Paris  12-jährige Jüdin von Jugendlichen vergewaltigt: Was hat Judenhass mit dem Übergriff zu tun?

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 20.06.2024 17:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wegen wachsender Judenfeindlichkeit stehen immer mehr jüdische Institutionen unter Polizeischutz. Doch im Einzelfall kann auch das keine Gewalttat verhindern, wie der brutale Fall einer Gruppenvergewaltigung zeigt. Foto: dpa/AFP/Clotilde Gourlet
Wegen wachsender Judenfeindlichkeit stehen immer mehr jüdische Institutionen unter Polizeischutz. Doch im Einzelfall kann auch das keine Gewalttat verhindern, wie der brutale Fall einer Gruppenvergewaltigung zeigt. Foto: dpa/AFP/Clotilde Gourlet
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Frankreich steht mitten im Wahlkampf. Nach dem eine 12-jährige Jüdin von zwei Jugendlichen vergewaltigt wurde, diskutiert das Land über den Umgang mit Antisemitismus: Wurde das Mädchen wegen seiner Religion angegriffen?

Wie konnte es zur Vergewaltigung eines zwölfjährigen jüdischen Mädchens im Pariser Vorort Courbevoie durch zwei 13-Jährige aus mutmaßlichen antisemitischen Gründen kommen? In Frankreich ist das Entsetzen über die Tat groß. Im laufenden Wahlkampf erhalten die Vorfälle auch eine besonders starke politische Dimension. Die Vertreter der Parteien äußerten nicht nur einhellig ihre Bestürzung – teilweise gaben sie auch ihren politischen Gegnern eine gewisse Mitverantwortung.

So warf die Frontfrau des rechtsextremen Rassemblement National (RN), Marine Le Pen, der Linkspartei LFI (La France Insoumise, „Das unbeugsame Frankreich“) die „Stigmatisierung von Juden“ und die „Instrumentalisierung des israelisch-palästinensischen Konfliktes“ vor. Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, der als einer der ersten Politiker reagierte, beklagte demgegenüber „antisemitischen Rassismus“ und „kriminelle maskuline Verhaltensweisen ab dem jüngsten Alter“.

Inzwischen werden immer mehr Details darüber bekannt, was sich am Samstag in Courbevoie zugetragen hat. Den Erkenntnissen der Ermittler zufolge hatte sich das Mädchen am Nachmittag mit ihrem Freund in einem Park in der Nähe der elterlichen Wohnung in einem Hochhaus des Pariser Geschäftsviertels La Défense getroffen.

Auf dem Heimweg zerrten sie drei Jugendliche im Alter von zwölf und 13 Jahren in ein leerstehendes Gebäude. Die beiden 13-Jährigen warfen sie ihrer Aussage nach zu Boden, beschimpften sie als „dreckige Jüdin“, bedrohten sie mit dem Tod, unter anderem mit einem Feuerzeug, entkleideten sie gewaltsam und vergewaltigten sie. Einer der Täter verbot ihr, zur Polizei zu gehen und trug ihr auf, am nächsten Tag um 16 Uhr wieder am selben Ort zu erscheinen – mit 200 Euro. Der Zwölfjährige filmte demnach die Tat.

Am Abend kehrte das Mädchen zu ihren Eltern zurück, die mit ihr umgehend Anzeige auf einer Polizeiwache erstatteten. Eine gynäkologische Untersuchung bestätigte die Vergewaltigung. Dank der Mithilfe ihres Freundes wurden die drei mutmaßlichen Täter identifiziert und festgenommen. Ermittlungen wegen Gruppenvergewaltigung, Körperverletzung und Todesdrohungen wurden eingeleitet. Sollte sich das antisemitische Motiv bestätigen, läge eine besondere Schwere der Schuld vor.

Über die Identität der drei Jungen wurde bislang wenig bekannt. Medienberichten zufolge äußerten sie bei der Befragung zwar Mitgefühl für das Opfer, legten aber keine klaren Geständnisse ab. Einer der Jugendlichen soll ausgesagt haben, dass er wütend auf die Schülerin war, die seine Ex-Freundin gewesen sei, ihm aber verheimlicht habe, dass sie Jüdin sei. Ein anderer erklärte, sie habe schlecht über Palästina gesprochen.

Seit dem Anschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sind die antisemitischen Straftaten in Frankreich laut Regierung um 300 Prozent angestiegen. Allein zwischen Januar und März wurden 366 Fälle gemeldet. Synagogen, jüdische Schulen und andere Versammlungsorte stehen unter verstärktem Polizeischutz. Die Vergewaltigung der Zwölfjährigen bestätige das „Gefühl eines Klimas des Schaden bringenden Antisemitismus, der seit dem 7. Oktober auf unserem Land und vielen französischen Juden lastet“, sagte Jonathan Arfi, Präsident des Dachverbands der jüdischen Organisationen in Frankreich CRIF.

„Leider werden die Opfer von Angriffen immer jünger, sind manchmal erst im Grundschulalter und sogar bisher geschützte Orte wie die Schule sind nicht mehr vor Antisemitismus gefeit.“ Daraus ergebe sich eine kollektive Verantwortung der Gesellschaft, um vom Elternhaus oder den sozialen Medien beeinflussten junge Menschen zu mehr Weitblick zu verhelfen.

Während Präsident Emmanuel Macron anordnete, dass es in den Schulen verstärkt Gespräche über Rassismus und Antisemitismus geben soll, erklärte der RN-Chef Jorand Bardella, im Fall einer absoluten Mehrheit seiner Partei bei den anstehenden Parlamentswahlen am 30. Juni und 7. Juli werde er zuallererst für die „Wiederherstellung der Autorität und der Ordnung auf jedem Quadratmeter des Staatsgebietes“ sorgen.

Der konservative Bürgermeister von Courbevoie, Jacques Kossowski, forderte seine Kollegen hingegen zur Zurückhaltung auf: „Versuchen wir, uns nicht an diesem Drama zu bedienen, um Politik zu machen.“ Er könne nicht begreifen, was in den Köpfen der Täter vor sich gehe, sagte er. Für ihn seien das „Monster“.

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