Suche beendet Retter sehen keine Überlebenschance für verunglückten Fischer
Die Suche nach dem am Sonntag in der Nordsee verunglücktem Fischer aus Greetsiel wurde eingestellt. Wir haben noch einmal mit den Seenotrettern über den Großeinsatz gesprochen.
Greetsiel - Knapp 14 Stunden haben die Seenotretter am Sonntag, 16. Juni 2024, nach dem über Bord gegangenen Fischer aus Greetsiel gesucht. Gegen 22 Uhr war die Suche am Abend schließlich eingestellt worden. „Wir gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass der Fischer nicht mehr lebend gefunden werden kann“, sagte dazu Ralf Baur von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) am Montag auf Nachfrage. Die DGzRS hatte die Suche geleitet und koordiniert.
Sofern den Seenotrettern keine neuen Erkenntnisse zum Verbleib des Mannes vorliegen, wird die Suche nach ihm auch nicht wieder eingeleitet, sagte der Sprecher. Gleichwohl hatten sich die Fischer aus Greetsiel am Montag eigenständig noch einmal auf den Weg in das Gebiet der Osterems gemacht, um erneut nach ihrem Kollegen zu suchen. „Das zeigt, wie groß das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Fischern ist“, so Ralf Baur.
Ermittlungen wurden eingeleitet
Insgesamt 30 Einheiten hatten am Sonntag über Stunden auf dem Wasser nach dem verunglückten Mann gesucht. Daran beteiligten sich drei Seenotrettungsboote der DGzRS, zwei niederländische Seenotretter, mehrere behördliche Schiffe, ein Hubschrauber und ein Flugzeug mit Wärmebildkameras sowie die Fischer mit ihren Kuttern. Von Land suchten Feuerwehren die Deichlinie mit Drohnen ab.
Was dem Mann genau zugestoßen ist, ist aktuell noch unklar. Die Wasserschutzpolizei hat entsprechende Ermittlungen aufgenommen, wie ein Sprecher am Montag gegenüber dieser Zeitung bestätigte. Teil dieser Ermittlungen ist auch, ob der Mann eine Rettungsweste trug oder nicht. Die hätte möglicherweise dafür sorgen können, dass der Körper so aufgerichtet wird, dass der Kopf auch bei Ohnmacht über Wasser gehalten wird.
Überlebenschance ohne Rettungsweste gering
Ohne Rettungsweste sind die Überlebenschancen in solchen Fällen entsprechend geringer. Laut Ralf Baur von der DGzRS gibt es verschiedene Phasen, mit denen ein Mensch zu kämpfen hat, wenn er auf offener See von Bord gegangen ist: Wenn man davon ausgeht, dass die Person völlig unvorbereitet ins kalte Wasser fällt, fehlt ihr der Gewöhnungseffekt, der es dem Körper ermöglicht, sich auf das kalte Wasser einzustellen. „Der Körper muss dann unmittelbar auf Kälte reagieren und es kann zu einem so genannten Kälteschock kommen.“ Die Folgen sind häufig Ohnmacht oder sogar der direkte Tod. Geht man aber davon aus, dass eine Person diese Phase unbeschadet überstanden hat, folgt oft das schnelle und unkontrollierte Einatmen. Dabei kann Wasser in die Lunge gelangen. Erst danach würde Unterkühlung zum Hauptproblem der ins Wasser gefallenen Person werden. „Wie lange diese jeweiligen Phasen anhalten, hängt vor allem davon ab, wie der Körper konstituiert ist“, so Ralf Baur. Auch die Psyche spiele eine wichtige Rolle bei der Überlebensdauer. „Je früher man jemanden findet, desto besser ist es also.“
So sind die Seenotretter bei der Suche vorgegangen
Bei der Suche nach dem Greetsieler Fischer sind die Seenotretter nach einem festgelegten sowie gut und häufig erprobten System vorgegangen. Nachdem der Kapitän gegen 7.30 Uhr den Notruf gewählt hatte, waren umgehend die Seenotrettungskreuzer „Hamburg“ (Borkum), „Eugen“ (Norderney) sowie das Seenotrettungsboot „Hans Dittmer“ (Juist) zur Unglücksstelle gefahren. Die „Hamburg“ diente dabei als On-Scene-Coordinator, wie es in der Fachsprache heißt. Die Einsatzleitung erfolgte also von diesem Kreuzer aus. „Das Suchgebiet hatte zwar eine gewisse Größe, wir sind es aber systematisch abgefahren“, sagt Ralf Baur.
Die Seenotretter haben sich dabei vorher genau angeschaut, wo der Mann zu welchem Zeitpunkt in das Wasser gefallen ist. Anhand genauer Berechnungen der Strömungen wurde dann geschaut, wohin der Körper getrieben sein könnte. „Das Gebiet wurde dann in parallelen Tracks abgefahren.“ Dabei fuhren die Schiffe und Kutter in einem festgelegten Raster nebeneinander her, die Anweisungen darüber, wo sie fahren und wann sie wenden sollten, kamen über Funk von der „Hamburg“. Dort wurde die Suche auf einer digitalen Karte festgehalten und überprüft. Die Einsatzkräfte und Fischer an Deck haben dann mittels Ferngläsern auf der Wasseroberfläche nach dem Vermissten gesucht. Rettungshubschrauber und Flugzeug suchten zudem mit Wärmebildkameras bis in den späten Sonntagabend hinein nach dem Mann.
Die DGzRS ist zuständig für den Such- und Rettungsdienst auf der gesamten Nord- und Ostsee. Nach Angaben der Gesellschaft sind mehr als 1000 Seenotretter auf 60 Rettungseinheiten Jahr für Jahr rund 2000 Mal im Einsatz – rund um die Uhr, bei jedem Wetter. Seit der Gründung 1865 hat die DGzRS nach eigenen Angaben mehr als 86.000 Menschen aus Seenot gerettet oder Gefahr befreit. Die Gesellschaft finanziert sich ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen, um unabhängig von öffentlich-rechtlichen Budgets oder politischen Gegebenheiten zu sein.