Kolumne „Klare Kante“ Die Union versucht den Merkel-Spagat
16 Jahre lang war Angela Merkel (CDU) Bundeskanzlerin. Auch in ihrer Partei wird sie nun zunehmend kritischer gesehen. Wie gelingt der Spagat zwischen Würdigung und Neuanfang?
Die verstorbene „Unions-Legende“ Wolfgang Schäuble wollte Angela Merkel nicht in die Galerie der großen deutschen Kanzler Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl aufnehmen. Eine „abschließende Debatte“ werde den Platz der Ex-Regierungschefin in der deutschen Geschichte noch zu klären haben.
Mit dem Abschied aus dem hohen Amt beginnt oft eine Verklärungsphase. Merkel , die am 17. Juli ihren 70. Geburtstag feiert, erfreute sich im Gegensatz zum jetzigen Kanzler zwar großer Beliebtheit, wird aber retrospektiv zunehmend kritisch gesehen.
Zur Person
Dieter Weirich (79), Publizist und Buchautor, ist ein Grenzgänger zwischen Medien und Politik. Der gebürtige Schwabe war hessischer Landtags- und Bundestagsabgeordneter der CDU und Intendant der Deutschen Welle. Heute lebt er in Berlin.
Die Liste historischer Versäumnisse und Fehler in der 16-jährigen Merkel-Ära ist lang: die Fortsetzung der fahrlässigen pazifistischen deutschen Sicherheitspolitik trotz Putins Annexion der Krim 2014, das Kaputtsparen der Bundeswehr, die energiepolitische Abhängigkeit vom Kreml, die Grenzöffnung 2015 mit dem anschließenden Kontrollverlust bei der Migration und der opportunistische Abschied von der Kernkraft.
Merkel ist nach ihrer Kanzlerschaft zu ihrer Partei auf Distanz gegangen, sie nimmt an keinem Parteitag teil, aus der Konrad-Adenauer-Stiftung hat sie sich zurückgezogen, dafür würdigte sie den Grünen Jürgen Trittin bei seinem Abschied aus dem Bundestag. Kann man sich demonstrativer von der eigenen Familie abwenden?
Jetzt hat sich die Partei mit Merkel auf einen versöhnlichen Geburtstagsempfang geeinigt. Was ihr Verhältnis zur Merkel angeht, so hat sich die Union in der Aufarbeitung ihrer Regierungszeit nie ehrlich gemacht, waren doch viele Vasallen in Partei und Fraktion auf den Irrwegen mit von der Partie.
Im neuen CDU-Grundsatzprogramm werden die Unterschiede zur früheren Regierungszeit zwar deutlich, zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist die Opposition aber nicht bereit. So versucht der unbefleckte CDU-Chef Friedrich Merz, einer besonderen Sympathie für Merkel völlig unverdächtig, den Spagat. Versöhnung durch lobende Worte, denen freilich andere Taten folgen.
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