Norderney  Erobert der Wolf nach Norderney auch Juist oder Langeoog? So ist die Lage auf den Inseln

Daniel Benedict, Maximilian Matthies
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Von Daniel Benedict, Maximilian Matthies
| 13.07.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Wolf ist auf Norderney angekommen. Sind Einheimische und Touristen auf den übrigen ostfriesischen Inseln deshalb in Sorge? Foto: IMAGO/IlluPics
Ein Wolf ist auf Norderney angekommen. Sind Einheimische und Touristen auf den übrigen ostfriesischen Inseln deshalb in Sorge? Foto: IMAGO/IlluPics
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Könnte der Wolf von Norderney aus Inselhopping betreiben und etwa auch Juist, Baltrum oder Langeoog heimsuchen? Die Einschätzungen dazu ergeben ein recht eindeutiges Bild.

Der Wolf schreckt Norderney auf. Sind denn die Nachbarn sicher? Die ostfriesischen Inseln liegen in der Nordsee dicht beieinander – denkbar also, dass der Wolf von Norderney aus über das Watt direkt zur nächsten Insel laufen könnte oder vom Festland rüber gewandert kommt.

Es sei es immer möglich gewesen, dass einzelne Wölfe auch auf den Inseln auftauchen, teilt die Nationalpark-Verwaltung Niedersächsisches Wattenmeer unserer Redaktion mit. Auch Urlauber wandern immer wieder durchs Watt nach Spiekeroog, Langeoog, Baltrum und Norderney. Und was Menschen schaffen, „das schafft der Wolf auch“, so Benedikt Wiggering, zuständig für Biodiversität und Monitoring bei der Nationalparkverwaltung.

Wattwanderungen nach Wangerooge und Juist sind verboten, zu Borkum besteht keine Wattwanderverbindung – aber auch diese Inseln könne der Wolf in einem theoretischen Szenario erreichen, sagt der Experte. „Zumindest ist das nicht unmöglich.“

Sind die Einheimischen auf den Nachbarinseln von Norderney nun in Aufregung? Eine Abfrage unserer Redaktion bei den zuständigen Amtsträgern ergibt ein recht eindeutiges Bild.

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Das westlich von Norderney gelegene Juist erwartet aktuell keinen ungebetenen Wolfsgast. Wie Bürgermeister Tjark Goerges gegenüber unserer Redaktion schriftlich mitteilt, gebe es keine Hinweise von den zuständigen Stellen. Die Jäger vor Ort gingen auch nicht von einer Ankunft des Raubtiers aus. Anders als auf Norderney sei kein Wildaustausch mit dem Festland erkennbar.

Vom Wolf auf Norderney wird angenommen, dass der Rüde über das Watt bei Niedrigwasser vom Festland aus auf die Nordseeinsel gelangt ist. Von einer Stelle im Landkreis Aurich am Festland nach Norderney sind es Luftlinie etwa vier Kilometer. Von Juist aus sei die kürzeste Verbindung zum Festland etwa doppelt so weit wie von Norderney oder Baltrum. Die Strecke sei durch starke Priele nicht ohne Weiteres bei Niedrigwasser zu überqueren, gibt Goerges an.

Karte zeigt: So kam der Wolf vermutlich nach Norderney

Während auf Juist mehr als 100 Pferde leben, die vom Wolf gejagt werden könnten, sind es auf Langeoog Rinder, die dort privat gehalten werden und an unterschiedlichen Stellen weiden. Auf der Insel würde ein gerissenes Rind „schnell auffallen“, meint Bürgermeisterin Heike Horn im Gespräch mit unserer Redaktion. Ansonsten sei das Nahrungsangebot knapp – es gebe auch kein Damwild, nur Jungvögel und Rehe. Allerdings sei mal ein Damwild auf der Insel gestreckt worden. Das Tier sei wohl durch das Watt gekommen. Die kürzeste Entfernung zum Festland betrage fünf Kilometer, auf der Strecke sei allerdings nicht komplett Watt. Länger ist der Weg mit neun Kilometern durch die Nordsee auf einer Route, die Wattwanderer ab Neuharlingersiel nutzen.

