Heilbronn Karl-Heinz Feldkamp: Ein Meistertitel ist auch eine Meisterprüfung
Fußballtrainer Karl-Heinz Feldkamp wird am Sonntag 90 Jahre alt: Von der Arbeit im Stahlwerk zur Titelsammlung über legendäre Spiele mit Kaiserslautern und Uerdingen bis hin zu Aufenthalte in Ägypten und der Türkei - der Lebensweg des ehemaligen Trainers des 1. FC Kaiserslautern ist gefüllt voller Geschichten.
An diesem Sonntag (2. Juni) feiert Karl-Heinz Feldkamp seinen 90. Geburtstag. Im Ruhestand lebt der erfolgreiche Trainer erst seit 16 Jahren – nach einem Lebensweg, der in den Kriegswirren begann, lange vor der Bundesliga-Gründung durch Zeiten führte, als Fußball auch auf höchster Ebene nur neben einer hauptberuflichen Tätigkeit möglich war. Von seiner Arbeit im Stahlwerk erzählt „Kalli“ Feldkamp im exklusiven Interview mit der Redaktionskooperation G14plus, der auch diese Zeitung angehört, ebenso wie über seinen Umstieg in den Trainerberuf, über seine Titel wie über Misserfolge, über Aufenthalte in Ägypten und der Türkei, über sein heute immer noch sportliches Leben – und über ein Ärgernis bei seinem Besuch des DFB-Pokalfinales am vergangenen Samstag.
Frage: Herr Feldkamp, kurz vor Ihrem Ehrentag haben Sie das DFB-Pokalfinale 1. FC Kaiserslautern gegen Bayer Leverkusen live in Berlin erlebt. Wie waren Ihre Eindrücke?
Antwort: Mit dem 1:0 war das Spiel eigentlich gelaufen, zumal Bayer nach dem Platzverweis damit zufrieden war und nur noch vorsichtig gespielt hat. Der FCK hat sich aber sehr gut verkauft, es war ein würdiger Abschluss für Friedhelm Funkel als FCK-Trainer. Unmöglich war aber, dass das Stadion aus Kaiserslauterns Kurve so eingenebelt wurde - nach der tollen Choreografie wirklich beschämend!
Frage: Den DFB-Pokal gewannen Sie als einziger Trainer mit drei Klubs. Was war jeweils besonders?
Antwort: Unser 2:1 mit Bayer Uerdingen gegen Favorit FC Bayern war 1985 die erste Austragung am ständigen Endspielort Berlin. Nach dem Pokalsieg 1988 mit Eintracht Frankfurt wurde leider Lajos Détári verkauft, der das Tor zum 1:0 gegen den VfL Bochum erzielt hatte. 1990 folgte das 3:2 mit Kaiserslautern gegen Werder Bremen nach meiner Rückkehr in die Pfalz und der Rettung aus akuter Abstiegsgefahr.
Frage: Beim Pokalsieg 1985 und weiteren legendären Spielen stand Friedhelm Funkel in Ihren Teams.
Antwort: Er erzielte zwei Tore, als wir 1982 mit Kaiserslautern im Viertelfinale des UEFA-Cups (heute Europa League, Anm. d. Redaktion) Real Madrid mit 5:0 ausschalteten. Und er war 1986 dabei, als uns mit Uerdingen gegen Dynamo Dresden die Aufholjagd gelang, nach 0:2 im Hinspiel und 1:3-Halbzeitrückstand daheim mit 7:3 noch das Halbfinale im Pokalsieger-Wettbewerb zu erreichen. Dass Kaiserslautern nun ins Endspiel kam und auch in der 2. Bundesliga blieb, war angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten eine Höchstleistung von Friedhelm und weiteren Verantwortlichen. Erfreulicherweise hat auch Eintracht Braunschweig die 2. Bundesliga gehalten. Wir leben ja halb in Spanien, nahe Marbella, und halb in Braunschweig. Hier seit 2013, wo die Fußballbegeisterung ähnlich groß ist wie in Kaiserslautern. Gut, dass es am 34. Spieltag nicht zum Endspiel um den Klassenerhalt mit FCK und Eintracht kam.
Frage: Am letzten Spieltag sicherten Sie sich 1991 mit Kaiserslautern die Meisterschale. Haben Sie sehr gebangt, als der erste Matchball gegen Mönchengladbach vergeben und der FC Bayern wieder im Rennen war?
Antwort: Ein Meistertitel ist auch eine Meisterprüfung. Ein Erfolg, der alle Beteiligten das ganze Leben begleitet. Wie die Feier auf einem Rheinschiff von Köln bis Koblenz und der Empfang in Kaiserslautern mit den 1954er-Weltmeistern Fritz und Ottmar Walter sowie Horst Eckel. Dass wir das Finale beim 1. FC Köln vor 40.000 mitgereisten FCK-Fans 6:2 gewannen und sensationell Meister wurden, war die Krönung für eine Mannschaft um Kapitän Stefan Kuntz mit großem Teamgeist.
Frage: Auf Euphorie folgte gegen den FC Barcelona statt Einzug in die Champions-League-Finalrunde ein bitterer K.o. Wie haben Sie das Bakero-Gegentor in letzter Minute zum 3:1 nach 0:2-Hinspiel vor Augen?
