Hamburg  Jüdin in Deutschland berichtet: „Mich begleitet ständig ein mulmiges Gefühl“

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 01.06.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Angriff der Hamas auf Israel hat auch Auswirkungen auf Juden in Deutschland. Foto: dpa/ Jonas Güttler
Der Angriff der Hamas auf Israel hat auch Auswirkungen auf Juden in Deutschland. Foto: dpa/ Jonas Güttler
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Seit dem Überfall der Hamas auf Israel steht das Leben von Keren Miriam Stopka Kopf. Die Jüdin arbeitet als Frauenärztin in Flensburg, ist mit ihren Gedanken aber seit Monaten in Israel. Im Interview berichtet sie von einem Leben in einem „Paralleluniversum”.

Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober hat nicht nur in Israel, sondern auch auf jüdische Gemeinschaften in Deutschland erhebliche Auswirkungen gezeigt. In Deutschland haben antisemitische Angriffe zugenommen. Der Alltag der Flensburger Jüdin Keren Miriam Stopka hat sich stark verändert. Die Gedanken der Frauenärztin kreisen um die Geschehnisse in Israel und an einen normalen Alltag ist kaum zu denken. Im Interview erzählt sie, wie sie Antisemitismus erlebt und wie sie auf die Sicherheitslage für Juden in Deutschland blickt.

Frage: Frau Stopka, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie vom Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober erfahren haben?

Antwort: Ich war in völliger Schockstarre. Offensichtlich waren viele Terroristen nach Israel eingedrungen, die die Kibbuzim im Umkreis von Gaza und tanzende Menschen bei einem Musikfestival angegriffen haben. Später stellte sich heraus, dass es mehrere tausend Hamas-Kämpfer waren. Familien wurden in ihren Betten ermordet, in ihren Schutzräumen – an dem sicheren Ort ihres Zuhauses. Noch vor kurzem unbeschwert feiernde junge Leute wurden entführt – Gräueltaten wurden verübt, die ich nicht in Worten beschreiben kann. Raketenbeschuss auf Israel ist ja leider nichts Neues, aber mir war schnell klar, dass dieser Angriff etwas völlig Anderes war. Normalerweise schreiben mir meine Freunde aus Israel, dass es Ihnen gut geht, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Das war diesmal nicht so, ich habe entsetzte Nachrichten bekommen, voller Angst und Sorge. Anfangs war ja auch nicht klar, wie weit die Terroristen ins Landesinnere vordringen würden, tagelang wurden Menschen in den Städten im Süden angewiesen, das Haus nicht zu verlassen. Ich habe die Nachrichten auf allen Kanälen verfolgt, das israelische Radio eingeschaltet und auf meinem Handy die App für Raketenalarm installiert. Erst nach und nach kam heraus, was wirklich passiert ist. Bei mir blieb nur blankes Entsetzen und Fassungslosigkeit angesichts dieses unbändigen Hasses. 

Frage: Wie haben Sie die Wochen nach dem Angriff hier in Deutschland erlebt?

Antwort: Für mich war nach dem Angriff praktisch kein normaler Alltag mehr möglich. Die Hamas hat Israel angegriffen – und damit auch alle Jüdinnen und Juden in der Welt, so auch mich. Seit den ersten Wochen verfolge ich fast stündlich die Nachrichten und halte intensiv Kontakt zu meinen Freunden in Israel. Ich habe immer diese Angst im Hinterkopf: Was ist, wenn ich einen der Toten oder Verschleppten kenne? Jeder meiner Freunde dort hat Bekannte, Verwandte oder Freunde, die ermordet wurden oder als Geiseln festgehalten werden oder wurden. Und am Ende spielt es keine Rolle, ob ich die Ermordeten oder Verschleppten persönlich kenne – sie sind meine Brüder und Schwestern, meine jüdische Familie.

Frage: In Deutschland gab es Reaktionen auf den Angriff. Auf mehreren propalästinensichen Demonstrationen wurden antisemitische Parolen gerufen, in Berlin wurde eine Synagoge angegriffen. Was ging in Ihnen vor, als Sie diese Bilder gesehen haben?

Antwort: Ich fand das einfach nur entsetzlich und sehr schmerzlich. Mir war schnell klar, dass Israel auf diesen Angriff reagieren wird und auch reagieren muss. Ich hatte sofort die Befürchtung, dass die Hamas diese Reaktion für sich nutzen wird und das Mitleid für Israel schnell verebbt. Und dann wird man Israel pauschal verurteilen und den Anlass vergessen. So ist es leider auch gekommen. 

