Vorsicht am Nordseestrand  Giftiger Meeresschaum – am besten nicht schlucken

| | 03.06.2024 11:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dass die Nordsee von einem Schaumteppich bedeckt ist, ist nicht ungewöhnlich: Er besteht aus den Hüllen abgestorbener Algen und riecht muffig-fischig und schweflig. Foto: Hanz
Dass die Nordsee von einem Schaumteppich bedeckt ist, ist nicht ungewöhnlich: Er besteht aus den Hüllen abgestorbener Algen und riecht muffig-fischig und schweflig. Foto: Hanz
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In Belgien, den Niederlanden und in Dänemark wird vor intensivem Kontakt mit Meeresschaum gewarnt. Auch an Deutschlands Nordseestränden ist der Schaum nichts Ungewöhnliches.

Nordsee - Sie sorgen dafür, dass in der Pfanne nichts anbrennt, dass Outdoorkleidung und -Schuhe wasserdicht sind. Sie machen Oberflächen wasser- und schmutzabweisend und schützen vor Flecken. Sie sind für besseren Klang in Gitarren- und Geigensaiten verantwortlich, sorgen dafür, dass Pizzakartons, Burgerverpackungen und Pommestüten nicht sofort vor Fett triefen, als Emulgatoren und Gleitmittel in Kosmetika für angenehme Konsistenz und als Bindemittel und Trägerstoff halten sie die Pigmente in der Farbe. Per- und polyfluorierte Chemikalien, so genannte PFAS, sind wahre Alleskönner. Und so sind sie in fast allem zu finden - auch dort, wo sie unerwünscht sind: Im Wasser, in Sedimenten, im Eis der Arktis und Antarktis, im Boden, in der Luft.

Gefährliche Chemie im Schaum

Und im Schaum, der regelmäßig auf der Nordsee große Teppiche bildet und sich an den Stränden Ostfrieslands und der Inseln aufbauscht, sind ebenfalls PFAS. Das ist zumindest nach Messungen in Belgien und den Niederlanden zu erwarten, die Ende 2023 publiziert wurden. Auch an Dänemarks Nordseeküste ist die Belastung von Schaum mit den so genannten Ewigkeitschemikalien längst bekannt. An der deutschen Nordseeküste wurde der Meerschaum allerdings bislang noch nicht untersucht. „Für Meeresschaum liegen dem NLWKN bisher keine Messergebnisse vor“, teilte Fabian Buß, Sprecher des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz in Norden, dieser Zeitung mit.

Die Algenblüte ist vorbei: An vielen Stellen der Nordsee hat sich ein dicker Schaumteppich gebildet, der mit Strom und Wind an die Strände getrieben wird. Foto: Hanz
Die Algenblüte ist vorbei: An vielen Stellen der Nordsee hat sich ein dicker Schaumteppich gebildet, der mit Strom und Wind an die Strände getrieben wird. Foto: Hanz

Nur nicht schlucken

In den Niederlanden und Belgien war die Aufregung über den „giftigen Schaum“ bei Veröffentlichung der Studien groß. Das Rijksinstituut voor Volksgezondheid (RIVM) des niederländischen Gesundheits-Ministeriums hat die Bürger für mögliche Gesundheitsgefahren sensibilisiert: Kinder und Haustiere sollten möglichst kein Meerwasser schlucken, Badeverbote in der Nordsee sind angedacht. Allerdings schränkt das RIVM ein: Es sei unklar, was das Vorhandensein der Chemikalien im Schaum „für die Gesundheit von … Schwimmern, Surfern oder Menschen, die am Strand spazieren gehen“, bedeute. Denn weiterführende Daten zur Risikoeinschätzung fehlen.

Die dänischen Behörden dagegen sehen Baden nicht als Problem. Sie warnen jedoch vor längerem Kontakt mit dem Meeresschaum: Man sollte danach die Haut gründlich mit sauberem Wasser waschen und auch Hunde, die durch den Schaum springen, gründlich abbrausen. Die Gefahr, dass Strandbesucher den Meeresschaum schlucken, wird in Dänemark wie auch in den Niederlanden als eher gering betrachtet.

Wie gefährlich sind PFAS?

Dass die unter dem Überbegriff PFAS zusammengefassten gut 10.000 chemischen Substanzen massiv schädliche für die menschliche Gesundheit und die Umwelt sind, ist seit Ende der 1990er Jahre bekannt. „Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Beständigkeit ist davon auszugehen, dass die Verbindungen Hunderte von Jahren in der Umwelt verbleiben. Sie wurden weltweit bei Menschen und Wildtieren nachgewiesen und werden über große Entfernungen in entlegene Regionen wie die Arktis und die Antarktis transportiert“, heißt es auf der Info-Seite zu PFAS des Helmholtz-Zentrums Hereon in Geesthacht. Die Experten des Instituts für Umweltchemie des Küstenraumes befassen sich seit Jahren intensiv mit den Ewigkeits-Chemikalien.

Wer überwacht die deutsche Nordsee?

Der NLWKN überwacht im Rahmen des Wasserrahmenrichtlinien(WRRL)-Monitorings die Oberflächengewässer Niedersachsens. Dabei werden alle sechs Jahre zwölf Monate lang 141 Messstellen auf prioritäre Stoffe beprobt. Prioritäre Stoffe sind Substanzen, die für Mensch und Umwelt so gefährlich sind, dass sie bereits verboten wurden oder dringend verboten werden sollten. Darunter fallen auch mehrere der über 10.000 Substanzen, die unter PFAS zusammengefasst sind. „Seit Mitte 2023 werden auch wieder an sieben Messstellen in niedersächsischen Küstengewässern monatlich Wasserproben entnommen und analysiert“, berichtet Buß mit Blick auf die erwartete Belastung der Küste mit PFAS.

Die Belastung der gesamten deutschen Nordsee mit PFAS hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mit Sitz in Hamburg im Blick. Dort werden Jahr für Jahr an mehr als 50 Stationen Wasser- und Sedimentproben entnommen.

Was hat es mit dem Schaum auf sich?

Dass die See schäumt und den Schaum an die Strände Ostfrieslands und der Inseln spült, wo er sich wie gelblichgrüner Eischaum zusammenballt und auftürmt, ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang an der Nordsee: Der Schaum ist Ergebnis der Algenblüte Mitte bis Ende Mai. Wenn die einzellige Alge Phaeocystis globosa nach der Blüte abstirbt, wird die Gelatineschicht der Alge durch die Wellenbewegung schaumig geschlagen. Der Organismus heißt deshalb auch Schaumalge.

Für den Menschen ist die Alge harmlos, auch wenn sie dafür sorgt, dass das Nordseewasser faulig-schwefelig und fischig riecht. Die Ursache für das vermehrte Auftreten von Algenblüten im Bereich der Küstengewässer liegt nach Auskunft des NLWKN eindeutig am hohen Nährstoffeintrag.

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