Osnabrück  Ich werd verrückt! Lauter Redewendungen um das Erstaunen

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 14.06.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Was die junge Frau im nächsten Moment wohl sagen wird? Es gibt viele Redewendungen des Erstaunens. Foto: imago images/imagebroker/Dean
Was die junge Frau im nächsten Moment wohl sagen wird? Es gibt viele Redewendungen des Erstaunens. Foto: imago images/imagebroker/Dean
Artikel teilen:

Wer frisst noch einen Besen? Und warum wird der Hund in der Pfanne verrückt? Es gibt viele Redeweisen, um dem Erstaunen Ausdruck zu verleihen. Ein kleiner Ausflug in die Welt der Emotionen.

Ich werd verrückt! Es gibt Augenblicke, in denen man es sich leisten darf, für einen Moment alle Routine zu verlassen. Der Ausgang der Wahl zum Europäischen Parlament war ein solcher Augenblick. Unabhängig von aller politischen Bewertung war für mich erst einmal nur eines klar: Ich wird verrückt!

Eigentlich rücken wir Möbel von ihrer gewohnten Stelle. Oder rücken etwas zurecht. Verrückt ist man besser nicht. So werden Leute genannt, die nicht mehr ganz bei Verstand sind. Das Erstaunen markiert einen Schock, der das gewohnte Leben für eine Sekunde aus dem Gleis springen lässt, es ver-rückt.

Junge Leute werden, wenn sie etwas erstaunt, nicht mehr verrückt. Sie sagen nur kurz: What? Die englische Vokabel verstellt ihnen aber auch die genauere Wahrnehmung des Wortes verrückt. Das meint: überspannt, gar geistesgestört. Diese Wortbedeutung nimmt bei Martin Luther ihren Anfang. In seiner Bibelübersetzung heißt es: „Ich fürcht ewer gleubiger Verstand / werd verrückt werden von dem einfeltigen verstand christi / gleich wie Eua (Eva, Anm.) von der Schlangen verrückt ward“ (2. Korinther 11,3).

Nun soll hier auf keinen Fall um den Verstand von wem auch immer gefürchtet oder gar von jenen guten Geistern gesprochen werden, die irgendjemanden verlassen haben könnten. Bleiben wir beim Erstaunen. Erstaunlich allemal, wie viele Redewendungen zur Verfügung stehen, um dieser heftigen Gemütsbewegung differenzierten Ausdruck zu verleihen.

Ich glaub es nicht! Ich fress´en Besen! Du kriegst die Motten! Sagt man das heute wirklich noch, wenn der Schock tief sitzt? Ich habe den Verdacht, dass solche Redewendungen eher einer vergangenen Zeit der Sprachverwendung angehören.

Früher wurde der Hund in der Pfanne verrückt, wenn etwas Außergewöhnliches geschah. Manche Leute rieben sich wahlweise die Augen oder schlackerten mit den Ohren. Heftige Gemütsbewegung suchte sich ihr Ventil in grotesker Körpergeste. Waren das noch Zeiten.

Heute wird man nicht mehr kalt erwischt, sondern bleibt cool. Wer lässt sich schon aus dem Konzept bringen. Oder staunt gar Bauklötze. Kommt diese Redewendung von den Glotzaugen, die man im Moment der Überraschung macht? Mich würde das nicht erstaunen.

Wie auch immer. Unsere Zeiten bieten traurig viele Gelegenheiten, unangenehm überrascht zu sein. Ich sage nicht „What?“, sondern kommentiere nur knapp: Donnerknispel!

Ähnliche Artikel