Weißer Ring warnt Warum die Gewalt in Partnerschaften auch in Leer zunimmt
Häusliche Gewalt nimmt deutschlandweit zu – so auch in Leer und umzu. Wir haben mit Paul Bloem vom Leeraner Weißen Ring über Gründe und Gefahren gesprochen.
Leer - Ein langer Arbeitstag ist zu Ende. Also ab nach Hause in die eigenen vier Wände, etwas Leckeres kochen und danach die Füße hochlegen. Vielleicht die Lieblingsserie anschauen oder etwas lesen. Entspannen. So verbringen wohl viele Menschen gerne ihren Feierabend. Doch nicht für jeden ist das eigene Zuhause ein sicherer Hafen. Für manche gehen der Terror, die Angst, dann erst los. Und die Zahl der Ostfriesen, denen es so geht, steigt.
So erreichen Sie den Weißen Ring in Leer
Der Weiße Ring e.V. in Leer unterstützt und berät ehrenamtlich Menschen, die Opfer eines Verbrechens geworden sind. Außenstellenleitung Leer: Paul Bloem Mobil: 0151/55164934 Website: leer-niedersachsen.weisser-ring.de E-Mail: leer@mail.weisser-ring.de
Denn die Zahl der Opfer von häuslicher Gewalt ist im vergangenen Jahr in ganz Deutschland erneut gestiegen. Das berichtete kürzlich die Deutsche Presseagentur (DPA). Wie aus einem aktuellen Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik hervorgehe, waren insgesamt 256.276 Menschen im Jahr 2023 offiziell von häuslicher Gewalt betroffen – 6,5 Prozent mehr als 2022. Bereits im Jahr davor hatte es einen Anstieg um mehr als acht Prozent gegenüber 2021 gegeben. In beiden Jahren waren drei Viertel der Tatverdächtigen männlich. Es trifft also vor allem Frauen, und das aus allen gesellschaftlichen Schichten. 70,5 Prozent heißt es in der offiziellen Statistik. Doch die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen.
Weißer Ring in Leer betreut viele Fälle
Diese Entwicklung scheint sich in diesem Jahr fortzusetzen, denn sie bereitet auch Paul Bloem vom Weißen Ring in Leer aktuell Kopfzerbrechen, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung sagt. „Es treibt mich um“, bestätigt er. Lange nicht alle Fälle, die bei der Polizei gemeldet werden, landeten auch bei ihm. „Trotzdem betreuen wir alleine jetzt gerade acht aktive Fälle. Das ist viel“, sagt er. Damit folgen Leer und Umgebung dem traurigen Trend. „Jeden Tag werden in Deutschland im Durchschnitt über 700 Menschen Opfer von häuslicher Gewalt“, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), als sie zusammen mit Familienministerin Lisa Paus (Grüne) und der Vizepräsidentin des Bundeskriminalamts, Martina Link, das sogenannte Bundeslagebild zur häuslichen Gewalt in Deutschland vorstellte.
Nach Paul Bloems Erfahrung aus den Gesprächen mit Betroffenen äußere sich häusliche Gewalt in verschiedensten Facetten. „Schon der Begriff ist schwierig und ich nutze ihn nur ungern. Es impliziert, dass es nur Zuhause im privaten Bereich passiert. Aber das ist nicht so“, sagt er. Gewalt zwischen Paaren zum Beispiel, so Bloem, kann überall passieren – und sei nicht nur dann gegeben, wenn ein Partner seine Frau, „und es sind leider meistens Frauen“, schlage. „Die psychische Gewalt ist für die Betroffenen mindestens genauso schlimm“, betont er. Sie könne verschiedenste Formen annehmen. „Darunter fällt auch, wenn die Frau das gemeinsame Auto nicht eigenständig nutzen darf oder wirtschaftlich abhängig gemacht und damit unter Druck gesetzt und gedemütigt wird. Oder die Kinder werden als Druckmittel genutzt“, zählt der Opferberater einige Beispiele auf. Das Zuhause, in dem man sich eigentlich sicher fühlen sollte, wird zur Angst-Falle.
Verantwortung werde oft auf Betroffene abgewälzt
Aus dieser Falle auszubrechen, sei immens schwierig, weiß Bloem. Meist brächte erst körperliche Gewalt das Fass zum Überlaufen und die Opfer dazu, die Fälle anzuzeigen. „Für so ein Verhalten der Täter gibt es meiner Meinung nach keine Rechtfertigung. Bei Betroffenen stellt sich leider trotzdem häufig die Frage, ob sie selbst etwas falsch gemacht haben. Und auch in der Gesellschaft wird die Verantwortung gern auf die Opfer abgewälzt“, so Bloem.
„Warum hast du das mit dir machen lassen?“, „Warum hast du nicht einfach Schluss gemacht?“, „Warum hast du nicht eher etwas gesagt?“ Das seien häufig Fragen, mit denen die Betroffenen konfrontiert werden. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was häusliche Gewalt für sie bedeutet, wenn man nicht selbst damit zu tun hat. Die Opfer werden darauf nicht vorbereitet. Niemand lernt, wie damit umzugehen ist. Man geht eine Beziehung ein und denkt, man ist in einer sicheren Umgebung. Darauf, dass es nicht so sein könnte, wird man nicht vorbereitet“, sagt Bloem.
Erklärversuche für die Zunahme von häuslicher Gewalt
Laut BKA-Vizepräsidentin Martina Link dürften die gesellschaftlichen Krisen eine Rolle bei der immer weiter steigenden Opferzahl spielen. Aber auch die Anzeigebereitschaft sei zuletzt gestiegen, wie auch Paul Bloem vermutet. Immer mehr Nachbarn oder Menschen aus dem näheren Umfeld trauten sich, Täter anzuzeigen. Dieses Phänomen beobachtet ebenfalls Petra Söchting, die das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ leitet. Bei ihr seien laut DPA im vergangenen Jahr mit 59.000 so viele Beratungsfälle angefallen wie noch nie, erklärte sie. Ein Anstieg um zwölf Prozent im Vergleich zu 2022.
So erreichen Sie das Hilfetelefon
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist erreichbar unter der Nummer 116 016. Der Anruf beim Hilfetelefon ist kostenlos. Alternativ wird online eine geschützte E-Mail- und Chat-Beratung angeboten. Weitere Infos dazu gibt es auf der Webseite des Hilfetelefons.
Der Opferschutz müsse früh ansetzen, betont Ministerin Faeser. Deshalb plane Deutschland ein Modell wie in Österreich: Dort müssten verurteilte Täter, denen verboten wurde, sich einer Frau zu nähern, verpflichtend an einem Anti-Gewalt-Training teilnehmen. Eine solche Verpflichtung müsse es auch in Deutschland geben. Das Gewaltschutz-Gesetz soll laut Faeser entsprechend geändert werden. In diesem Zusammenhang sei auch eine verpflichtende elektronische Fußfessel für solche Gewalttäter im Gespräch, erklärt sie. So könne die Polizei im Ernstfall schneller eingreifen. Eine weitere Maßnahme seien Schalter der Bundespolizei, die künftig an Bahnhöfen in Deutschland rund um die Uhr für betroffene Frauen erreichbar sein sollen. Noch in diesem Jahr würden entsprechende Pilotprojekte starten, kündigt Faeser an.
Mit Material der DPA.