Osnabrück Der Einfluss der katholischen Kirche – eine Bremse für Populismus?
Der Erfolg der AfD bei der Europawahl hat viele erschreckt. Ein Leser meint: Die Katholiken im Land sind weniger empfänglich für die Parolen der Partei als die Protestanten. Stimmt das wirklich? Und was zeigen die Zahlen noch?
Nach der Europawahl hat mich eine interessante Zuschrift erreicht. Ein Leser wies mich darin auf die aus seiner Sicht „bremsende Wirkung des progressiv-katholischen Milieus“ hin. Seine These lautet sinngemäß, dass sich die Wahlergebnisse der „katholischen Nester“ deutlich von den „protestantischen Ecken“ unterscheiden würden – zuungunsten der AfD.
Die These scheint zunächst durchaus logisch, hatte die katholische Kirche zuletzt doch deutlich Stellung zu der Partei bezogen. In einer Pressemitteilung aus dem Februar 2024 verkündete die deutsche Bischofskonferenz: „Wir sagen mit aller Klarheit: Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar. Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer politischen Betätigung sein und sind auch nicht wählbar.“
Die Bischöfe begründen dies mit der unantastbaren und unverfügbaren Würde jedes Menschen. „Die Menschenwürde ist der Glutkern des christlichen Menschenbildes und der Anker unserer Verfassungsordnung“, heißt es in dem Schreiben. Aber auch Vertreter der Evangelischen Kirche äußerten sich kritisch, zuletzt etwa Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch. Er sagte im April, er wolle keine AfD-Wähler beschäftigen. Wirkt sich das auf die Wahlergebnisse aus?
Beim Blick auf die Deutschlandkarte lässt sich kein eindeutiges Muster erkennen. Sicher: In den neuen deutschen Bundesländern leben wenige Katholiken und die AfD bekam bei der Europawahl viel Zustimmung. Letzteres gilt allerdings auch für den Osten Bayerns, der katholisch geprägt ist. Im Westen Niedersachsens und Nordrheinwestfalens dagegen, wo viele Menschen der katholischen Kirche angehören, bekam die AfD weniger als zehn Prozent der Wählerstimmen.
Sind die Katholiken im Norden und Westen vielleicht progressiver als die im Süden? Darauf lässt sich keine eindeutige Antwort finden. Klar ist aber: Das Verhältnis der AfD zur katholischen Kirche ist ambivalent. Im Grundsatzprogramm der Partei wird zwar die „abendländische christliche Kultur“ betont. Zudem gibt es inhaltliche Übereinstimmungen zwischen ihren Forderungen und denen der katholischen Kirche – etwa beim Thema Schwangerschaftsabbruch oder gegenüber der queeren Community.
Allerdings bezeichnete Stephan Protschka, der AfD-Landeschef in Bayern, die katholischen Bischöfe als „politische Marionetten der Altparteien“. Der ehemalige AfD-Europa-Spitzenkandidat Maximilian Krah, der inzwischen in seiner eigenen Partei in Ungnade gefallen ist, nannte Papst Franziskus eine „absolute Katastrophe“ und meinte, dieser habe für ihn „in politischen und moralischen Fragen keinerlei Autorität“. Franziskus ist ihm – selbst streng katholisch – zu liberal.
Bei den Bundestagswahlen von 2013, 2017 und 2021 gab es nach Analysen der Forschungsgruppe Wahlen keine signifikanten Unterschiede beim Anteil der AfD-Wähler zwischen Katholiken und Protestanten. Allerdings war die Zustimmung zur AfD unter denjenigen, die keiner der beiden Konfessionen angehören, deutlich höher. Bei der Europawahl wählten 12 Prozent der Katholiken und 14 Prozent der Protestanten die AfD. Insgesamt bekam die Partei mit 15,9 Prozent aber deutlich mehr Stimmen, wie die Forschungsgruppe Wahlen auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mitteilte.
Somit hat der Verfasser meiner Zuschrift Recht und Unrecht zugleich. Die Konfessionszugehörigkeit hat einen bremsenden Einfluss auf die politische Anziehungskraft der AfD. Allerdings gilt das annähernd gleichermaßen für beide christlichen Kirchen – die katholische wie die evangelische. Wo sie stark sind, ist die AfD schwach. Dort, wo die Kirchen weniger Einfluss haben, hat der Rechtsextremismus leichteres Spiel.