuellen Revolution gibt es keine Gemeinschaft, in der männliche Pro­stituierte von Kundinnen leben könnten oder in der Frauen mehr Pornos anschauen als Männer.

Weil aber beim Sex oft Lust, Macht, Angst und Scham gleichzeitig mitspielen, ist schwierig nachzuweisen, worauf Verhaltensunterschiede der Geschlechter beruhen. Dazu wäre ein Experiment nötig, bei dem man männliche Sexualität komplett von weiblicher abkoppelt. Dieses Experiment gibt es. Es heißt Homosexualität. Im Gegensatz zu heterosexuellen Frauen müssen sich lesbische Frauen nicht davor fürchten, schwanger zu werden oder mit einem körperlich stärkeren Partner allein zu sein. „Wenn diese Sorgen alles wären, was Frauen davon abhielte, mit jedem gutaussehenden Fremden ins Bett zu springen, dann hätten Lesben mehr Sexualpartner als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen“, schreibt der Evolutionsbiologe Steve Stewart-Williams. Doch Studien zeigten: Sie haben weniger Partnerinnen. Ganz im Gegensatz zu schwulen Männern, die Darkrooms für unverbindlichen Sex erfunden haben. Ein Witz aus der Homosexuellenszene fasst es zusammen: Was bringt eine lesbische Frau zum zweiten Date mit? Einen Umzugswagen. Was bringt ein schwuler Mann zu einem zweiten Treffen mit? Welches zweite Treffen?

Aber wie führen die Unterschiede in der Fortpflanzungsbiologie von Mann und Frau überhaupt zu den Unterschieden im Verhalten? Die biologische Evolution ist ein einfältiger Vorgang: Alle erb­lichen Eigenschaften, die zu mehr Kinder führen, breiten sich aus, weil diese Kinder wiederum mehr Kinder haben mit diesen Eigenschaften und sich der Prozess endlos wiederholt. Wir sind die Nachkommen jener Männer und Frauen, deren Neigungen, Triebe und Gefühle dazu geführt hatten, dass sie die meisten überlebensfähigen Kinder in die Welt gesetzt haben. Ob ihre Handlungen aus unserer Sicht edel waren oder verabscheuungswürdig, ist bedeutungslos. Die Evolution kennt keine Moral.

Die Tragik der Geschlechter besteht nun darin, dass Männern und Frauen in grauer Vorzeit nicht dieselben Verhalten viele Nachkommen bescherten. Der Grund dafür ist die unterschiedliche Investition der Geschlechter in die Fortpflanzung: Für Männer sind es im Extremfall fünf Minuten Sex und ein Kaffeelöffel Sperma. Für Frauen hingegen ein kostbares Ei, neun Monate Schwangerschaft, eine gefährliche Geburt und ein Säugling, der lange gestillt werden muss.

Das bedeutet: Männer konnten ihre Kinderzahl erhöhen, wenn ihr Gehirn mit Neigungen ausgestattet war, die zu viel Sex mit vielen Frauen führten. Frauen hingegen konnten ihre Kinderzahl mit viel Sex nicht erhöhen, sie konnten nur alle neun Monate ein Kind gebären.

Dass der Unterschied im Sexualtrieb heute noch so stark ist, obwohl er für Männer längst keinen gesellschaftlichen Vorteil mehr bedeutet, sondern oft zu privaten Katastrophen führt, legt nahe, dass sich dieser Unterschied nicht einfach wegsozialisieren lässt. Vielmehr müssen Männer einen Umgang damit finden, der den Frauen nicht schadet.

Neben der Sexualität gibt es viele weitere Bereiche, in denen Anpassungen erfolgten. Die Evolutionspsychologie geht davon aus, dass während unserer Stammesgeschichte im Gehirn ein Orchester von Anpassungen entstanden ist: universelle Gefühle wie Liebe, Trauer, Aggression, aber auch Vorlieben und Abneigungen für bestimmte Aufgaben. Wie wir letztlich handeln, ist das Resultat von chaotischen Debatten zwischen diesen zuweilen widersprechenden biologischen Impulsen und den Erfahrungen, die wir gesammelt haben.

