Osnabrück Mann der leisen Töne: Jens Peters ist der Diplomat im Literaturbetrieb
Seit dem Skandal um die Jury des Hauses der Kulturen der Welt ist der Literaturbetrieb im Gerede. Wie gewinnt man Vertrauen zurück? Jens Peters stellt sich dieser Aufgabe – als neuer Sprecher der Jury der LiteraTour Nord. Ein Porträt.
Sind Bücherleser wirklich Stubenhocker? Jens Peters bestimmt nicht. Zu seinem Büro im Osnabrücker Ledenhof führt eine steile Wendeltreppe hinauf. Peters nimmt nicht nur die Stufen im Geschwindschritt, er zieht auch jeden Morgen im Schwimmbad seine Bahnen. „Danach lese ich erst einmal zwei, drei Gedichte“, beschreibt er seinen Start in den Tag.
Mit Tempo nach oben: Jens Peters hat nicht nur das Literaturbüro Westniedersachsen aus dem Dornröschenschlag geweckt. Er hat auch andere Karrierestufen im Geschwindschritt genommen. Osnabrück gehört erst seit 2020 neben Oldenburg, Bremen, Rostock, Lübeck, Lüneburg und Hannover zu den Stationen der renommierten LiteraTour Nord. Und Jens Peters? Der amtiert für die nächsten drei Jahre als Sprecher der Jury des Bücherfestivals. Das ging schnell.
Dabei ist sein neuer Job durchaus heikel. Nach den Enthüllungen über angeblich unschöne Absprachen bei Vergaben des Internationalen Literaturpreises des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin sind Literaturjurys zuletzt grundsätzlich ins Gerede gekommen. Regiert in ihnen ein Klüngel, der moralische Kriterien über literarische Qualität stellt?
„Wir halten die Kriterien bewusst sehr offen. Es geht immer darum, bei literarischen Werken über Inhalt und Form zu sprechen“, reagiert Peters diplomatisch auf die Gretchenfrage nach dem Innenleben einer Literaturjury. Soll das Thema eines Buches wichtig sein oder doch seine literarische Form? Jens Peters legt sich nicht fest.
„Ich werde die Sitzungen der Jury leiten und zu den Preisverleihungen jeweils die Entscheidungen der Jury erläutern“, erklärt der frisch gebackene Vorsitzende, der nicht den Chef spielen muss, um vorangehen zu können. Peters ist der geborene Vermittler, immer eloquent und verbindlich. Und ein Kenner der Literatur. Zum Gespräch erscheint er im nachtschwarzen Shirt mit aufgedrucktem Porträt Franz Kafkas.
Peters schwärmt lieber über Literatur als dass er über die eigene Person sprechen würde. Sieben Städte, die Kooperation von Literaturbüro, Universität und Buchhandel an jedem Ort – Jens Peters ist ein Fan des Formats der LiteraTour. Der Literaturbetrieb kennt seine eitlen Selbstdarsteller. Peters gehört auf keinen Fall dazu.
So viel pragmatische Umgänglichkeit wirkt very british. Das führt bei dem 42 Jahre alten Peters auf die richtige Fährte. Der frühere Theaterdramaturg, der auch an der Osnabrücker Bühne tätig war, hat unter anderem in Cambridge studiert. Seinen Doktortitel erwarb er an der University of Exeter.
Anglophil ist auch sein literarischer Geschmack. Er hat ein Faible für Autoren der englischen Romantik wie William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge. Und für Tolkiens Fantasy-Klassiker „Der Herr der Ringe“. „Mein Bruder hat mir den Roman vorgelesen, als ich noch gar nicht lesen konnte“, erzählt Peters von jenen Büchern, die ihn zur Literatur gebracht haben.
Als Student las er alles, was er von Virginia Woolf in die Finger bekam. „Für meine Doktorarbeit habe ich an der Royal Academy of Dramatic Art in London eine Inszenierung ihres Romans „Die Wellen“ erstellt“, berichtet Peters. Seine Augen leuchten dazu. Mit Winfried G. Sebalds Roman „Die Ringe des Saturn“ fand er als Literaturvermittler in seine Profession.
Ist er damit nicht in Rückzugsgefechte verwickelt? Angeblich geht die Zahl der Leser zurück. Fernsehsender stellen immer mehr Literatursendungen ein. „Vorstellungen von Literatur und den damit verbundenen Ansprüchen verändern sich“, bleibt Peters auch bei diesem Thema verbindlich.
Statt zu klagen, geht er lieber in die Offensive. TikTok als Option für die Beschäftigung mit Büchern soll schon 2025 ein Thema sein - bei einem Symposium zur Literaturvermittlung. Wie werden Bücher in sozialen Netzwerken vermittelt? Jens Peters bleibt neugierig und alert. Schale Kulturkritik überlässt er lieber anderen. Und schlägt das nächste gute Buch auf. Wann findet er Zeit zum Lesen? „Wenn meine Frau reitet. Dann sitze ich daneben und schaue ins Buch“, sagt er. Und lächelt verschmitzt.