Selbstversuch in Leer  Fast blind über die Kreuzung – so herausfordernd ist der Bummert

Rieke Heinig
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Von Rieke Heinig
| 15.06.2024 09:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mit eingeschränkter Sicht über den Bummert: Redakteurin Rieke Heinig hat den Versuch gewagt. Fotos: Ortgies
Mit eingeschränkter Sicht über den Bummert: Redakteurin Rieke Heinig hat den Versuch gewagt. Fotos: Ortgies
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Die Bummert-Kreuzung in Leer ist für Menschen mit Sehbehinderung eine echte Herausforderung. Redakteurin Rieke Heinig hat es mit Simulationsbrille und Blindenstock selbst getestet.

Leer - Es ist morgens. Ungeduldig stehe ich mit dem Auto an der Ampel und trommele mit den Fingern aufs Lenkrad, denn ich bin spät dran. Dann wird es grün – endlich. Ich schaue sicherheitshalber noch einmal nach links und rechts, fahre weiter und schaffe es noch pünktlich zur Arbeit. Eine für mich alltägliche Situation, die ich später an diesem Tag noch überdenken werde. Denn am Vormittag habe ich einen Termin am Bummert in Leer, den ich so schnell nicht vergessen werde.

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„Probieren Sie diese mal aus“, sagt Andrea Sweers vom Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen (BVN), Region Ostfriesland. Sie drückt mir eine schwarze Brille in die Hand, die ich aufsetze. An den Seiten verhindern kleine blickdichte Klappen, dass ich sehe, was neben mir geschieht. In der Mitte beider Gläser ist die Brille mit zwei großen, schwarzen Punkten abgedunkelt. Der kleine übrige Teil, den ich noch sehen kann, ist verschwommen. Die Simulationsbrille imitiert eine Sehbehinderung.

Durch diese Simulationsbrille kann man nicht mehr viel sehen.
Durch diese Simulationsbrille kann man nicht mehr viel sehen.

Bummert macht Menschen mit Sehbehinderung Probleme

So soll ich mit einigen Menschen mit Sehbehinderung und Vertretern von Interessensverbänden, der Stadtverwaltung und des Landkreises einmal über den Bummert gehen. Dazu hatte der BVN anlässlich des Tages der Sehbehinderung, der am 6. Juni 2024 stattfand, etwas verspätet am vergangenen Mittwoch, 12. Juni, eingeladen. Jedes Jahr gibt es einen anderen Themenschwerpunkt, erklärt Hermann Reiners, Sehbehinderten-Beauftragter des BVN. Das Thema in diesem Jahr: Mobil mit Sehbehinderung – Sicher über jede Kreuzung. „Der Bummert ist eine Herausforderung für Menschen mit Sehbehinderung“, sagt er.

Begleithund Sam führt Jenny de Boer über die Kreuzung.
Begleithund Sam führt Jenny de Boer über die Kreuzung.

Das bestätigen mir auch Jenny de Boer, die mit ihrem Begleithund Sam gekommen ist, und Petra Freimuth. Beide haben eine Sehbehinderung. Keine von beiden ist vollblind, das ist man erst mit weniger als zwei Prozent Sehkraft, erklärt Hermann Reiners. „Bei mir ist es, als würde ich durch einen Kugelschreiber gucken. Mehr sehe ich nicht. Am Bummert ist sogar Sam verwirrt, weil es so viele Ampeln gibt“, sagt de Boer. Auch Petra Freimuth hat Schwierigkeiten. „Es ist sehr laut, das Klicken der Ampeln hört man kaum, wenn ein Lkw vorbeifährt. Wenn ich kann, meide ich den Bummert“, erzählt sie.

Mit Blindenstock über die Kreuzung

Etwas mulmig ist mir schon zumute als es schließlich losgeht. Erst seit der Bummert von 2021 bis 2022 saniert und mit Ampeln ausgestattet wurde, ist er kein Unfallschwerpunkt in der Ledastadt mehr, lese ich vor dem Termin in einem Artikel dieser Zeitung, den mein Kollege kürzlich geschrieben hat. Dort treffen die Heisfelder, Friesen- und Ubbo-Emmius-Straße aufeinander. Daher ist der Bummert keine klassische Kreuzung: „Eigentlich ist das ein Knotenpunkt aus zwei Kreuzungen“, erklärt Sigrid Gravel vom Fachdienst Mobilität und Verkehr der Stadt Leer, bevor wir uns auf den Weg machen. Auch sie schnappt sich eine Simulationsbrille und ergattert einen Blindenstock. Denn mit ihrer Brille kann sie noch weniger sehen als ich.

