Neuer Kulturort in Weener  Drei Millionen für Herzensprojekt – Stadtbücherei und jüdisches Leben

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 22.05.2024 16:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wie in einem Wohnzimmer soll man sich in der Stadtbücherei fühlen. Ähnlich wie auf diesem Foto der Jugendbibliothek Düsseldorf. Symbolfoto: Michael Gstettenbauer/Bibliotheksverband
Wie in einem Wohnzimmer soll man sich in der Stadtbücherei fühlen. Ähnlich wie auf diesem Foto der Jugendbibliothek Düsseldorf. Symbolfoto: Michael Gstettenbauer/Bibliotheksverband
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Der Gebäudekomplex soll das Zuhause für die jüdische Geschichte und die neue Stadtbücherei in Weener werden. Inklusive Gaming, Lesecafé und Co..

Weener - Gegen das Verblassen: In Weener entsteht für rund drei Millionen Euro eine neue Stadtbücherei mit Begegnungsstätte. „Es geht um Wissen, Austausch, Begegnung, außerdem haben wir hiermit der Erinnerung ans jüdische Leben ein Zuhause gegeben“, erklärt Bürgermeister Heiko Abbas.

Albrecht Weinberg griff am Mittwoch auch zur Kelle. Foto: Vogt
Albrecht Weinberg griff am Mittwoch auch zur Kelle. Foto: Vogt

Welche Verbindung besteht zur jüdischen Geschichte?

An der heutigen Westerstraße gab es ab 1829 eine Synagoge und eine jüdische Schule (seit 1853 Israelitische Elementarschule). Wie in der Alemannia Judaica zu lesen ist, der „Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum“, gab es zwischen 1853 und 1925 sieben Lehrer an der Israelitischen Elementarschule. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Emden. „Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt, die jüdischen Einwohner verhaftet, ihre Wohnungen verwüstet und die Wertsachen beschlagnahmt.“ Mitte 1939 wohnten noch 42 jüdische Menschen in der Stadt. „Die meisten von ihnen wurden im Februar 1940 evakuiert.“

Archäologiestudenten aus Göttingen machten eine Lehrgrabung auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge in Weener. Foto: Gettkowski/Archiv
Archäologiestudenten aus Göttingen machten eine Lehrgrabung auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge in Weener. Foto: Gettkowski/Archiv

Bücherei und Begegnungszentrum entstehen „auf den Grundmauern der jüdischen Synagoge“, erklärte Abbas bei der Grundsteinlegung. Tobias Jona Simon, Rabbiner des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, trug einen Psalm und einen Segensspruch vor, Holocaust-Überlebender Albrecht Weinberg assistierte bei der Grundsteinlegung.

Eine Menora an der Hauswand erinnert an den früheren Standort der Synagoge in Weener. Foto: Gettkowski/Archiv
Eine Menora an der Hauswand erinnert an den früheren Standort der Synagoge in Weener. Foto: Gettkowski/Archiv
In die Planungen eingebunden waren und sind der Arbeitskreis Synagogenbrand und der Arbeitskreis Stolpersteine aus Weener, auch der verstorbene Fritz Wessels, „der Motor“ der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte habe in 40 Jahren Engagement viel beigetragen: Der Plan sieht vor, dass man über eine Art Zeitstrahl in den Bereich der ehemaligen Bank-Filiale gehen kann. Bis 1887 befand sich dort das Lehrer- und Rabbinerhaus. Eine Ausstellung mit mobilen Vitrinen soll sich dort anschließen. Auch Veranstaltungen sollen dort möglich sein.

Wieso braucht es eine neue Stadtbücherei?

Es wird eine Verbindung zur neuen Stadtbücherei geben. Räumlich, aber auch inhaltlich. Denn neben der Ausstellung soll es unter anderem Bücher zur jüdischen Geschichte geben. Das Konzept für die Bücherei wurde 2015 entwickelt und nach Möglichkeit in den bisherigen Räumen schon umgesetzt. Mit dem Neubau gibt es allerdings weitaus mehr Möglichkeiten. „In der Bücherei soll man sich fühlen wie in einem großen Wohnzimmer“, umriss Abbas.