Antwort: Barcelonas Trainer Johan Cruyff gab mir die Hand, die ich aus Enttäuschung gerne übersehen hätte. Natürlich sind Erinnerungen an Erfolge schöner. Als Trainer habe ich solche Situationen aber einige Male erlebt. Und es immer geschafft, aus Tiefs wieder herauszukommen. Auch solche Momente haben mich geprägt.
Frage: Geprägt wie Ihre aktive Zeit bei Rot-Weiß Oberhausen neben der Arbeit im Stahlwerk?
Antwort: Das war ja Pflicht, bis 1963 die Bundesliga kam. Ab 1951 war ich bei Rot-Weiß Oberhausen Vertragsspieler, wie es damals hieß, bei Thyssen Niederrhein 22 Jahre lang in der Arbeitsvorbereitung beschäftigt. Als ich dort kündigte, um Fußball-Lehrer zu werden und meine erste Cheftrainerstelle bei Wattenscheid 09 anzutreten, sagte der Thyssen-Direktor: „Herr Feldkamp, Sie wissen doch, dass Stahlindustrie so sicher ist wie die Bank von England!“ Stahlwerk und Kohle habe ich dann aber sterben sehen. Mein eigener Weg war also richtig, nachdem ich in Oberhausen Assistent von „Adi“ Preißler war.
Frage: Dessen Satz „Grau is´ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is´ auf´m Platz“ berühmt wurde …
Antwort: … und der mit Borussia Dortmund zwei Deutsche Meisterschaften gewann. Als sein Assistent bekam ich von meinen ehemaligen Mitspielern einiges zu hören: „Früher hast Du das Tempo verlangsamt, jetzt treibst Du uns an!“ Bevor Rot-Weiß dann in den Bundesliga-Skandal verwickelt war, hatte ich Oberhausen schon verlassen.
Frage: Dort als Co-Trainer in die Bundesliga aufgestiegen, als Chefcoach bei Arminia Bielefeld auch.
Antwort: Bielefeld war eine tolle Zeit! Auch dramatisch, weil wir die Bundesliga 1977 in den Aufstiegsspielen als Zweiter der 2. Bundesliga Nord gegen München 1860, Zweiter im Süden, verpassten: mit 4:0 zu Hause, 0:4 in München und 0:2 im dritten Spiel in Frankfurt. In der nächsten Saison sind wir aufgestiegen, obwohl mein Lieblingsspieler Ewald Lienen nach Gladbach gegangen war und Jonny Hey in die Schweiz. Schon Anfang 1978 hatte ich in Kaiserslautern unterschrieben, wo vier erfolgreiche Jahre folgten.
Frage: Von der Meisterschaft 1991 wird weniger gesprochen als vom Titel 1998.
Antwort: Das macht mir aber überhaupt nichts aus! Nach Kaiserslauterns erstem Bundesliga-Abstieg 1996 war der direkte Wiederaufstieg mit der weitgehend zusammengebliebenen Mannschaft zwar Pflicht, im Durchmarsch Deutscher Meister zu werden aber eine Superleistung - einfach fantastisch. Selbst gehörte ich dem Aufsichtsrat an, habe den bei Bayern entlassenen Otto Rehhagel zusammen mit dem Vorsitzenden „Atze“ Friedrich zum FCK geholt.
Frage: Welche Erfahrungen brachte Ihre gleichzeitige Co-Kommentatoren-Rolle beim ZDF?
Antwort: Mein persönlicher Blick auf die Medien wurde ein anderer. Es war sehr gut, aus dieser Perspektive zu sehen, wie die Arbeit von Journalisten läuft, was sie leisten müssen. Dabei durfte ich die Weltmeisterschaften 1994 in den USA und 1998 in Frankreich und die Europameisterschaft 1996 in England begleiten, meist mit Dieter Kürten. So haben wir die Rolle von TV-Experten mitgeprägt.
Frage: Danach kehrten Sie ins Traineramt zurück, zu Besiktas in der Türkei, wo Sie beim Stadtrivalen Galatasaray Istanbul sehr erfolgreich waren. Auch in Ägypten haben Sie gearbeitet …
Antwort: … aber nicht bei Al Ahly, wie oft zu lesen ist. Meister und Pokalsieger wurde ich demnach dort auch nicht. Trainer in Ägypten war ich bei Ismaily SC, direkt am Suezkanal, vor meiner zweiten Zeit in Kaiserslautern.
Frage: Zurückgeholt zum FCK wurde nun auch Friedhelm Funkel. Hätte er dort weiter Trainer bleiben sollen?
Antwort: Damit, dass Friedhelm Kaiserslautern wieder verlässt, bin ich einverstanden – zumal unser vereinbartes Tennisdoppel noch aussteht.
Frage: Sie sind also sportlich unverändert aktiv.
Antwort: Für meine stabile Gesundheit bin ich sehr dankbar. Zum Tennisdoppel mit meiner Frau Helma kommen regelmäßiges Schwimmen und Spaziergänge, in Spanien am nur 200 Meter entfernten Strand. Dort nutzen wir auch das kulturelle Angebot im nahen Malaga. Ich bin also gut beschäftigt. Aber nur mit dem, was ich wirklich gerne tun möchte.