Wenn Geschlechterunterschiede alleine aufgrund sozialer Einflüsse zustande kämen, müssten sie mit zunehmender Gleichberechtigung in einem Land eigentlich kleiner werden. Eine der überraschendsten Erkenntnisse der letzten Jahre ist, dass das nicht stimmt. Viele typische psychologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden in fortschrittlichen Ländern grösser. Dieser umstrittene Befund trägt den Namen Gender-Paradox. Eine Studie aus dem Jahr 2018 hat zum Beispiel gezeigt, dass die Frauen mit zunehmender Gleichstellung trotz Roboterkursen und Rechenklassen für Mädchen nicht häufiger einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen, sondern seltener. In Finnland, nach dem ­Global Gender Gap Index eines der fortschrittlichsten Länder der Welt, wählen etwas mehr als zwanzig Prozent der Frauen einen Beruf, der mit Technik oder Naturwissenschaften zu tun hat, in Algerien, wo es schlecht um die Gleichberechtigung steht, sind es mehr als doppelt so viele.

Über die Erklärungen dafür wird gestritten. Eine offensichtliche brachten die Studienautoren selber ins Spiel. „Wenn man etwas in jedem Land findet, dann ist eine mögliche Erklärung, dass es da eine biologische Grundlage gibt“, sagt der Psychologe Gijsbert Stoet. In Ländern mit wenig Gleichberechtigung, in denen es mehr gesellschaftliche Pflichten und ökonomischen Druck gibt, wie in Algerien, wählen Frauen eher Berufe, die ein sicheres Auskommen versprechen. Fallen diese Zwänge weg, folgen sie ihren wahren Neigungen und wählen frauentypische Berufe. Falls diese Erklärung zutrifft, hätte ironischerweise ausgerechnet die Gleichberechtigung, deren Maxime es immer war, dass sich Männer und Frauen im Kopf nicht unterschieden, die unterschiedlichen Wesen von Mann und Frau entlarvt.

Dass sich Männer mehr für Dinge interessieren und Frauen mehr für Menschen, ist einer der großen stabilen Interessenunterschiede zwischen den Geschlechtern, der in allen Kulturen auftritt. Eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2022 zeigte: Wenn man weiß, ob in einem Beruf eher mit Dingen oder mit Menschen gearbeitet wird, kann man ziemlich zuverlässig voraussagen, ob eher Männer oder Frauen diesen Beruf wählen. Häufig wird argumentiert, den Frauen fehlten halt Rollenmodelle, zudem herrsche in männerdominierten Berufen ein sexistischer Umgangston. Das mag zwar stimmen, kann aber nicht die ganze Antwort sein. Sonst hätte der Anteil der Medizinstudentinnen in der Schweiz nicht auf über 60 Prozent ansteigen können – war doch die Medizin nie für eine besonders frauenfreundliche Atmosphäre bekannt.

Neigungen sind oft wichtiger als Fähigkeiten. Selbst Mädchen, die besser in Mathematik sind als Jungen, wählen oft keinen Beruf in diesem Bereich. Warum? Eine der Antworten lautet: weil sie keine Lust darauf haben. Selbst in der Sexualität scheint dies zu stimmen. Frauen haben eigentlich mehr Talent zum Sex als Männer, sagt der Psychologe Roy Baumeister, sie können etwa nach dem Orgasmus sofort weiterfahren. „Aber die Männer sind motivierter.“

Falls Motivationen nicht ignorieren und zumindest nicht ausschließen, dass unterschiedliche Neigungen auch von der Biologie beeinflusst sein könnten, muss man bei einer gängigen Messmethode für die Gleichberechtigung Vorsicht walten lassen: bei der 50/50-Regel. Die Gleichberechtigung ist nicht erreicht, wenn es gleich viele Bauarbeiterinnen gibt wie Bauarbeiter, gleich viele Entbindungspfleger wie Hebammen. Sie ist erreicht, wenn Männer und Frauen die gleichen Möglichkeiten haben, die sie im gleichen Maß nutzen können. „Die Ungleichheit der Verteilung kann nicht als Beweis für die Ungleichheit der Chancen herangezogen werden, es sei denn, die verglichenen Gruppen sind in allen psychologischen Merkmalen identisch“, schreibt der Psychologe Steven Pinker in seinem Buch „The Blank Slate“.