Einen Gaming-Bereich ähnlich wie dieser in der Stadt- und Schulbücherei Lauenburg ist auch in Weener geplant. Symbolfoto: Max Müller/Deutscher Bibliotheksverband
Einen Gaming-Bereich ähnlich wie dieser in der Stadt- und Schulbücherei Lauenburg ist auch in Weener geplant. Symbolfoto: Max Müller/Deutscher Bibliotheksverband
Die Bibliothek solle ein sogenannter „Dritter Ort“ sein. Im Zuge der Digitalisierung und des Verlusts ihres Informationsmonopols entwickelten Bibliotheken sich weg von der reinen Medienausleihe, schreibt auch der Deutsche Bibliotheksverband. Hin zu „einem lebendigen Erlebnisraum mit hoher Aufenthaltsqualität und vielfältigen Möglichkeiten, sich auszutauschen und weiterzubilden.“ Dritter Ort nenne man dies, neben dem Zuhause (Erster Ort) und dem Arbeitsplatz (Zweiter Ort) als weiterer Sozialraum: Neutral, inklusiv.

Dabei sei es nicht vergleichbar mit dem Familienzentrum in Bunde, das vielen Rheiderländern ein Begriff sein dürfte. Dort nutzen viele Gruppen, Vereine und andere Anbieter die Räumlichkeiten. „Das würde den Rahmen der Räume und des Konzeptes sprengen“, sagt Abbas. Was allerdings nicht heißt, dass wenig angeboten würde.

Was kommt in die Räume?

Unter anderem soll es eine Gaming-Area geben, eine Medienwerkstatt, ein Repair-Café, einen Bibliotheksgarten und -café und ein digitales, analoges und interaktives Veranstaltungsprogramm, heißt es in der Präsentation, die die Verwaltung im Kulturausschuss vorstellte.

Einen Maker-Space ähnlich wie dieser ist auch in der neuen Stadtbücherei in Weener geplant. Symbolfoto: Nadja Wohlleben/Deutscher Bibliotheksverband
Einen Maker-Space ähnlich wie dieser ist auch in der neuen Stadtbücherei in Weener geplant. Symbolfoto: Nadja Wohlleben/Deutscher Bibliotheksverband
Im Erdgeschoss soll es für die jungen Besucherinnen und Besucher unter anderem das „Auenland“ geben. Das Auenland ist eine Region von J. R. R. Tolkiens fiktionalem Mittelerde, die in „Der Herr der Ringe“ und anderen Werken beschrieben wird. Durch eine Tür könnten die jungen Besucherinnen und Besucher der Stadtbücherei in diesen Raum eintauchen. Außerdem ist ein Studierzimmer und ein Leseraum geplant. Im Obergeschoss soll unter anderem der Gaming-Bereich eingerichtet werden.

Für welche Zielgruppe ist das Angebot?

„Im Mittelpunkt stehen Kinder und Jugendliche“, sagt Bürgermeister Heiko Abbas. Es geht um Leseförderung, Sprachförderung, die Schulung im Umgang mit Medien. Das betreffe allerdings nicht nur junge Nutzer.

Die Ausmaße des Gebäudes lassen sich schon jetzt erahnen. Foto: Vogt
Die Ausmaße des Gebäudes lassen sich schon jetzt erahnen. Foto: Vogt
Auch für ältere Besucher soll es verschiedene Angebote geben, um sie beim Umgang zum Beispiel mit E-Book-Readern zu unterstützen. Es gehe ebenfalls darum, für diejenigen, die im Alter allein leben, Angebote zu schaffen: Lesecafé, Lesefrühstück, Buchvorstellungen, oder Vorträge.

Beispielsweise hätten in der Stadtbücherei, wie im Konzept zu lesen ist, „alle Zugezogenen, die meistens nicht fest in den Vereinen und Kirchengemeinden eingebunden sind, hier eine zwanglose Möglichkeit Menschen aus Weener zu treffen. Das Wichtigste ist, dass man in Weener einen Aufenthaltsraum für die Bürger anbietet, indem man kein Geld benötigt und trotzdem herzlich willkommen ist.“

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