Osnabrück Wer mag schon Richard David Precht? Einen jedenfalls kenne ich...
Ob Corona-Impfpflicht, die Medien oder ein AfD-Verbot: Zu fast allem hat Richard David Precht eine Meinung, und fast immer polarisiert er damit. Trotz aller Kritik: Unser Chefredakteur Burkhard Ewert hört ihm gerne zu.
Möglicherweise mache ich mich mit dem folgenden Satz nicht besonders beliebt. Aber ich schätze Richard David Precht.
Kurioserweise verlief die Kurve bei mir umgekehrt wie bei einem großen Teil der Bevölkerung. Sein Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“, das Elke Heidenreich damals hymnisch empfahl, schoss im Jahr 2008 in die Bestsellerlisten. „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling musste ihm weichen. Ich fand das Cover albern, ebenso wie mir „Tiere denken“ später vom Thema her merkwürdig vorkam. Und ja, ich gebe es zu, vielleicht sah mir Precht auch einfach ein bisschen zu geleckt aus, als dass ich glaubte, seine Worte könnten wirklich Gewicht haben.
Nach dem kometenhaften Aufstieg ist Prechts Ansehen inzwischen abgestürzt. Dafür gibt es Gründe. Kluge Kollegen von mir arbeiteten sich an dem Autor und seinen Irrtümern ab, etwa der „FAZ“-Herausgeber Jürgen Kaube oder, sehr witzig, Sebastian Leber im „Tagesspiegel“. Der Pädagoge Christoph Michalski hat im „Focus“ ganz sachlich einige Precht-Probleme notiert, nämlich:
An jedem Punkt ist etwas dran. Ich könnte sogar noch mehr hinzufügen. Trotzdem glaube ich, dass Precht außerdem aus anderen Gründen in gewissen Milieus in Ungnade fiel, nämlich wegen seiner inhaltlichen Haltung und der Schonungslosigkeit seiner Analysen.
Über Außenministerin Annalena Baerbock sagte Precht, unter normalen Umständen hätte sie nicht einmal ein Praktikum in ihrem eigenen Haus erhalten dürfen. „Ich möchte nicht gerne in China leben“, erklärte er. „Ich bin ein absolut glühender Anhänger westlicher Werte. Aber gerade, weil ich das bin, würde ich mit diesen Werten nicht missionieren und rumdrohen“, befand Precht in seinem Podcast mit dem Moderator Markus Lanz. Es könne nur schiefgehen, eine Kulturnation von globaler Bedeutung mit der „moralischen Inbrunst einer Klassensprecherin“ schulmeistern zu wollen. Die Chinesen hätten ein Recht darauf, ihren eigenen Weg zu gehen.
Wen wundert es, dass Baerbocks Blase auf eine solche Majestätsbeleidigung wütend reagiert. Mit jedem solcher Precht-Sätze fällt eine Buchrezension frostiger aus, wird ein Podcastauftritt mehr verrissen, nimmt ein neuer Shitstorm seinen Lauf.
In diesen Tagen war Precht für ein Langzeitinterview bei dem Youtuber Thilo Jung zu Gast. Für ein AfD-Verbot, erfuhr ich darin, ist er ebenfalls nicht zu haben. Precht fragte, ob es denn klug sei, eine Partei verbieten zu wollen, die in einigen Regionen die stärkste politische Kraft sei. Schließlich könne man zugleich weder ihre Wähler noch die Gründe verbieten, wegen derer die AfD derart attraktiv erscheine. Darüber kann man ja einmal nachdenken.
Prechts Medienbild teile ich sogar ausdrücklich. In unseren Produkten versuchen wir ihm durch Multiperspektivität entgegenzuwirken. Spätestens durch Corona, vermutlich bereits zuvor im Zuge der Migration seit dem Jahr 2015 hat sich die etablierte Medienwelt laut Precht rapide verändert. Das Spektrum sei sehr eng geworden, was dazu führe, dass sich „ein zunehmender Teil der Bevölkerung medial nicht mehr abgebildet fühlt, und die wüten dann umso lauter in den sozialen Medien“. Dies sei eine beträchtliche Gefahr für die Dimension der „Öffentlichkeit“, die für eine liberale Demokratie existenziell sei. Was soll man sagen, außer: Das stimmt.
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Precht selbst war zu Beginn der Corona-Zeit übrigens dezidiert im Team „Vorsicht“ zu finden. Es änderte sich während der Diskussion über die Impfpflicht. Für ihn war sonnenklar, dass diese ethisch unvertretbar sei, wenn man die Grundsätze des Humanismus im Sinne der Kantschen Menschenwürde anwende. Einen utilitaristischen Blick, also einen Menschen nicht als Wert an sich zu verstehen, sondern auch als Zweck, lehnte Precht rigoros ab. Prompt hatte er es sich mit einem weiteren Milieu verdorben, nur weil er weiter sagte, was er aus Vernunftsgründen für richtig hielt.
Das sind doch interessante Überlegungen? Bringt es einen nicht weiter, sich damit zu befassen?
Ich stimme zu, und es fällt mir durchaus selbst auf, dass Precht selten eigene Gedanken formuliert, sondern gängige Denkschulen deutet. Manchmal gerät das sehr scholastisch. Ab und an kommt es zu einem Fehltritt. Aber, hey, ich würde darauf wetten und habe es mehr als einmal selbst erlebt, dass jeder einzelne trotzdem etwas von ihm über Philosophie lernen kann.
Meine oberflächliche Einschätzung aus den ersten Jahren seiner Karriere halte ich jedenfalls längst nicht mehr aufrecht. Im Gegenteil: Ich freue mich über Precht als wackeren Anwalt der Aufklärung, der universale Maßstäbe anlegt, keiner Regierung nach dem Mund redet und sich Kritikern nicht beugt. Es ist mir allemal lieber, jemand wie er weist salopp, aber inspirierend darauf hin, was vielleicht ein Kant oder Hegel gesagt hätte, als dass mir in Talkshows jemand beflissen die Politik der Bundesregierung übersetzen möchte, um mich „mitzunehmen“.
Nein danke, da höre ich hin und wieder lieber einem wie Precht zu und bin damit ja auch nicht ganz alleine. Sein Podcast liegt in den aktuellen Charts jedenfalls auf dem ersten Platz. Derart unbeliebt, wie ihn manche darstellen, scheint er also gar nicht zu sein; vom „Tagesspiegel“ habe ich dort derweil nichts gesehen.