Charkiw Kaputte Familien, erschöpfte Kämpfer, Kriegsverbrechen: So dramatisch ist die Lage in der Ukraine
Zwei Jahre Krieg haben tiefe Spuren in der Ukraine hinterlassen. Im Expertentalk spricht Oberstaatsanwalt Klaus Hoffmann über die mutmaßlichen russischen Kriegsverbrechen. Eine Hilfsorganisation berichtet von ihrer schwierigen Arbeit mit traumatisierten Kindern. Und der Reservisten-Chef Patrick Sensburg macht deutlich, was Deutschlands Armee jetzt braucht.
Sie wollen Gewissheit für die Angehörigen und kämpfen für die Chance auf eine letzte Ruhe für die unschuldigen zivilen Opfer: Die Feuerwehrleute in Charkiw stehen auf den Trümmern eines bei einem russischen Angriff zerstörten Baumarktes. Sie versuchen Körperteile mittels DNA-Analyse Menschen zuzuordnen, die als vermisst gelten. Der Angriff auf das Geschäft in der Stadt im Nordosten der Ukraine ist nur die jüngste von vielen Attacken der russischen Streitkräfte auf Zivilisten in der Ukraine: Bahnhöfe, Wohnhäuser und Infrastruktur werden zerstört, Angst macht sich breit.
Der mehr als zwei Jahre andauernde Krieg hat Spuren hinterlassen in der Ukraine: in den Seelen der Menschen, auf den verminten Feldern und in den zerstörten Städten. Wie ist die Lage an der Front? – Das war die Frage im Expertentalk mit Moderator Michael Clasen, der selbst in Charkiw ist. Mit dabei waren:
Kaputte Familien, erschöpfte und desillusionierte Soldaten, zahllose Kriegsverbrechen: Was die Experten über die Situation in der Ukraine berichteten, hatte es in sich. Patrick Sensburg, Präsident des deutschen Reservistenverbandes, fand deutliche Worte: Deutschland müsse mehr tun, um sich gegen einen Angriff Russlands zur Wehr setzen zu können.
Die erschütternden Zahlen: In der Ukraine gibt es mittlerweile etwa 133.000 Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Das sagte der deutsche Oberstaatsanwalt Klaus Hoffmann im Expertentalk. Hoffmann ist seit zwei Jahren Berater der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft und verbringt selbst viel Zeit in dem angegriffenen Land. Ende 2022 seien es 56.000 registrierte Verfahren gewesen, ordnet Hoffmann ein. Das sei eine „enorme Steigerung“, sagte Hoffmann im Expertentalk.
Mit einer juristischen Bewertung, ob Kriegsverbrechen Teil der russischen Kriegsstrategie seien, wollte sich Hoffmann zurückhalten. Seine „ganz persönliche“ Meinung sei aber, dass man etwa russische Luftangriffe auf nicht-militärische Ziele oder Entführungen von ukrainischen Kindern „nur als Terror gegen die Zivilbevölkerung beschreiben“ könne, so Hoffmann im Expertentalk.
Wovor sich die Soldaten am meisten fürchten, ist nicht der Krieg selbst: Die Ukrainerin Alissa Smyrna berichtete von einem Gespräch mit einem Freund, der an der Front kämpft. Seine Aussage: „Während ihr dort alle Karriere macht, heiratet und Kinder kriegt, bleibe ich hier und verteidige unser Land. Und wenn ich zurückkomme, bin ich mental nicht mehr so gesund, dass ich eine neue Karriere starten kann. Ich werde wahrscheinlich nie mehr heiraten und keine Kinder mehr kriegen. Und ich werde einsam und krank zurückbleiben. Und keiner wird mich brauchen.“ Smyrnas Kommentar: Das klinge „schrecklich“, aber vielen Männern werde es wahrscheinlich genau so ergehen.
Was Deutschland jetzt braucht: „Kriege werden mit der aktiven Truppe begonnen und mit der Reserve beendet“, sagte Reservisten-Chef Patrick Sensburg. Der CDU-Politiker forderte daher, dass Deutschland für seine eigene Wehrhaftigkeit dreimal so viele Reservisten haben müsse wie aktive Soldaten. Als Reservisten bezeichnet man jene Männer, die den Wehrdienst geleistet haben und die im Kriegsfall eingezogen werden könnten, um die Bundeswehr zu verstärken. Ihre Aufgabe ist laut Sensburg die „Sicherung des rückwärtigen Raumes“ sowie die Verstärkung der kämpfenden Truppe in späteren Phasen eines Krieges.
Sensburg fordert, dass Deutschland die Zahl seiner Reservisten auf 540.000 erhöhen müsse – das wäre das Dreifache der etwa 180.000 aktiven Soldaten. Derzeit gebe es aber nur etwa 40.000 Reservisten, die regelmäßig an Übungen teilnähmen. Sensburg: „Wir brauchen eindeutig mehr Reservisten, denn Landesverteidigung stützt sich maßgeblich auf Reserven“. Weitere gut 810.000 registrierte Reservisten seien zwar im Alter von unter 65 Jahren. Diese Gruppe nehme aber laut Sensburg seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 nicht oder kaum mehr an Übungen teil.
Das Zitat, das sprachlos macht: „Diese Verletztheit, die wir erleben, die ist enorm“, sagte Thomas Berthold vom Kinder-Hilfswerk „Terre des Hommes“ über die Situation der Kinder in der Ukraine. Eine Begegnung habe ihn besonders berührt, berichtete der Europa-Koordinator der Organisation: Ein achtjähriger Junge habe gesagt, er „wünscht sich, dass es seinem Vater im Himmel gut geht.“ Die Erinnerung an den Vater möge bei dem Kind vielleicht verblassen. Aber „die Spuren, die das auf der Seele der Kinder hinterlässt, die sind enorm“, sagte Berthold. Gänsehaut.
Was der Krieg mit den Kindern macht: Laut Thomas Berthold erleben verschiedene Kinderhilfsorganisationen, dass die Kleinen enorm unter der Last des Alltags leiden. Fälle von Epilepsie, Depressionen und ähnlichen Krankheiten würden beim Nachwuchs deutlich zunehmen, sagte der Vertreter der Osnabrücker Hilfsorganisation.
Der Krieg zieht in die Familien ein: Alissa Smyrna glaubt, dass der Krieg Familien zerstören wird. Auch wenn die Väter den Fronteinsatz überlebten, würden nicht alle Familien nach dem Krieg zusammenbleiben. Viele Männer, die aus dem Krieg zurückkehrten, seien „mental nicht mehr gesund“. Ihre Frauen würden darunter leiden: „Es gibt in den Familien Gewalt. Davon spricht man nicht so oft. Wie viele Frauen und Kinder leiden, wenn die Männer zurückkommen!“ Smyrna ist sich sicher: „Ich glaube nicht, dass wir nach dem Krieg eine gesunde Nation bleiben werden“.
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