Petra Freimuth zeigt, dass die Markierung durch den Radweg unterbrochen ist. Für sie und viele andere Menschen mit Sehbehinderung eine Herausforderung.
Petra Freimuth zeigt, dass die Markierung durch den Radweg unterbrochen ist. Für sie und viele andere Menschen mit Sehbehinderung eine Herausforderung.

Aber auch ich darf mir einen Blindenstock von Petra Freimuth leihen. Ich taste mich damit langsam vom Fußweg in Richtung erster Ampel vor. Dabei sollen mir die weißen Rillen auf dem Boden helfen, die vertikal zur Ampel verlaufen und so die Richtung angeben. An dieser Stelle wartet auch schon die erste Herausforderung auf mich: Die Markierungen werden durch den Radweg unterbrochen. Würde ich die Kreuzung nicht schon kennen, wäre ich aufgeschmissen. „Dass die Markierungen nicht auf dem Radweg sein darf, ist durch Richtlinien so vorgegeben. Sonst besteht für die Fahrradfahrer Sturzgefahr“, erklärt Stadt-Mitarbeiterin Sigrid Gravel. Denkbar sei, durch ein weißes Piktogramm Abhilfe zu schaffen, sagt sie. Dann könne man wenigstens ein wenig erkennen, wo es langgeht.

Markierungen und Töne weisen den Weg

Ich muss also die Zähne zusammenbeißen. Obwohl ich nicht sehe, ob von einer der Seiten jemand kommt, laufe ich langsam weiter in Richtung der Stimmen der Menschen, die es schon dorthin geschafft haben. Mit dem Taststock bemerke ich wieder eine Markierung, allerdings keine Rillen. Wie Knöpfe fühlen sie sich an. „Sie deuten darauf hin, dass da gleich etwas kommt, auf das man aufpassen muss“, erklärt Hermann Reiners.

Herrmann Reiners vom BVN zeigt Redakteurin Rieke Heinig, wie die Markierungen auf dem Boden funktionieren.
Herrmann Reiners vom BVN zeigt Redakteurin Rieke Heinig, wie die Markierungen auf dem Boden funktionieren.

Ich taste mich zum Ampelpfosten und drücke unterhalb des Ampelschalters auf einen Knopf. Das kenne ich noch aus der „Sendung mit der Maus“. Ein langsames und leises Ticken – ich höre es kaum – weist auf eine rote Ampel hin. Drücke ich unten, piept es laut und schnell sobald grün ist. Was ich vorher nicht wusste: Ein Pfeil auf dem Knopf zeigt mir sogar, in welche Richtung ich die Ampel überqueren muss.

Betroffene können die Behinderung nicht einfach ablegen

Dann geht es los, die Anlage weist mich darauf hin, dass ich gehen darf. Ich taste mich mit dem Stock langsam auf die andere Seite, bis ich wieder die Markierung spüre. Gerade noch rechtzeitig, denke ich, denn das Piepen hört wieder auf. Was ich erst hinterher erfahre: Das Geräusch hört aus Sicherheitsgründen sehr viel schneller auf, als die Ampel eigentlich grün ist. Ich gebe den Blindenstock wieder zurück an Petra Freimuth, nehme die Brille ab und bin zunächst erleichtert. Dann die Erkenntnis: Betroffene können ihre Behinderung nicht einfach so ablegen. „Wir leben damit jeden Tag, den ganzen Tag“, sagt Hermann Reiners, als ich ihn darauf anspreche.

Gar nicht mal so leicht, die Orientierung auf der Kreuzung zu behalten.
Gar nicht mal so leicht, die Orientierung auf der Kreuzung zu behalten.

Im Anschluss sprechen wir noch einmal gemeinsam über das Erlebte. Es wird klar: Gegenseitige Rücksichtname ist wichtig. Und der Bummert ist ein Kompromiss. „Es wird nie für alle Menschen mit Behinderungen perfekt sein. Was für den einen eine Erleichterung ist, erschwert das Überqueren für den anderen“, resümiert Hermann Reiners. Bereits jetzt seien viele Elemente verbaut, die hilfreich sind. „Wir schauen jetzt, was wir noch verbessern können und gucken, ob wir den Ton beispielsweise lauter machen können“, sagt Sabine Gravel.

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