Osnabrück Aufsichtsrätin Simone Menne: „Unternehmer müssen sich klar gegen AfD positionieren“
Aufsichtsrätin Simone Menne fordert von Unternehmern eine klare Haltung gegen die AfD. Ein Gespräch über ihre Parteimitgliedschaft bei den Grünen, die politische Rolle von Wirtschaftsbossen und darüber, wie die Ampel-Koalition die AfD stärkt.
Der erste Anruf mit der Aufsichtsrätin Simone Menne geht schief, die Verbindung lässt sich nicht herstellen. Im zweiten Anlauf klappt es. Das Telefongespräch wird von deutlichem Vogelgezwitscher begleitet. „Sie werden es hören, ich bin auf dem Dorf. Manchmal ist der Empfang hier eine Katastrophe“, sagt Menne. Die Ex-Lufthansa-Finanzchefin sitzt derzeit im Aufsichtsrat von Henkel, Siemens Energy und der Deutschen Post AG, ist Kuratorin einer Kunststiftung, Mitglied bei den Grünen und beteiligt sich an der Initiative „WirSindPartei“. Ein Gespräch über politisches Engagement von Unternehmern und Managern in Zeiten des Rechtsrucks.
Frage: Frau Menne, Sie werben öffentlich für den Eintritt in eine demokratische Partei. Warum machen Sie das?
Antwort: Es hat mir nicht mehr gereicht, nur zur Wahl zu gehen. Ich bin jetzt seit drei Jahren Parteimitglied bei den Grünen. Es ist enorm wichtig, dass sich Menschen, die unternehmerisch tätig sind, demokratisch engagieren. Wir werden gesehen und gehört.
Frage: Für Demokratie zu werben, ist das eine, für den Eintritt in eine Partei zu motivieren, aber doch etwas anderes?
Antwort: Nur für die Demokratie auf die Straße zu gehen, hat keinen nachhaltigen Effekt. Den gibt es nur, wenn man sich parteipolitisch engagiert. Wir müssen Menschen dazu bringen, sich zum Teil des Ganzen zu machen. Zu viele belassen es dabei, die Politik lediglich zu kritisieren. Das ist wohlfeil.
Frage: Wie könnten Unternehmen die Belegschaft zu politischem Engagement motivieren?
Antwort: Manche Unternehmen geben ihren Angestellten ein bestimmtes Stundenkontingent für ihr ehrenamtliches Engagement. Unternehmen könnten auch AfD-Politiker einladen, um eine Diskussion in Gang zu bringen: „Wie wollen Sie den Fachkräftemangel beheben? Wo ist unser Markt, wenn wir aus der EU austreten?“. So entlarven sie Politiker wie Björn Höcke.
Frage: Allerdings haben weder Entlarvung noch die Skandale rund um die AfD dazu geführt, dass AfD-Sympathisanten es sich anders überlegt haben.
Antwort: Aber wir können doch nicht nichts tun! Mit der Aufklärungsarbeit aufzuhören, wäre das Gefährlichste überhaupt. Wir sind in einer Situation, in der jeder etwas tun muss. Ich glaube auch nicht, dass wir damit alle Wahlsiege der AfD verhindern können. Aber wir bringen Menschen zum Nachdenken und können vielleicht doch einige umstimmen.
Frage: Sie sind Aufsichtsrätin verschiedener Unternehmen. Ist da eine Parteizugehörigkeit nicht problematisch?
Antwort: Ich habe meine Parteimitgliedschaft nicht vorher mit den Unternehmen besprochen. Außerdem gibt es auch viele Unternehmer, die Mitglied bei der CDU sind, aber niemand redet darüber. Ich werde oft gefragt: „Wie kannst Du Aufsichtsrätin sein und für die Grünen?“ Als wäre das ein Widerspruch. Ich nehme an, dass Unternehmer mit CDU-Parteibuch nicht gefragt werden, warum sie bei der CDU sind.
Frage: Ihre Grünen-Mitgliedschaft steht Ihrer Funktion als Aufsichtsrätin großer Unternehmen also nicht im Weg?
Antwort: Natürlich muss ich bei meinen Entscheidungen im Aufsichtsrat abwägen, für welche Werte ich stehe und ob sich diese Werte mit der Firma, in der ich Aufsichtsrätin bin, vereinbaren lassen. Das würde ich aber auch machen, wenn ich kein Parteimitglied wäre.
Frage: Welche Unternehmen wären für Sie ein No-Go?
Antwort: Solche, die Atomkraftwerke bauen oder den Klimawandel leugnen.
Frage: Finden Sie, dass sich Unternehmen selbst auch politisch positionieren sollten?
Antwort: Ja. Es ist wichtig, dass sich Unternehmen und Vorstandsvorsitzende klar gegen die AfD und deren Programm positionieren, weil diese keine demokratischen Werte vertreten. Es muss und sollte keine Positionierung für eine einzelne Partei geben, darüber müssen Mitarbeiter selbst entscheiden.
Frage: Sie sollten sich eindeutig gegen die AfD aussprechen?
Antwort: Sie sollten Stellung zu bestimmten programmatischen Punkten dieser Partei beziehen. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass ein EU-Austritt für unsere Wirtschaft schädlich wäre, dass es dem Wirtschaftswachstum schaden würde, wenn keine Migranten mehr ins Land kämen.
Frage: Könnte die öffentliche Kritik an der Partei negative Folgen innerhalb der Unternehmen haben? Gerade in Gegenden mit hohen AfD-Zustimmungswerten?
Antwort: Wer wirklich an seine Werte glaubt, darf keine Angst haben, es sich mit seinen Kunden und Mitarbeitern zu verderben. Der muss Aufklärung betreiben und aufzeigen, was es für das Unternehmen bedeuten würde, wenn die AfD an die Macht käme.
Frage: Haben manche Unternehmen vielleicht auch die Sorge, dass eine kritische Haltung nachteilig für ihren künftigen Erfolg sein könnte?
Antwort: Wer schweigt, überlässt das Regime jenen, die laut und nationalistisch sind. Das wäre der Beginn dessen, was im Nationalsozialismus passiert ist. Viele haben damals stillgehalten und profitiert.
Frage: Welche Rückmeldungen haben Sie bislang für Ihr Engagement erhalten?
Antwort: Öffentlich gar keine. Ich habe keinerlei Anfeindungen erlebt. Ich verstehe mich auch gut mit Unternehmern, die sich in einer anderen demokratischen Partei engagieren. Uns eint eine gemeinsame Wertebasis. Wir müssen uns zu Koalitionen zusammenschließen, über Parteigrenzen hinaus.
Frage: Die Ampel-Koalition ist nicht gerade ein Beispiel dafür, dass das gut funktionieren kann.
Antwort: Das ist eine Katastrophe. Demokratische Parteien dürfen sich nicht gegenseitig rhetorisch abwerten, in der Hoffnung, die eigene Partei dadurch zu stärken. Damit geben wir der AfD Auftrieb. Wir haben doch gemeinsame Grundwerte: Wir sind uns bei vielen Themen uneinig wie beim Bürgergeld, aber wir sind uns einig, dass es eine soziale Absicherung geben muss.
Frage: Warum nimmt die Angriffslust zwischen den Parteien so zu?
Antwort: Politiker wollen Sichtbarkeit und brauchen Schlagzeilen. Die bekommen sie, wenn sie etwas sagen, das aufrührerisch klingt. Am nächsten Tag sind sie stolz auf die Klicks, aber sie übersehen, dass die Glaubwürdigkeit der Politik leidet. So sinkt das Vertrauen, die Menschen wenden sich ab.