Osnabrück Kunst mit dem Cutter: Lucio Fontana und seine Raumkonzepte für eine neue Zeit
Er zeichnete mit Licht, zerschnitt Leinwände, zerlöcherte Bilder: Der 1968 gestorbene Lucio Fontana gilt bis heute als einer der Großen der modernen Kunst. Jetzt kommt seine Kunst neu ins Rampenlicht. Eine Kulturreportage aus Mailand.
Wenn er das Licht sucht, geht er in die Dunkelheit. Den Himmel stellt er sich am besten in der Katakombe vor. Lucio Fontanas Kunst öffnet den Blick für eine Weite, die zuvor niemand sah. Aber sie entsteht unter gemauerten Gewölben in einem Souterrain. Am Corso Monforte, im Haus Nummer 23, mitten in Mailand verbirgt sich dieses Heiligtum der modernen Kunst. Draußen knattern Vespa-Roller, rollen Busse, hasten Passanten. Drinnen nichts als Stille. Wer weiß schon, dass hier ein Mythos wohnt?
In diesem schmucklosen Raum deutet nichts auf große Kunst. Luca Massimo Barbero fasst einen Garderobenständer, rollt ihn von einer Bodenklappe weg. Plastikbügel klappern. Barbero fasst zu, öffnet die Klappe. Modriger Geruch steigt auf. Den Kunstexperten stört das nicht. Denn unten fertigte Lucio Fontana Kunstwerke, für die Sammler heute Millionen zahlen. Historische Fotos zeigen den schmächtigen Fontana. Im Atelier trägt er Krawatte und Handwerkerschürze, wie ein Bankdirektor im Hobbykeller.
„Er brauchte keinen großen Raum, um ein großes Werk zu schaffen“, erläutert Luca Massimo Barbero von der Fondazione Lucio Fontana. Die Stiftung hütet den Nachlass des 1968 verstorbenen Künstlers. Sie entscheidet über die Echtheit seiner Werke und übt damit erhebliche Macht auf einem Kunstmarkt aus, der den Italiener Lucio Fontana neben Größen wie Andy Warhol oder Gerhard Richter auf den vorderen Plätzen eines imaginären Rankings führt. Auktionshäuser wie Sotheby´s oder Christie´s erlösen mit Fontanas Bildern Millionen – pro Stück.
Fontana ist immer mit dabei. Historische Fotos zeigen ihn mit dem Filmregisseur Federico Fellini, der Kinoklassiker wie „La Strada“ oder „Amarcord“ dreht, mit dem Schauspieler Ugo Tognazzi oder Konzeptkünstler Piero Manzoni. Alle strahlen auf den alten Fotos, keiner so wie Fontana. Sein Charisma ist legendär. Der Mann mit den dunklen Augen und dem großen Schnauzbart strahlt italienische Grandezza aus. So lässig kann Avantgarde sein. Das macht Fontana keiner nach.
Mailand ist seine Stadt. Die Metropole der Lombardei treibt mit ihrem Elan ganz Italien an. Und verleiht dem Land Glanz und Glamour: mit ihrer weltberühmten Oper, der Scala; der Galleria Vittorio Emanuele II., dem vielleicht schönsten Salon Europas und dem Dom, dieser riesigen, schneeweißen Schmuckkassette.
Lucio Fontana grüßt von nebenan herüber. Das Museo del Novecento bewahrt viele seiner Werke, darunter seine schwebende Skulptur aus gewundener Neonröhre. 1957 sorgt Fontana mit dieser Lichtspur für Aufsehen. Heute schwebt diese Kurve aus Licht über einer Fensterfront, die den Blick auf die fein ziselierte Domfassade freigibt. Bellissimo!
In den späten fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts sorgt Fontana mit solchen Werken für Aufsehen. Sie sprengen Grenzen. Und weiten Räume. Fontana sticht Löcher in Leinwände, schlitzt sie mit dem Cutter auf. Ab 1949 fertigt er die „Buchi“, die zerlöcherten Leinwände, ab 1958 die „Tagli“, ihre aufgeschlitzten Pendants. Sie avancieren sofort zu Markenzeichen. Dabei will Fontana mehr als ein simples Signet. Er sucht nach der neuen Kunst.
„Es gibt kein ruhiges Leben mehr. Der Begriff der Geschwindigkeit ist eine Konstante im menschlichen Leben. Das Zeitalter paralysierter Formen und Farben ist vorüber“, heißt es in dem „Manifesto blanco“, dem Weißen Manifest, das Fontana 1946 initiiert. 1948 richtet er das „Ambiente nero“ ein, das als erstes Environment in die Geschichte der modernen Kunst eingehen wird. Lucio Fontana ist vorn, sein Leben lang. Der Takt der Avantgarde schlägt in Mailand, Fontanas Takt.