Überraschenderweise spricht eine unterschiedliche Psychologie von Mann und Frau nicht gegen Quoten. Gerade wenn sich die Innenwelten von Männern und Frauen systematisch unterscheiden, ist es naheliegend, in gewissen Positionen eine paritätische Vertretung zu etablieren. Für andere Kategorien, die sich weit weniger unterscheiden, machen wir das auch. Die sechzehntausend Leute in Appenzell Innerrhoden haben zum Beispiel alleine aufgrund der Tatsache, dass sie innerhalb einer historisch zufällig entstandenen Kantonsgrenze leben, Anrecht auf einen Sitz im Ständerat. Da ist es nicht abwegig, eine entsprechende Vertretung für vier Millionen Frauen zu verlangen, die die Welt aufgrund ihrer evolutionären Geschichte anders erleben als die Männer.

Damit stirbt ein anderes Vorurteil, das viele Feministinnen gegenüber der Evolutionspsychologie hegen: dass sich deren Erkenntnisse vor allem dazu eignen, politisch konservative Positionen voranzutreiben. Die Überzeugung, dass die Evolution im Gehirn der Frauen anderes bewirkt hat als im Gehirn der Männer, gibt der Politik keine Richtung vor, sie sorgt bloss dafür, dass die Politik von einem realistischen Bild des Menschen ausgeht.

Zwei karikierte Extremreaktionen auf die grössere Gewaltneigung der Männer könnten etwa sein: Wir können die Männer nicht bestrafen, weil sie ja nichts für ihre Aggression können, oder: Weil die Männer nicht anders können, als Gewalt anzuwenden, sperren wir sie von Anfang an weg.

Je nachdem, wie eine Gesellschaft Freiheit, Sicherheit und Menschenwürde gegeneinander abwägt, kann sie auf der Basis der gleichen Fakten Unterschiedliches beschließen.

Ein Beispiel für eine linke Forderung, die aus evolutionspsychologischer Sicht sinnvoll sein kann, ist der Grundsatz „Nur Ja heißt Ja“: Sexuelle Handlungen erfordern die explizite Zustimmung aller Beteiligten. Speeddating-Experimente haben nämlich gezeigt: Männer überschätzen das sexuelle Interesse von Frauen an ihnen, während Frauen das Interesse der Männer unterschätzen. Dass sich die Geschlechter in entgegengesetzte Richtungen irren, ergibt aus Sicht der Evolution durchaus Sinn.

Für unsere männlichen Vorfahren bedeutete jede verpasste Gelegenheit zum Sex einen möglichen Nachkommen weniger. Für die weiblichen Vorfahren, die nur alle neun Monate ein Kind zur Welt bringen konnten, war jeder nicht sorgfältig ausgewählte Sexualpartner ein Risiko. Wenn man ahnt, dass die Evolution Männer und Frauen zu Missverständnissen verdammt hat, ist das Gespräch vor dem Sex eine gute Idee. Auch weil ein anderer großer Unterschied die sexuelle Reue betrifft: Frauen bereuen Sex häufiger als Männer. Männer bereuen vor allem, wenn sie eine Gelegenheit zum Sex ungenutzt haben verstreichen lassen.

