Norderney Wolf verunsichert Norderney-Urlauber: Bürgermeister erhält Stornierungswünsche
Ist Norderney nach der Ankunft des Wolfes noch sicher für Einheimische und Urlaubsgäste? Bürgermeister Frank Ulrichs bekommt erste Bedenken zu spüren. Wie er über einen Abschuss denkt.
Mit diesem Gast hatte auf Norderney niemand gerechnet: Die Ankunft des Wolfes sorgt für Aufregung auf der ostfriesischen Insel. Erste Urlauber überlegen, ihre Buchung sicherheitshalber wieder zu stornieren. Im Interview mit unserer Redaktion beruhigt Bürgermeister Frank Ulrichs und kontert kritische Stimmen, die der Politik Versäumnisse beim Schutz gegen das Raubtier vorwerfen.
Frage: Herr Ulrichs, kann man nach der Ankunft des Wolfes noch ohne Sorge nach Norderney reisen – oder bricht nun die große Stornierungswelle aus?
Antwort: Frank Ulrichs: Der Wolf ist für uns ein Überraschungsgast. Wir mussten uns auch erstmal damit auseinandersetzen, was das eigentlich für die Insel bedeutet. Es haben mich Montag zwei Anfragen von Gästen erreicht, die sich große Sorgen machen und gegebenenfalls ihren Urlaub nicht mehr antreten wollen. Das sind aber seltene Einzelfälle, die meisten Touristen werden nach wie vor kommen. Auf gar keinen Fall muss man jetzt in Angst verfallen.
Frage: Sollte man dennoch lieber Vorsicht walten lassen?
Antwort: Von dem Wolf geht augenscheinlich keine Gefahr aus und er hat sich auch nicht auffällig gezeigt oder sich irgendwo schon mal blicken lassen. Der scheint sich mehr im Untergrund und im Dickicht aufzuhalten. Es handelt sich um ein Einzeltier und nicht gleich um ein ganzes Rudel. Wir wissen nicht mal, ob er noch da ist oder schon wieder auf das Festland entschwunden. Die zuständigen Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung werden Augen und Ohren offenhalten, die Kameras auswerten und schauen, ob und wo der Wolf auftaucht.
Frage: Ist auch das Gegenteil denkbar und der Wolf als eine Art Attraktion könnte zusätzliche Touristen anziehen?
Antwort: In anderen Orten, die touristisch geprägt sind, hat der Wolf schon als Besuchermagnet gewirkt. Ich glaube aber nicht, dass dies auf Norderney passiert. Zumal man ihn eh nicht sieht, weil er zu scheu ist.
Frage: Gelten nach der Ankunft des Wolfes besondere Schutzmaßnahmen in dem Gebiet, wo er gesichtet wurde?
Antwort: Unsere maritime Wildnis im Osten der Insel ist sehr weitläufig und groß. Von daher ist es gar nicht unbedingt möglich, dort Vorkehrungen zu treffen. Wo die Wildtierkameras aufgestellt sind und der Wolf fotografiert wurde, befinden sich gar keine Menschen. Das Gebiet ist gekennzeichnet durch Dickicht und unwegsames Gelände. Von daher wäre es gut, wenn der Wolf sich weiter dort aufhielte, sollte er auf der Insel bleiben.
Frage: Wie sieht es mit der Weidetierhaltung aus?
Antwort: Betroffene Weidetierhalter sind auf mich zugekommen und haben gefragt, ob sie sich Sorgen machen müssen. Nach Rücksprache mit der Nationalparkverwaltung haben wir angeboten, kurzfristig einen Vertreter des Wolfsbüros auf die Insel zu holen. Dieser könnte Maßnahmen abklären, etwa wenn Bedarf besteht, Zäune zu bauen. Das ist zurzeit aber nicht absehbar. Wir nehmen es nicht auf die ganz leichte Schulter, werden aber auch nicht panisch und versuchen nicht notgedrungen, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen.
Frage: Kritische Stimmen sagen, man hätte sich besser auf die mögliche Ankunft eines Wolfes auf der Insel einstellen beziehungsweise vorbereiten sollen. Hat es aus Ihrer Sicht Versäumnisse gegeben?
Antwort: Für Kritik gibt es überhaupt keinen Anlass. Wir sind eine Insel inmitten der Nordsee. Zweimal am Tag läuft das Wasser weg. Es gibt blanken Wattboden mit kleinen Prielen und Wasserstellen, die erstmal überquert werden müssen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten allerdings festgestellt, dass es Tiere gibt, denen das nichts ausmacht und die ihren Weg auf die Insel finden. Dazu zählten in der Vergangenheit vermehrt Damwild, Füchse, das Nutria und vermeintlich auch Marderhunde. Wir haben es geahnt, dass sich auch einmal ein Wolf aus dem ostfriesischen Raum verirren könnte. Das lässt sich nicht gänzlich verhindern.
Frage: Ist ein Abschuss bei Ihnen aktuell ein Thema?
Antwort: Der Wolf ist in Deutschland ein streng geschütztes Tier. Selbst wenn wir der Auffassung wären, dringend etwas gegen den Wolf unternehmen zu müssen, dürften wir es gar nicht. Jegliches Handeln wäre auch verfrüht. Nach dem ersten Überraschungsmoment habe ich den Eindruck, dass sich die Gemüter etwas beruhigt haben und man die Situation allseits gelassener sieht.