Bielefeld  Gehirn-Doping: Auf diese Aufputschmittel setzen die Deutschen

Arlena Schuenemann
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Von Arlena Schuenemann
| 19.06.2024 12:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Stress, Termine oder eine nahende Deadline: Vor allem auf der Arbeit spüren viele Menschen einen Leistungsdruck – und nehmen daher Aufputschmittel ein, um die eigene Gehirnleistung zu steigern. Foto: IMAGO/Westend61
Stress, Termine oder eine nahende Deadline: Vor allem auf der Arbeit spüren viele Menschen einen Leistungsdruck – und nehmen daher Aufputschmittel ein, um die eigene Gehirnleistung zu steigern. Foto: IMAGO/Westend61
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Gesteigerte Konzentration, ein besseres Gedächtnis, fokussiertes Arbeiten: Sieben von zehn Menschen in Deutschland nehmen Mittel ein, um die Leistung ihres Gehirns zu verbessern. Welche Substanzen werden am häufigsten konsumiert?

Ob man nun morgens schneller in Gang kommen, tagsüber besser lernen oder abends länger konzentriert bleiben möchte – die Mehrheit der Deutschen greift regelmäßig zu leistungssteigernden Mitteln.

Der Fachbegriff für dieses Phänomen lautet „Neuro-Enhancement“, auf Deutsch etwa neurologische Verbesserung. Umgangssprachlich spricht man auch von Gehirn-Doping. Und das liegt voll im Trend, wie eine aktuelle Umfrage zeigt.

Sieben von zehn Befragten (69,9 Prozent) haben demnach in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Substanz eingenommen, um damit die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns zu verbessern. Einige von ihnen haben auch zu mehreren Mitteln gegriffen. Das geht aus der repräsentativen Studie von Soziologe Sebastian Sattler von der Universität Bielefeld und seinem Team hervor. Insgesamt haben die Forscher die Daten von mehr als 22.000 Teilnehmern ausgewertet.

Das mit Abstand beliebteste Aufputschmittel der Deutschen ist demnach Koffein. 62,4 Prozent – und somit mehr als jeder Zweite – gaben an, im vergangenen Jahr koffeinhaltige Getränke mit dem Ziel konsumiert zu haben, die Gehirnleistung zu verbessern. Dazu zählen neben Kaffee auch Energydrinks, schwarzer oder grüner Tee oder Mate-Getränke. 2,5 Prozent schluckten zudem Koffein-Tabletten.

Auf dem zweiten Platz landen laut der Studie spezielle Nahrungsergänzungsmittel. Rund ein Drittel der Befragten (31,4 Prozent) nutzen diese zum Gehirn-Doping. Dazu zählen unter anderem Vitamine, Omega-3-Präparate, Ginkgo-Extrakte, Guarana, Baldrian und Johanniskraut. Rund drei von zehn Personen gaben an, ein solches Mittel sogar täglich einzunehmen.

3,7 Prozent der Befragten setzen auf verschreibungspflichtige Medikamente, um die kognitive Leistung zu steigern – und zwar ohne, dass es eine medizinische Notwendigkeit dafür gibt. Rechnet man das Ergebnis der repräsentativen Umfrage auf die gesamte Bevölkerung hoch, entspricht das immerhin 2,5 Millionen Menschen. Zu den verwendeten Medikamenten gehören etwa Mittel zur Behandlung von ADHS (mit dem Arzneistoff Methylphenidat, auch bekannt als Ritalin) oder extremer Schläfrigkeit (Wirkstoff Modafinil).

„Von diesen Personen gab knapp jede Dritte an, solche Mittel innerhalb eines Jahres sogar 40 Mal und häufiger genutzt zu haben“, wird Sattler in einer Mitteilung der Universität Bielefeld zitiert. Besonders überrascht hat die Forscher demnach, dass etwa 40 Prozent der Befragten es nicht grundsätzlich ablehnen, in Zukunft solche Medikamente einzunehmen. „Es scheint eine große Bereitschaft zu geben, Medikamente zur Leistungssteigerung zu nehmen, für die aus medizinischer Sicht kein Bedarf besteht.“

Die Wissenschaftler haben die Teilnehmer der Umfrage auch nach illegalen Substanzen und Drogen gefragt. Am häufigsten wird demnach Cannabis zum Gehirn-Doping verwendet. 4,1 Prozent der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr aus diesem Grund gekifft zu haben – vermutlich um durch Stressabbau wieder leistungsfähig zu werden oder um die Kreativität anzuregen, heißt es in der Mitteilung der Uni. Seit April ist der Konsum von Cannabis in Deutschland zwar teilweise legal – zum Zeitpunkt der Befragung zählte das Rauschmittel aber noch zu den illegalen Drogen.

Mit 1,4 Prozent war die Einnahme illegaler Substanzen wie Kokain oder Amphetamin eher selten. Die Forscher haben jedoch festgestellt, dass eher Männer zu illegalen Drogen greifen als Frauen. Außerdem werden diese eher in Städten und weniger in ländlichen Gebieten konsumiert.

Die großangelegte Studie zeigt zudem, dass viele Menschen Mittel zum Gehirn-Doping einnehmen, obwohl unklar ist, ob diese wirklich die kognitive Leistung wie Konzentration und Merkfähigkeit verbessern.

Laut Sattler erfahren diese Personen häufig über Bekannte von der vermeintlichen Wirkung oder sie stoßen in den sozialen Medien darauf. Bei der Einnahme würden sie jedoch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bluthochdruck oder Schlafstörungen riskieren. „Längst nicht alles, was derzeit geschluckt wird, hat die erwünschte Wirkung“, bestätigt auch Uwe Fuhr, Professor an der Uniklinik Köln und Co-Autor der Studie.

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