Vorkehrungen für eine mögliche Ankunft des Wolfes könne man auf Langeoog indes keine treffen. Bemerken könnten den Wolf Wildtierkameras, die auf der Insel aufgehängt sind. An sich sei der Wolf auf Langeoog „kein großes Thema“, man hoffe aber natürlich, dass er der Insel fernbleibe, sagt Horn. Sicher garantiert sei dies aber nicht.

Weniger wahrscheinlich erscheint eine Ankunft des Wolfes auf Wangerooge. Die Thematik stünde derzeit nicht im Fokus, teilt Kurdirektorin Rieka Beewen auf Anfrage unserer Redaktion schriftlich mit. Sie habe noch keine besorgten Gäste oder Insulaner angetroffen und erlebe die Stimmung dahingehend als unaufgeregt. Der Wolf müsste eine Strecke von 11,4 Kilometern durch die Nordsee zurücklegen, sollte er vom Festland auf die Insel gelangen wollen und dabei die kürzeste Route wählen. Wegen des beschwerlichen Weges sind für Touristen keine Wattwanderungen möglich. Die Insel beherberge auch kein Wild. Als Nutzvieh seien lediglich Kühe in der Sommersaison anzutreffen.

Gute sechs Kilometer wandert man vom Festland auf die Insel Baltrum. Etwas weniger, als der Wolf nach Norderney laufen musste. „Auch wenn Baltrum nahe am Festland liegt, gehen wir derzeit nicht davon aus, dass ein Wolf eine Wanderung auf unsere Insel unternehmen wird“, schreibt Baltrums Bürgermeister Harm Olchers. Selbst wenn der Wolf die Insel erreiche, wäre ein Schaden kaum zu befürchten. Wie auf Norderney grasen auch auf Baltrum keine Schafe; nur einige Pferde würden als Transport- oder Reittiere gehalten.

Könnte der Wolf die Direktverbindung zwischen Norderney und Baltrum nehmen? Nein, ist beim Nationalpark Wattenmeer zu erfahren. Auch bei Ebbe fließt zwischen den Nordseeinseln das Wasser in sogenannten „Seegatten“, die wegen starker Strömungen nicht passierbar sind.

Nahrung würde der Wolf auf Borkum wohl finden: Vor gut zehn Jahren hat Niedersachsens Umweltministerium Damwild auf die westlichste und größte der ostfriesischen Inseln bringen lassen – im Rahmen eines Feldversuchs, der nicht gut ausging: Das Wild entwich in den Nationalpark, konnte nicht mehr eingefangen werden und wurde nach einem Rechtsstreit zum Abschuss freigegeben.

Dass der Wolf das Damwild-Problem löst, gilt aber als unmöglich: „Die Zuwanderung von Tieren über das Watt ist bisher nach unseren Informationen nicht vorgekommen“, sagt Borkums Bürgermeister Jürgen Akkermann. „Die Entfernung – zehn Kilometer zu den Niederlanden und 18 Kilometer zum deutschen Festland – ist zu groß, da auch die Wester Ems und die Oster Ems mit den starken Strömungen überwunden werden müssen. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.“

Auf Spiekeroog antwortet man fast amüsiert: „Es gibt viele, sehr wichtige Themen, die uns und unsere Gäste bewegen“, schreibt Inselbürgermeister Patrick Kösters. „Ein Wolf gehört – zumindest nach meiner Einschätzung – nicht dazu.“ Dabei werden auf Spiekeroog auch Nutztiere gehalten: einige Schafe und eine Herde Galloway-Rinder, nicht viele also, aber genug, um im Falle eines Wolfsrisses für hässliche Bilder zu sorgen.

Der Bürgermeister lässt sich trotzdem nicht verunsichern: „Seit Jahrhunderten leben wir im Einklang mit der Natur und sind auch schon mit diversen Dingen ‚fertig‘ geworden“, argumentiert er. „So gab es vor etwa 100 Jahren einen Fuchs, der auf Spiekeroog nicht nur Begeisterung ausgelöst hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Wolf zu uns verirrt, ist gering. Wenn doch, werden wir genauso wie Norderney damit einen unaufgeregten Umgang finden.“

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