Osnabrück Wie der Schwebende Engel den Terror der Nazis überlebte
Heute ist er populär. Dabei hätte Ernst Barlachs Schwebender Engel den Terror der Nationalsozialisten um ein Haar nicht überstanden. Die Geschichte einer abenteuerlichen Rettung.
Hundert Jahre werde sein Engel von nun an schweben. Da ist sich Ernst Barlach (1870-1938) ganz sicher. In einem Brief vom Januar 1928 schreibt der Bildhauer, dass den Engel mit den geschlossenen Augen nichts von seinem Erinnern abhalten werde. Ob Barlach sich Mut machen wollte? Schon damals gibt es nicht nur Kritik an seinem Entwurf Konservative meutern, Rechtsradikale hetzen ganz offen gegen den Engel.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten setzen sie sich am Ende durch. „Wir bestätigen hiermit, vom Landesbischof der ev.- luth. Kirche Mecklenburg eine Bronzefigur im Gewicht von 250 kg, zum Zweck der Einschmelzung, für die Wehrwirtschaft erhalten zu haben. Heil Hitler!“. So lapidar meldet ein Schrotthandel am 21. April 1941 Vollzug. Danach verliert sich die Spur. Barlachs Engel wird eingeschmolzen, als Metallspende für den Krieg.
Warum schwebt er heute wieder im Güstrower Dom – und nicht nur dort? Derzeit verbreitet der Schwebende Engel auch in der Osnabrücker Kirche St. Katharinen seine Aura stiller Sammlung. Unglaublich, aber wahr: Er hat die Zeit der Nationalsozialisten und ihrer Bilderstürmerei überstanden – dank einer Sicherungskopie.
Freunde Barlachs nehmen damals vom Werkmodell der Figur einen weiteren Abguss, den sie verstecken. So erzählt Magdalena Schulz-Ohm, Geschäftsführerin der Ernst-Barlach-Stiftung in Güstrow, die abenteuerliche Geschichte. Ohne seinen verborgenen Doppelgänger gäbe es Barlachs Engel heute nicht mehr.
Schulz-Ohm blättert den Familienstammbaum dieses Kunstwerks auf. Von der Sicherungskopie ausgehend werden noch zwei weitere Bronzen und eine mit Bronze überzogene Gips-Version hergestellt. Die drei Bronze-Engel verteilen sich heute auf den Güstrower Dom, die Kölner Antoniter-Kirche und das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum Schloss Gottorf bei Schleswig.
Die Gips-Figur hat die Hamburger Ernst-Barlach-Gesellschaft nach Osnabrück ausgeliehen. Dort zeigt das Museumsquartier noch bis zum 20. Oktober die Ausstellung „Barlach | Kollwitz. Nie wieder Krieg“.
Die geschlossenen Augen, die über der Brust verschränkten Arme: Kaum vorstellbar, dass diese Figur 1927 für Aufregung, ja handfesten Streit sorgt. „Alle Rechtsparteien ziehen gegen mich vom Leder. […] Meine Entwürfe für ein Ehrenmal in Malchin sind dadurch zu Fall gebracht, dass man mich als Juden denunziert. Die Hetze greift polypenarmig weit im Land herum“, klagt Barlach am 22. Januar 1929 in einem Brief an seinen Bruder Hans.
Der Bildhauer entwirft um 1930 mehrere sogenannte Ehrenmale, mit denen an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnert werden soll. Kiel, Hamburg. Magdeburg und dann Güstrow – Barlach gibt dem Erinnern Gestalt. In Güstrow soll zuerst ein Findling als Denkmal gesetzt werden, berichtet Magdalena Schulz-Ohm. Der Pastor der Domgemeinde unterstützt Barlachs Entwurf eines schwebenden Engels. „Diese Figur verweigert den Gedanken des Trostes“, so Schulz-Ohm.
Das ist aber nicht alles. Barlach formt das Gesicht des Engels als Porträt der Künstlerkollegin Käthe Kollwitz. Und das ist ein Statement. „Käthe Kollwitz hat den Tod ihres Sohnes Peter im Ersten Weltkrieg öffentlich angeklagt“, macht Schulz-Ohm klar, warum Barlach mit seiner Figur auch politisch Position bezog.
Die Skulptur ist heute unumstritten, eine Legende. „Mit dem Schwebenden Engel ist Barlach wirklich etwas Großes gelungen“, sagt Söke Dinkla, Direktorin des Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museums für Skulptur des 20. Jahrhunderts. Aber in der Zeit des Nationalsozialismus wird gegen Barlach als „Kunstbolschewisten“ gehetzt. Nach Adolf Hitlers Rede gegen die Kunst der Moderne am 18. Juli 1937 brechen alle Dämme. Werke Barlachs werden aus den Museen entfernt, seine Ehrenmale abgebaut.
Das gilt auch für seinen Schwebenden Engel. Seine Stille ist seine Kraft, seine Ruhe seine Stärke. Das spürt jeder, der ihn sieht. Aber überleben konnte der Engel nur, weil er einen Zwilling hatte – für die Zeit nach der Hetze und nach der Gewalt.