Frage: Haben Sie persönliche Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland gemacht, und haben sich diese seit dem Angriff verstärkt?

Antwort: Ich habe bislang keine körperlichen Angriffe erlebt, dabei trage ich immer meinen Davidstern und bin also als Jüdin erkennbar. Mich begleitet ständig ein mulmiges Gefühl, dass etwas passieren könnte, aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Juden in Deutschland sicher sein können. Nach dem Angriff der Hamas gab es einen Vorfall. Die Mesusa (Anmerkung der Redaktion: längliche Kapsel mit Abschnitten aus der Tora, die am Türrahmen befestigt wird) am Eingangsbereich meiner Praxis wurde gewaltsam abgerissen.

Frage: Wie hat sich Ihr Alltag seit dem 7. Oktober verändert?

Antwort: Ich bin in Gedanken und im Herzen die ganze Zeit in Israel und bei den 125 Geiseln, darunter sind auch zwei Kinder. Es fühlt sich so an, als würde ich in einem Paralleluniversum leben, weil der Alltag der Nicht-Juden in Deutschland verständlicherweise einfach weitergeht und für mich ist das nicht möglich. Es gibt ein Davor und ein Danach - es hat sich in meiner Wahrnehmung alles verändert. Die Freilassung der Geiseln ist für mich zur Zeit das Wichtigste. Ich versuche immer wieder, darauf aufmerksam zu machen und trage regelmäßig ein T-Shirt, um eine sofortige Freilassung der Geiseln in Gaza zu fordern. Ich trage auch die Zahl der Tage seit der Verschleppung dieser Menschen auf einem Klebeband auf meiner Kleidung. Manchmal komme ich so mit Menschen über die Situation in Israel ins Gespräch und erlebe auch Unterstützung im persönlichen Umfeld, die gut tut.

Frage: Gibt es Dinge, die Sie heute nicht mehr machen, die Sie vor dem Angriff der Hamas noch gemacht hätten?

Antwort: Ich mache mir heute mehr Gedanken als früher. Aber ich will mich nicht von Angst leiten lassen und mache trotzdem weiter. Durch die letzten Monate bin ich mit dem Gefühl gegangen: Jeden Tag kann etwas passieren, das alles verändert. Wenn mich jemand auf der Straße niederschlägt – und das halte ich für möglich – werde ich vermutlich mein Verhalten ändern. Aber solange denke ich: Ich hoffe, dass mir heute nichts passiert.

Frage: Gibt es Momente der Ruhe in Ihrem Alltag?

Antwort: Es gelingt mir nicht, abzuschalten. Es ist ein Grauschleier über meinem Leben. Ich bin mit den Gedanken immer bei den Menschen in Israel, vor allem bei den Geiseln. Im April war ich zuletzt in Tel Aviv. Und ich war an den Orten, wo es passiert ist, ich habe die Fotos der ermordeten jungen Menschen auf dem Festival gesehen, ich habe die Angehörigen der Geiseln getroffen und gehört, deren unbändigen Schmerz gesehen. An jeder Ecke gibt es Hinweise auf die Geiseln. In Israel fühlen viele Menschen, was auch ich fühle, die Angst, den unglaublichen Schmerz. In Israel war meine innere Realität auch meine äußere Realität.

Frage: Fühlen Sie sich von der Politik und der Gesellschaft ausreichend unterstützt?

Antwort: Nein. Am Anfang gab es eine große Solidarität mit Israel, diese war aber leider nur von sehr kurzer Dauer. Es fällt vielen Menschen offenbar schwer, sich für Israel zu positionieren. Darüber bin ich nicht überrascht, aber sehr traurig. Ich wünsche mir vor allem Austausch und Gespräch mit anderen - auch um Pauschalisieren entgegenzutreten. Und ich denke, dass wir unsere Demokratie schätzen und schützen sollten - und uns immer wieder auf humanitäre Werte, wie Freiheit, respektvoller Umgang miteinander und Menschenwürde besinnen sollten. Frieden entsteht durch Kontakt, Kennenlernen, Reden und Zuhören – daran glaube ich – immer noch. Für mich ist die Freilassung der Geiseln das Wichtigste und deswegen die Forderung: Bring them home now. 

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