Hannover  Alle 38 Minuten wird eine Niedersächsin Opfer häuslicher Gewalt

Stefan Idel
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Von Stefan Idel
| 06.06.2024 17:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Fast 30.000 Übergriffe registrierte die Polizei Niedersachsen im vergangenen Jahr. Foto: Fabian Sommer/dpa
Fast 30.000 Übergriffe registrierte die Polizei Niedersachsen im vergangenen Jahr. Foto: Fabian Sommer/dpa
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Täglich geschieht es 48-mal in Niedersachsen: Eine Frau erlebt häusliche Gewalt. Wie soll den gewaltsamen Übergriffen effektiver begegnet werden? Fachleute machen Vorschläge.

Die Zahlen sind erschreckend: Alle 38 Minuten wird in Niedersachsen eine Frau Opfer häuslicher Gewalt. Im vergangenen Jahr hat die Polizei insgesamt 29.875 solcher gewaltsamen Übergriffe registriert – ein Plus um 10,7 Prozent gegenüber 2022. Auch sehr viele junge Menschen seien „in toxischen Beziehungen“ gefangen, sagt Friedo de Vries, Präsident des Landeskriminalamts (LKA) Niedersachsen. Wie kann solchen gewaltsamen Übergriffen vorgebeugt werden? Das diskutierten 120 Expertinnen und Experten bei einem LKA-Symposium am Donnerstag in Hannover.

„Gewalt gegen Frauen ist kein privates Problem, sondern ein ganz klares Verbrechen“, machte Innenministerin Daniela Behrens (SPD) bei der Veranstaltung deutlich. Sie bezeichnete es als „unerträglich“, dass das Anzeigeverhalten der betroffenen Frauen gegen Null tendiere. Das müsse sich ändern. Behrens forderte eine breite Debatte in der Gesellschaft. Die Gewalttaten seien nicht nur eine Verletzung der persönlichen Integrität der betroffenen Frauen, sondern auch ein Angriff auf gemeinsame Werte von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Respekt. Niedersachsen werde bei Gewaltschutzprogrammen nicht kürzen, sagte die Ministerin zu.

Fachanwältin Christina Clemm (Berlin) berichtete, dass betroffene Frauen oft von ihren gewalttätigen Ex-Partnern gestalkt und vor allem bei der Übergabe der Kinder extrem gefährdet seien. Viele Männer halten sich nicht an die Gewaltschutzanordnung des Gerichts und würden eher das Bußgeld bezahlen. Oft würden Behörden recht sorglos den neuen Wohnsitz des Opfers preisgeben. Clemm forderte, die Verbotsräume für Männer auszuweiten, gegebenenfalls auf ganze Stadtteile. „Die Frauen müssen sich sicher sein können, dass der Stadt sie schützt“, sagte sie.

Bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen hat Deutschland einen Nachholbedarf, sagte Soziologin Prof. Dr. Monika Schröttle (Universität Erlangen-Nürnberg). Es gebe erhebliche Mängel bei der Umsetzung der „Istanbul-Konvention“, die 2011 verbindliche Rechtsnormen gegen häusliche Gewalt festgelegt hat. In Notsituationen gebe es keinen effektiven Schutz für Frauen. Schröttle sprach von „unterlassener staatlicher Hilfeleistung“.

Andere Länder, etwa Spanien oder Portugal, würden deutlich mehr gegen die Gewalt an Frauen tun. Auch die „Fehlerkultur“ sei ausgeprägter. Autorin Dr. Susanne Kaiser „Backlash – die neue Gewalt an Frauen“) wies darauf hin, dass autoritäre Bewegungen auf dem Vormarsch seien. Das habe enorme Auswirkungen auf die Gleichberechtigung. Durch die überbordende Gewalt im Internet sei die Teilhabe von Frauen im Netz nicht mehr gewährleistet. Dabei werde im Netz heute die Demokratie verhandelt. Zudem betonte Kaiser: „Gewalt gegen Frauen ist politische Gewalt!“

Tim Juraske, Wissenschaftler im LKA Niedersachsen, sagte in seinem Vortrag, dass die gezielte Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts durch ihren Partner oft begleitet ist von extremer Gewalt und Brutalität. In Spanien trat 2005 ein Gesetz in Kraft, das Prävention, Opferschutz und Strafverfolgung kombinieren würde.

Einen Beitrag zur Sensibilisierung soll auch die Ausstellung „Herzschlag – wenn aus Liebe Gewalt wird“ des LKA leisten, die Donnerstag erstmals präsentiert wurde. Die zehn Stellwände sollen nun durchs Land touren. Auf den Tafeln finden sich zahlreiche QR-Codes mit Links zu Filmen oder Audiodateien. Auch werden persönliche Geschichten von Betroffenen erzählt, so Victoria Rufledt (LKA-Abteilung Prävention). Der 31-jährigen Polizeikommissarin ist es wichtig, den Gedanken von Betroffenen Raum zu geben. Auch gibt es Kontakte über die Stellwände Kontakte zu Hilfsangeboten.

Die Kampagne ist zu finden unter: www.herzschlag-kampagne.de

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