Concetto Spaziale, Raumkonzept: Das ist für ihn jedes richtige Kunstwerk. Fontana schlitzt mit der Leinwand den Bildträger auf, den die Kunst über Jahrhunderte wie ein Heiligtum gehütet hat. Fontana zeigt, dass der wahre Raum hinter dem Bild liegt und nicht in dessen Illusionswelt. Kunst soll es nach seiner kühnen Vorstellung mit der Technik aufnehmen, mit der Raumfahrt konkurrieren können. Lucio Fontana vollführt den Quantensprung der Kunst. Das macht ihn zur Legende.
In Mailand scheint der Künstler allgegenwärtig zu sein. Wenn man seinen Spuren zu folgen versteht. Der Kunsthistoriker Roland Mönig weist den Weg zur Kirche San Fedele. Touristen verirren sich selten in diese Kirche und ihre Schatzkammer. Mönig weiß, was es hier zu finden gibt. Bilder von Lucio Fontana. Eines schimmert silbern. Mitten durch die Leinwand geht Fontanas Schnitt. Den Spalt entlang biegt sich die Leinwand auf. Sein Schattenwurf wirkt wie eine Skulptur aus Licht. Hinreißend.
Roland Mönig, Direktor des Von-der Heydt-Museums, will 80 Werke Lucio Fontanas nach Wuppertal holen. Ab Oktober 2024 sollen sie dort zu sehen sein. „Wir haben vier Werke Fontanas in unserer Sammlung“, erläutert Mönig. Für seine epochale Rückschau auf eines der großen Werke der modernen Kunst holt er Leihgaben, auch aus Mailand. Für ihn ist die Stadt eine Fundgrube, gerade an überraschend abgelegenen Orten.
Die Kirche San Fedele gehört dazu, auch deshalb, weil sie ganz unerwartete Seiten im Werk Fontanas zeigt. Der Künstler modelliert 1957 den Kreuzweg Jesu Christi in Keramik als ein bewegendes Drama des Leidens. Im Diözesan-Museum, abseits der Innenstadt, gibt es das Pendant: Den Kreuzweg in 14 Stationen auf weißen Keramikplatten, dazu das riesige Altarbild Marias. Fontana formt sie zu einer himmelwärts entschwebenden Figur voll dramatischer Seelenbewegung.
„Fontana ist ein Künstler der Avantgarde, aber er bleibt auch ganz an der menschlichen Figur orientiert“, ordnet Roland Mönig ein. Der italienische Künstler zeigt, wie die Avantgarde der Kunst auch funktionieren kann – nicht als kaltes Kopfprojekt, sondern als gelebte Sinnlichkeit. Fontana will entschlossener Neuerer sein. Zugleich besitzt seine Kunst mediterranen Schmelz.
Dabei wirkt die Avantgarde der modernen Kunst ansonsten eher sinnenfeindlich. Ob Piet Mondrian oder Kasimir Malewitsch, mit dem Purismus ihrer Schwarzen Quadrate oder rechten Winkel wollen sie die Kunst von allem reinigen, was den neuen Aufbruch stört: Geschichte und Geschichten, Tradition und Herkommen.
Lucio Fontana ist da ganz anders. Auch seine Raumkonzepte sollen die Kunst völlig neu verorten. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts werden seine Schnitte in die Leinwand aber auch ganz direkt verstanden – als Aufruf zur politischen Aktion oder als erotischer Akt.
In Italiens Kunst reißt der Faden der Tradition niemals ab. Fontana fertigt sogar Reliefs für eine Tür des Domes. Wie schade, dass sie niemals angebracht werden. Den Vorzug erhält damals ein vergleichsweise biederer Handwerker. Im Diözesanmuseum ist nun zu sehen, wie aufregend Fontana biblische Geschichte in bewegte Figurenreliefs übersetzt hat. Hätten solche Kunstwerke nicht auch in der Renaissance oder dem Barock entstehen können?
Wer heute durch Mailand streift, der glaubt in einem der älteren Herren, die in einer Bar ihren caffè schlürfen, den schnauzbärtigen Fontana zu erkennen. Oder knattert er nicht eben auf einer knallroten Vespa vorüber?
In seinem Atelier am Corso Monforte hat der Künstler nicht nur im Keller seine Bilder und Skulpturen geschaffen, sondern auch in jenem kleinen Park gesessen, der sich im Innenhof öffnet. Er war ein Lebenskünstler. Wie sagte Fontana über seine gelochten Leinwände? „Meine Entdeckung ist das Loch, punktum; und nach dieser Entdeckung kann ich auch beruhigt sterben.“
Hinweis zur Transparenz: Diese Reportage wurde ermöglicht durch eine Pressereise nach Mailand, die das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum und das italienische Außenministerium veranstalteten.