Norderney Wolf auf Norderney: Es gibt gefährlichere Tiere auf der Insel
Auf Norderney wurde ein Wolf gesichtet. Müssen Touristen jetzt in Sorge leben? Oder gibt es auf der Insel womöglich noch gefährlichere Wildtiere? Und das sogar schon lange? Ein Blick auf die Zahlen und Fakten.
Pünktlich mit den ersten Urlaubsgästen erreicht das Sommerlochtier die ostfriesischen Inseln: Der Wolf ist auf Norderney. Irrtum ausgeschlossen. Zweimal schon ist er in eine Fotofalle getappt. Vermutlich kam er als Wattwanderer auf die Insel.
„Jahrelang wurde das Risiko von der Tourismusbranche ignoriert oder kleingeredet“, sagt der Friesische Verband für Naturschutz der „Bild“ zum Thema. „Jetzt ist er da und er hat Hunger.“ Klingt fast so, als würden die Wildtiere bald halbe, halbe machen: Die Möwen reißen den Touristen weiter die Fischbrötchen aus der Hand – und der Wolf reißt die Touristen.
Das Risiko ist allerdings verschwindend gering. Dazu, im Sinne des Urlaubsfriedens, ein paar Zahlen. Von 2002 bis 2020 wurden in Europa und Nordamerika insgesamt 14 Wolfsattacken auf Menschen gezählt. Zwei davon, beide in Amerika, verliefen tödlich. In fast zwei Jahrzehnten. Allein in Deutschland wurden im selben Zeitraum 57 Menschen von Hunden zu Tode gebissen. Noch ein Beispiel: Viel gefährlicher als der Wolf auf der Insel ist auch die Fahrt zur Insel. Auf Deutschlands Straßen starben im letzten Jahr 2.830 Menschen.
In einem Wort: Das Risiko, von einem Wolf gebissen zu werden, ist für Menschen viel niedriger als das vieler Alltagsgefahren – die wir alle ausblenden. Anders sieht es natürlich für Nutztiere aus. Eine Kotprobenanalyse hat zwar ergeben, dass die auf dem Speiseplan der Wölfe nur ein gutes Prozent ausmachen. Für den Schäfer, dessen Herde es trifft, ist das trotzdem kein Trost. In diesem Fall lautet die gute Nachricht aber: Ausgerechnet auf Norderney gibt es gar keine Schafe.
Das kulturelle Bild vom Wolf verzerrt den Blick. Gerade auf den Inseln gibt es viel gefährlichere Tiere, denen man es nicht mal ansieht. Ein so possierlicher Kerl wie der Igel richtet größere Schäden an. Das vom Menschen eingeschleppte Tier frisst die Eier der Bodenbrüter und gefährdet die Artenvielfalt. Und all die Kaninchen, die Inselurlauber in Entzücken versetzen, untergraben – gerade auf Norderney – in bedrohlichem Ausmaß die Deiche.
Wie schön wäre es, wenn der Wolf ein paar davon verspeisen würde! Leider sind auch die keine Leibspeise von ihm. Um alle Kaninchen der Insel zu fressen, bleibt er wohl auch nicht lang genug: Für eine dauerhafte Ansiedelung, so vermutet die Nationalpark-Verwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, ist Norderney dem Wolf nämlich schlicht zu klein.