Kolumne „Digital total“ Weniger Bürokratie wagen
Viele finden, die Digitalisierung läuft in Deutschland zu langsam. Unter Sicherheitsaspekten laufe sie allerdings viel zu schnell, findet unser Kolumnist. Er hat einen anderen Vorschlag.
Vor ein paar Tagen habe ich eine Geschichte über eine Sicherheitsforscherin geschrieben, die Schwachstellen in einer Software für digitale Behördengänge aufgedeckt hat. Die Software verbindet sich mit dem Anmeldesystem BundID des Innenministeriums, um Bürger für diese digitalen Behördengänge zu identifizieren.
Die Software wird in knapp 300 deutschen Kommunen eingesetzt und ist leider so schlecht geschrieben, dass es für die Sicherheitsforscherin ein Leichtes war, eine gefälschte Webseite zu erstellen, die Bürgern vorlügt, einen Heizkostenzuschuss in Höhe von mehreren Tausend Euro beantragen zu können. Loggt ein Bürger sich da wie gewohnt über BundID ein, konnte die Sicherheitsforscherin – oder potenziell ein Hacker, der wirklich Übles im Schilde führt – die über BundID gespeicherten persönlichen Daten des Bürgers auslesen. Das ist passiert, weil die Dienstleisterfirma, welche diese Software programmiert, offenbar keine Ahnung von IT-Sicherheit hat. Die Forscherin entdeckte nämlich gleich mehrere Schwachstellen. Eine davon beruht auf einem Problem, das seit mehr als acht Jahren öffentlich ist.
Viele Menschen sind der Meinung, dass die Digitalisierung in Deutschland zu langsam läuft. In Wirklichkeit läuft sie zu schnell. Denn wie hier wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt wurde, agieren wir über unseren Möglichkeiten. Wer keine sichere Software schreiben kann, sollte nicht auf die Idee kommen, herkömmliche Verfahren auf Software abzuwälzen. Egal, wie komfortabel das erscheinen mag.
Was viel mehr Sinn machen würde, wäre, große Teile der unsäglichen Bürokratie abzuschaffen, die wir hierzulande aufgebaut haben. Vergleichbare Länder auf der Welt kommen mit viel weniger Bürokratie-Overhead klar. Unnütze Bürokratie, die wir abschaffen, muss nämlich auch nicht umständlich digitalisiert werden. Leider wird das aber nie passieren, denn dann würden sehr viele Sesselfurzer plötzlich arbeitslos, die für andere Jobs völlig ungeeignet sind.
Kontakt: kolumne@zgo.de