Saarbrücken  Schwulsein und Altwerden: Warum Reinhold Henß auf keinen Fall im Altersheim leben möchte

Jessica Chen
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Von Jessica Chen
| 07.07.2024 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Reinhold Henß (rechts) und sein Mann sind unzertrennlich. Was ihn mit Blick aufs Altwerden nachdenklich macht. Foto: Reinhold Henß
Reinhold Henß (rechts) und sein Mann sind unzertrennlich. Was ihn mit Blick aufs Altwerden nachdenklich macht. Foto: Reinhold Henß
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Reinhold Henß ist Rentner und schwul. Wann er Einsamkeit empfindet und warum es für ihn einen Unterschied beim Altwerden macht, dass er homosexuell ist. Ein Einblick in das Leben eines queeren Wegbereiters – und sein Aufruf an jüngere Generationen.

Ob die Mitgründung der Aidshilfe, oder das Heiraten seines langjährigen Partners: Viele historische Meilensteine der Schwulen- und Lesbenbewegung zieren das Leben von Reinhold Henß. Jetzt sieht sich der Rentner und Ehrenamtler mit der nächsten gesellschaftlichen Herausforderung konfrontiert: schwul Altwerden.

„Alt werden ist nicht sexy“, sagt der 71-jährige Reinhold Henß lachend im Gespräch mit unserer Redaktion. Der ehemalige Kinder- und Jugendpsychiater lebt mit seinem Mann Matthias in einer Wohnung in Saarbrücken.

Eine überstandene Hirnblutung zwangen die beiden zuletzt zu der Frage, wie es im Falle von Pflegebedürftigkeit weitergehen soll. Von den Menschen, mit denen er im Saarbrücker Chor zusammen singt, kennt der Psychiater im Ruhestand Geschichten aus Alters- und Pflegeheimen. Und auch durch sein ehrenamtliches Engagement in den Einrichtungen. Diese „Kasernierungen“ verlasse er mit „einem Schauer“, sagt er.

Wenn Zeit und Geld keine Rolle spielten, dann wünscht sich Henß, zu Hause alt zu werden, oder zumindest ein Zuhause zu haben. Entweder innerhalb seiner Beziehung, oder falls das nicht möglich sein sollte, in sogenannten Wahlfamilien.

„Ich möchte mich nicht ständig erklären müssen“, begründet er die Entscheidung, nicht in einem Heim leben zu wollen. Täglich darüber Rechenschaft ablegen zu müssen, wer er ist, koste Energie: „Man braucht die Kraft für andere Dinge.“ Wenn Henß spricht, dann spricht er ruhig und sachlich. Manchmal hält er inne, um sich an die genauen Jahreszahlen zu erinnern.

Schwulsein ist für Reinhold Henß „eine Art zu leben“. Seine Identität präge sein Umfeld auf direkte oder indirekte Weise. So auch das konstante Gefühl, wachsam sein zu müssen.

Aus diesem Grund orientiere er sich an Räumen, in denen er sich akzeptiert fühlt: „Ich lebe schon gerne in der Großstadt, weil dort Bürgerinnen und Bürgern durch das buntere, faktische Leben damit konfrontiert sind, dass nicht alle so sind wie sie.“

Dass er schwul ist, ist ihm in den 70er-Jahren – mit Anfang 20 bewusst geworden, rechnet Henß nach. 1952 in Jugenheim in Hessen geboren, lebte er in seiner Kindheit in Indonesien und später in Osnabrück. Nach der Schulzeit auf dem Ratsgymnasium und dem Wehrdienst zog er für das Medizinstudium in das Saarland. Für Henß war es beim Anfang des Studiums, mit dem Antritt politischer Ämter in der Fachschaft und dem Studentenparlament, als es für ihn „im Kopf losging.“ Heute lebt er offen schwul, „insofern traut sich keiner, mich direkt zu diskriminieren“, scherzt er.

