Hamburg Spießerhölle? Diese Frau zeigt, wie cool ein Schrebergarten sein kann
Piefig, kleinbürgerlich, pedantisch: Wer einen Schrebergarten besitzt, ist als deutscher Spießer verschrien. Eine, die mit den Klischees vom Kleingarten aufräumt, ist Cini Bläsing. Zehntausende versorgt sie auf Instagram mit Gärtnertipps.
Akkurat geschnittenen Rasen gibt es im Schrebergarten von Cini keinen. Stattdessen knirscht der Kies unter den Schuhen und rundherum blühen Rosen, Flammenblumen und Platterbsen. Das 279 Quadratmeter große Grundstück in einer Kleingartenkolonie im Hamburger Norden gleicht einem Dschungel. Mal entdeckt man einen Teich, Johannisbeersträucher und Gemüsebeete und schließlich das Gartenhaus samt großer Holzterrasse.
„Ich habe mir hier mein kleines Paradies geschaffen“, sagt Cini, die durch den Garten führt und am liebsten nur beim Vornamen genannt wird. Der Weg zu dieser grünen Oase war allerdings hart und steinig und hat die Hamburgerin viel Schweiß und auch Tränen gekostet.
Denn als Cini die Parzelle im Juni 2018 von Bekannten übernimmt, gibt es dort nur Rasen und eine morsche Gartenlaube – von Ameisen zerfressen. „Schnell stand fest, dass das Häuschen nur noch abgerissen werden kann. Ich habe erstmal eine zeitlang überlegt, was ich jetzt mache, ob ich den Garten vielleicht sogar wieder abgebe. Aber dann habe ich beschlossen, wirklich alles neu zu machen.“
Und so beginnt im Mai 2019 die große Gartenreise. Erstmal muss das Fundament des Häuschens raus. „10,5 Tonnen Betonschutt habe ich mit dem Vorschlaghammer aus dem Boden gekloppt und alles mit meinem 19 Jahre alten Polo zum Recyclinghof gefahren.“ 17 Touren seien das gewesen.
Die Corona-Pandemie, so sagt es Cini, war für sie ein Segen. Die gelernte Bauzeichnerin, die mittlerweile als Projektmanagerin in einer Werbeagentur angestellt ist, muss in Kurzarbeit und hat somit viel Zeit für ihr Gartenprojekt. Bei Sturm und Regen zimmert sie bis spät in die Nacht mit einer Stirnlampe auf dem Kopf die neue Laube zusammen und bricht zwischenzeitlich in Tränen aus. „Ich habe mich wirklich gefragt, was ich hier eigentlich mache.“
Das Motto der 37-Jährigen seitdem: „Am Anfang muss es scheiße werden, damit es schön werden kann.“ Auf Instagram hält sie die Fortschritte in Form von Fotos und Videos fest und immer mehr Menschen beginnen ihrem Profil „allotmentlover“ zu folgen. „Ich glaube, ich habe da den Nerv der Zeit getroffen. Das Bewusstsein fürs Klima wurde in der Gesellschaft immer größer und als alleinstehende Frau habe ich alles selbst gemacht. Das kam gut an.“
Mittlerweile hat Cini über 21.000 Follower, die sie regelmäßig mit Tipps zur richtigen Dahlien-Pflege oder zum Gemüseanbau versorgt. Doch nicht nur als Influencerin hat sie sich einen Namen gemacht. Auch das Fernsehen wurde auf sie aufmerksam. Zu sehen ist Cini nämlich auch in der VOX-Sendung „Guidos Deko Queen“ mit Guido Maria Kretschmer und im SAT-1-Frühstücksfernsehen.
„Durch meinen Garten bin ich total gewachsen und viel selbstbewusster geworden“, sagt Cini. Zudem habe sie das Projekt Schrebergarten Geduld und Gelassenheit gelehrt. „Mich bringt nichts mehr so schnell aus der Ruhe und ich weiß, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme.“ Am liebsten würde sie sich in nächster Zeit vergrößern und ihren Traum von einem eigenen Hof erfüllen.
Wer denkt, Cini würde ihren Kleingarten nur für Klicks pflegen, liegt falsch: Auch im Kleingarten-Verein bringt sie sich ein und ist als Revisorin tätig. „Ich fühle mich wirklich sehr privilegiert hier mit meiner kleinen Oase – ich möchte auch etwas davon zurückgeben.“
Für ihre Parzelle zahlt Cini im Jahr rund 400 Euro und muss sich selbstverständlich auch an die Drittelregelung des Bundeskleingartengesetzes halten. Und die besagt: Ein Drittel der Fläche muss für den Anbau von Obst und Gemüse zur Verfügung stehen, ein Drittel für Laube und Wege und ein Drittel für die Erholung. In insgesamt elf Hochbeeten pflanzt Cini, die sich vegan ernährt, Tomaten, Porree, Gurken, Salat und Brokkoli an.
Ansonsten gehe es in der kleinen Kolonie im Stadtteil Wandsbek aber sehr entspannt zu. „Der Vorstand hier ist Mitte 50, schwul und sagt, wir sind hier sein kleines Bullerbü.“ In ihrer Gartengestaltung fühlt sie sich daher ziemlich frei. Und ein ganz bisschen Klischee musste dann auch in Cinis Garten einziehen. Etwas versteckt in einem Rhododendron steht ein Gartenzweg. „Den fand ich einfach witzig“, sagt Cini.