Berlin Aiman Mazyek beklagt Rassismus gegen Muslime und Doppelmoral in Deutschland
Aiman Mazyek ist eines der bekanntesten Gesichter des Islam in Deutschland. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime hat Zweifel, ob mancher Demokrat das Grundgesetz noch achtet. Ein Interview über den Islam und die Demokratie.
Wenn er im Juni sein Amt abgibt, wird Aiman Mazyek fast 14 Jahre Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland gewesen sein. Sein Fazit fällt durchwachsen aus. Der Sohn eines Syrers und einer Deutschen gilt vielen in der Politik als Vertreter eines moderaten Islam und wichtiger Ansprechpartner bei der Integration und Glaubensfragen der fünf Millionen Muslime in Deutschland. Unumstritten war er nie.
Dem Zentralrat wurde verschiedentlich eine Nähe zu extremen Vereinigungen vorgeworfen. Mazyek selbst trat kontroverse Debatten los, etwa 2011, als er erklärte, die islamischen Gesetze der Scharia seien mit der Demokratie vereinbar. Wir haben mit ihm über 75 Jahre Grundgesetz und die Kalifat-Demos in Hamburg gesprochen:
Frage: Herr Mazyek, was verbinden Sie mit dem Grundgesetz, das an diesem 23. Mai 75 Jahre alt wird?
Antwort: Es müsste eigentlich ein absoluter Exportschlager sein. Viele Menschen in der Welt können uns darum nur beneiden. Ich hoffe, dass alle Deutschen wissen, was sie an diesem wunderbaren Grundgesetz haben. Aber ich habe manchmal meine Zweifel, ob Einheimische verstehen, was es bedeutet. Dass die Würde des Menschen für jeden gilt, dass es den Schutz von Minderheiten und die Religionsfreiheit vorsieht. Es steht nicht nur auf dem Papier, sondern muss auch immer wieder neu verteidigt und gelebt werden.
Frage: Mehr als 1000 Muslime demonstrierten in Hamburg für ein Kalifat und bezeichnen Deutschland als Wertediktatur. Ist diese Bewegung eine Gefahr für die Demokratie?
Antwort: Mich beunruhigt jede Form von Extremismus. Wir können solchen ideologischen Unsinn, der theologisch noch dazu abwegig ist, aushalten, aber wir dürfen dazu nicht schweigen, denn dann würden wir sie den Verführern überlassen. Zudem beschreiben Demagogen etwas Reales, Richtiges: Die Stimmung gegen Minderheiten, Muslime, der friedliche Zusammenhalt ist tatsächlich in Gefahr in unserem Land...
Frage: Was meinen Sie damit?
Antwort: Viele Muslime sind immer stärker antimuslimischem Rassismus ausgesetzt. Sie sehen in Bezug auf Menschenrechte und das Völkerrecht eine Doppelmoral. Sie erleben Ausgrenzung und Rassismus in ihrem Alltag. Darüber müssen wir reden. Wenn wir das verschweigen, treiben wir junge Leute in die Arme der Extremisten. Das ist der eigentliche Nährboden vieler, die sich hierzulande diskriminiert sehen.
Antwort: Die Demos haben erneut Zweifel daran geweckt, ob der Islam und die liberale Demokratie grundsätzlich vereinbar sind. Was meinen Sie?
Antwort: Zweifel besteht aus meiner Sicht lediglich, ob mancher Demokrat noch mit den Beinen auf dem Grundgesetz steht. Sehen Sie, unser uneingeschränktes Bekenntnis und Solidarität zur Demokratie, zum Grundgesetz, zur Freiheit und freiheitlichen Grundordnung beinhalten ebenso die Kenntlichmachung von Fehlentwicklungen und Versäumnissen sowie Doppelstandards, die nichts mit der Demokratie an sich zu tun haben, sondern mit den Menschen und Akteuren innerhalb der Demokratie, die keinesfalls unfehlbar sind.
Frage: Die Erfahrung von Lehrerinnen zeigt, dass fundamentale Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, insbesondere von Flüchtlingen aus muslimisch geprägten Ländern nicht akzeptiert werden. Wie ist mit solchen Problemen ganz konkret im Alltag umzugehen?
Antwort: Ich kann mich solchen Pauschalurteilen nicht viel anfangen. Aus mangelndem Wissen über den Islam vertreten vielleicht manche Schüler die Ansicht, Frauen und Männer seien nicht gleichberechtigt. Viele flüchten sich in eine Pseudo-Identität als Moslem, die zum Widerspruch mit dem Schulalltag steht. Es ist ein soziologisches und kein religiöses Problem. Am besten ist es in solchen Fällen, das Gespräch mit den Eltern zu suchen oder vielleicht auch eine muslimische Lehrerin hinzuzuziehen, die ganz schnell dem Macho-Gehabe Einhalt gebieten kann und zudem ihm dies auch ethisch ankreidet. In den meisten Fällen kann man mit Gesprächen sehr viel erreichen.
Frage: Die CDU schreibt in ihrem neuen Grundsatzprogramm dass ein Islam, „der unsere Werte nicht teilt und unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnt, nicht zu Deutschland gehört“. Was stört Sie daran?
Antwort: Es bleibt diskriminierend und rassistisch, weil eine bestimmte Gruppe markiert wird, die sich insbesondere zu den Werten des Grundgesetzes mutmaßlich erklären soll. Warum? Wenn alle religiösen Gemeinschaften und Weltanschauungen angesprochen würden, wäre ich dabei, aber das hat das Programm wohl kaum vorgehabt. Die Stereotypisierung vom „dem Muslim“ wird so weiter genährt und Ressentiments bedient.
Frage: Sie sind eines der bekanntesten Gesichter der Muslime in Deutschland und hören im Juni auf. Was haben Sie erreicht, was noch nicht?
Antwort: Das sollen am besten andere beurteilen. Ich bin froh, dass ich die vielen Jahre einigermaßen unfallfrei im Amt überstanden habe. Ich hätte mir gewünscht, dass wir im Jahr 2024 etwas weniger schrill über den Islam sprechen. Auch bei der staatlichen Anerkennung muslimischer Strukturen haben wir noch viele offenen Baustellen.