Stressfaktor Einschulung  Warum der Schulstart Geld und Nerven kostet

| | 11.07.2024 07:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bücher, Mappen, Stifte – die Liste der Schulmaterialien ist endlos. Foto: Pixabay
Bücher, Mappen, Stifte – die Liste der Schulmaterialien ist endlos. Foto: Pixabay
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Schulranzen, Stifte, Bücher – und den Tuschkasten bitte von einer bestimmten Marke. Der Start in die erste Klasse ist vor allem eins: teuer. Zusätzliche Zeit kosten die Extrawünsche der Schulen.

Ostfriesland - Kurz vor den Sommerferien sitzen die Eltern zukünftiger Schulkinder zum ersten „Elternabend“ im Klassenraum einer Grundschule im Landkreis Leer, um Fragen zu stellen und Organisatorisches zu klären. „Von welcher Marke sollten die Wachsmalstifte sein?“, fragt eine Mutter. Zur Antwort erhält sie eine Marke genannt, die zwar hochwertig ist, aber auch mehr kostet als andere. Die Eltern, teilweise zu zweit, halten ein beidseitig bedrucktes Din-A-4-Blatt in der Hand: die Liste mit Anschaffungen, die zur Einschulung fällig werden. Die Klassenlehrerin geht die Liste mit den Eltern durch, erläutert, beantwortet Fragen.

Die Liste ist lang und ausführlich. Zentral sind die Titel der zu beschaffenden Schulbücher. Kauft man sie neu, liegen die Kosten dafür bei etwa 80 Euro.

Hinzu kommen Mappen, Hefte, Stifte und sonstige Utensilien wie Tuschkasten mit Pinseln und Wasserbehälter, Lappen und Malkittel, Anspitzer mit Auffangfunktion, Federmäppchen, Zeichenblock sowie ein Turnbeutel mit Turnschuhen und Sportkleidung, eine Trinkflasche und eine Brotdose. Manche Dinge hat man natürlich schon, doch vielleicht in der falschen Ausführung. Anderes muss doppelt vorhanden sein, wie etwa Schere und Kleber – ein Set für die Schule, eins für zu Hause.

Extrawünsche der Schulen sind manchmal schwer zu erfüllen

Zusätzlich variieren von Schule zu Schule weitere Extrawünsche: Ein gelochter Malblock im Din-A-4-Format? „Den loche ich jetzt selber“, sagt eine Mutter, nachdem sie erfolglos danach gesucht hat. Eine Frau erzählt, dass die Schule der Kinder, für die sie ehrenamtlich die Erstausstattung besorgte, Mappen nicht nur in den klassischen Farben wie Blau, Rot, Grün wünschte, sondern in speziellen Farbnuancen. „Diese Farben gab aber es nur in der teureren Version im Schreibwarenladen“, erzählt sie.

Auf einer anderen Liste für Erstklässler, die der Redaktion vorliegt, vermerkte eine Mutter neben dem Punkt „kleine Schnellhefter rot“: „Kleinschneiden“, was wohl so viel bedeutet, dass der Hefter aus einem großen zurechtgeschnitten werden muss. In einem sind sich jedoch alle Schulen einig: Der Tuschkasten sollte von Pelikan sein. Er kostet etwa doppelt so viel wie billigere Modelle.

Knapp 1000 Euro bezahlen Familien in Deutschland für die Einschulung

Wer auf der Suche nach Schulmaterial ist, muss gut organisiert und manchmal auch kreativ sein – vor allem wenn man wenig Geld zur Verfügung hat, um das alles zu bezahlen.

Durchschnittlich geben Familien in Deutschland knapp 1000 Euro für die Einschulung aus, wie der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) 2023 berechnet hat. Ein günstiger Schulranzen kostet neu ab etwa 100 Euro aufwärts, Ranzen vom Testsieger Ergobag (Stiftung Warentest 2023) kosten zwischen 250 und 300 Euro.

Finanzielle Entlastung für bedürftige Familien hält sich in Grenzen

Das ist viel Geld, und für Familien mit geringem Einkommen kann die Einschulung zum finanziellen Kraftakt werden. Wer etwa Bürger- oder Wohngeld bezieht, erhält im Rahmen der Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT) für Schulkinder Unterstützung vom Staat. „Im August 2024 können die anspruchsberechtigten Kinder eine Pauschale für den Schulbedarf in Höhe von 130 Euro erhalten“, sagt dazu die Pressestelle des Landkreises Leer. Derzeit betrage die Pauschale für das zweite Schulhalbjahr 65 Euro, die im Februar ausgezahlt werden.

Der Verein Alltagshelden Ostfriesland aus Wiesmoor schafft Abhilfe mit gezielten Sachspenden an Bedürftige. Dazu gehören auch Schulranzen. Das Projekt „Dabei sein“ vom Landkreis Leer richtet sich an Familien, die gerade über der Einkommensgrenze liegen, mit der man Unterstützung zur Bildung und Teilhabe beantragen kann, fördert laut eigenen Angaben „Freizeit- und Bildungsangebote für Kinder, deren Familien sich diese „Extras“ nicht ohne weiteres leisten können.“ Doch das hilft wenig bei den Anschaffungen zur Einschulung.

Niedersachsen gehört in Deutschland zu den Bundesländern, in denen es keine Lehrmittelfreiheit gibt. Das heißt, die Bücher müssen grundsätzlich selbst bezahlt werden. Lehrmittel können zwar ausgeliehen werden, aber gegen Gebühr, die laut GEW 33 bis 40 Prozent des Buchpreises beträgt, wobei jede Schule die genaue Höhe des Betrages selbst festlegt.

Bildungschancen hängen in Deutschland stark vom Einkommen ab

Eine 2024 veröffentlichte Studie vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) stellte heraus, dass Bildung und Einkommen der Eltern entscheidende Faktoren für die Bildungschancen von Kindern in Deutschland sind. Der Bericht „Bildung in Deutschland 2024“ im Auftrag von Bund und Ländern beklagt ebenfalls die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland.

Während 79 Prozent der Kinder aus privilegierten Elternhäusern nach der Grundschule eine Gymnasialempfehlung erhalten, seien Kinder aus armen oder bildungsfernen Familien nur mit 32 Prozent dabei, heißt es dazu im Bericht. Es wird deutlich: Wer zu Hause gefördert werden kann, hat in Deutschland die besseren Chancen, und das zeigt sich gleich am Anfang der Schulzeit.

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