Konfrontativ war er schon immer: „Damals hat man sehr gern symbolische Kleidung getragen, bei mir war es ein lila Overall. Auch Buttons waren sehr beliebt – das Lambda, Symbol für die schwule Jugend, habe ich als Pin getragen, weil der gut zum Overall passte. Als mich ein Prof darauf ansprach, ob ich das ernst meinen würde, entgegnete ich: ‚Darauf können Sie Gift nehmen.‘ ”

Am wichtigsten war es für Henß, seinen Eltern zu sagen, dass er schwul ist. Ein Grundvertrauen war da: „Es war schon spannend, aber ich musste mir keine Sorgen wie andere machen, die nicht mehr nach Hause durften.“ Er besuchte mit seinem damaligen Partner seine Eltern in Osnabrück, die die Neuigkeiten ruhig aufnahmen. Seine Stiefmutter meinte, sie hätte es „sowieso schon gewusst“.

Schmerzhafte Erinnerungen hat Henß an die Zeit nach 1980. Die Aids-Krise hat er als Arzt und Freund miterlebt: „Mich hat das persönlich getroffen. Über die Hälfte meiner Freunde sind gestorben. Das war ein Tal der Tränen. Augenscheinlich haben wir heute viele Menschen um uns, bis ich dann merke: Das sind eigentlich Matthias‘ Freunde.“

Erst vor kurzem hat er von einem weiteren Freund Abschied nehmen müssen. Das Pflegen und Besuchen der kranken Menschen bewegte ihn dazu, die „Aidshilfe Saar“ mitzugründen.

Zu dieser Zeit war Henß in einer psychosomatischen Klinik tätig und Ansprechpartner für queere Patienten. Gemeinsam mit der „Aidshilfe Saar“ setzte er sich dafür ein, dass Menschen nur mit ihrer Einwilligung auf HIV getestet wurden. In Allianzen mit Ärztinnen wurde dies als Standard in saarländischen Kliniken eingeführt.

Zusätzlich baute er mit der Aidshilfe und Partnerinnen das Paul-Marien-Hospiz auf, das sich tödlich erkrankten Aids-Patienten widmete. Dort kam in seiner Medizinkarriere erstmals der Begriff der „kultursensiblen Pflege“ auf, der für einen toleranten Umgang mit Patienten stand.

Auch als „Gay Counsellor“, ein Berater für LGBTQ-Themen bei „Pro Familia“, setzte er sich ehrenamtlich ein. Seinen beruflichen Höhepunkt sieht Henß in dem Aufbau einer adoleszenten Psychiatrie, die junge Erwachsene zwischen 17 und 23 Jahren behandelt. Die Arbeit mit psychisch erkrankten Jugendlichen führte ihn sogar nach Syrien. Gegenwärtig engagiert sich der aktive Rentner für die Stiftung „Buntes Leben Stiften“, die die Pflege queerer Senioren fördert.

Nicht nur die Folgen der Aids-Krise schwächen die Gemeinschaft schwuler alter Männer, Einsamkeit verspüre Henß allgegenwärtig. Viele ziehen sich im Alter zurück. Das Saarbrücken aus Henß‘ Vergangenheit war ein schwul-lesbisches Eldorado, mit einer LGBTQ-Meile, die heute nur noch aus einem einzigen schwul-geführten Laden besteht. „Junge Leute kamen nicht mehr“, sagt er zu der Veränderung.

Politisch aktiv seit einer Zeit, wo die Begriffe „queer“ und „LGBTQ“ noch gar nicht existierten, sieht Henß seine Rechte als schwuler Mann nicht als selbstverständlich an. Erst seit 1994 ist Homosexualität in Deutschland nicht mehr strafbar, seit 2017 werden Opfer des entsprechenden Paragrafen 175 entschädigt. Seinen Mann, den er vor 31 Jahren in einer Schwulenkneipe kennenlernte, durfte er erst nach Einführung der Ehe für alle 2017, heiraten.

Er finde es wichtig, dass der Gesellschaft bewusst ist, dass Queersein nicht nur aus Partykultur besteht: „Es kommt möglicherweise eine Zeit, wo junge Menschen ganz aktiv sein müssen. Der aktuelle Rechtsruck macht mir Bedenken.“

Henß ruft nicht-heterosexuelle Paare dazu auf, zu heiraten. Lange konnte er mit Matthias nur in einer eingetragenen Partnerschaft leben, die unter anderem verhindert, gemeinsam ein Kind zu adoptieren. Die Ehe steht dagegen unter dem Schutz des Grundgesetzes: „Bis sich da jemand heranwagt, das dauert.“ Er mahnt:

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