In der Sexualpädagogik scheut man sich, diese Erkenntnisse weiterzugeben. Dort wird Wert darauf gelegt, dass „jede Person die Freiheit hat, das Geschlecht in der Gesellschaft auf individuelle und einzigartige Weise auszudrücken“, wie es in der Broschüre „Sexesss“ heißt. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber die jungen Leute sollten auch erfahren, dass bei den meisten Menschen die sexuelle Identität eng mit dem biologischen Geschlecht verknüpft ist. Und sie sollten auf die evolutionär entstandenen Unterschiede vorbereitet sein, wenn sie als durchschnittlicher Mann oder als durchschnittliche Frau auf das andere Geschlecht treffen.

Die Angst, über den durchschnittlichen Mann oder die durchschnittliche Frau zu sprechen, ist umso unverständlicher, als das in der Gendermedizin selbstverständlich ist. Dort werden zum Beispiel aufgrund von durchschnittlichen Unterschieden zwischen den Körpern der Geschlechter ­andere Behandlungen für Frauen gefordert. Denn lange Zeit war die Medizin und Prävention auf den männlichen Körper ausgerichtet. Crashtests etwa wurden mit Männerpuppen durchgeführt, was für Frauen in Unfällen fatale Folgen haben konnte. Das versucht man jetzt zu ändern, indem man einen Standard für weibliche Crash-Test-Dummys schafft. Natürlich richten sich die Spezifikationen für eine solche Puppe nach dem Durchschnitt von Frauenkörpern. Niemandem würde einfallen, das sei nicht sinnvoll, weil es einzelne Frauen gibt, die viel grösser oder viel kleiner als der Durchschnitt sind.

Das Tabu, biologische Erklärungen für Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen auch nur zu erwägen, ist heute nicht kleiner als früher. Das erkennt man etwa am Wort «Biologismus», einem negativ besetzten Begriff für eine ausschließlich biologische Erklärung von Verhalten, die keine sozialen Faktoren berücksichtigen. Ein negatives Wort für eine ausschließlich soziale Erklärung ohne Berücksichtigung der Biologie gibt es nicht.

Die Philosophin Judith Butler hat in den 1990er Jahren aus Gründen, die für die meisten Menschen schwer zu verstehen sind, auch das biologische Geschlecht zu einem sozialen Konstrukt erklärt. Seither gibt es noch mehr Positionen, die noch weiter auseinanderliegen

Eines haben die meisten davon gemeinsam: Eine hundert Prozent soziale Erklärung gilt als unbedenklich, eine hundert Prozent biologische als gefährlich. Dabei geht vergessen, dass auch die Ideologie vom Menschen als unbeschriebenem Blatt eine historische Last mit sich schleppt. In der Sowjetunion sprach man von „der Herstellung des kommunistischen Menschen aus dem Menschenmaterial des kapitalistischen Zeitalters“. Und ein Slogan der Roten Khmer, die in Kambodscha ein Viertel ihrer Landsleute umbrachten, hieß: „Nur das neugeborene Baby ist makellos.“ Die Idee vom beliebig formbaren Gehirn schien bei totalitären Regimen nicht weniger beliebt zu sein als jene von erblich minderwertigen Menschen.

Ein trauriges Beispiel, wohin die kompromisslose Ablehnung unserer evolutionären Wurzeln führen kann, konnte man 1986 in „Emma“ nachlesen. Dort schrieb eine Mutter über die unterschiedslose Sozialisation ihrer Kinder. Ihr Credo: „Wenn wir wirklich wollen, dass es unsere Töchter einmal leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwermachen. Auch wenn es wehtut.“ Seit ihr Sohn drei Jahre alt war, habe er entweder „Mackerverhalten versucht oder Macken ausprobiert“. Er sei Bettnässer, habe Ekzeme und Ticks. Es gehe ihm schlechter als seinen Schwestern, „und das muss auch so sein: Ihm wird etwas genommen, was ihm in unserer Gesellschaft ,natürlicherweise‘ zusteht  – dass er, und sei es in einem noch so kleinen Umfeld, Chef, Herr, Mann sein kann.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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