Lingen  ANF-Geschäftsführer Hoff: Keine russischen Fachkräfte der Tvel auf Gelände benötigt

Nina Kallmeier, Lucas Wiegelmann, Wilfried Roggendorf
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Von Nina Kallmeier, Lucas Wiegelmann, Wilfried Roggendorf
| 22.05.2024 09:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf dem Werksgelände von ANF in Lingen werden weder jetzt noch künftig russische Fachkräfte nötig sein. Das sagt AFN-Geschäftsführer Andreas Hoff. Foto: Lars Penning/dpa
Auf dem Werksgelände von ANF in Lingen werden weder jetzt noch künftig russische Fachkräfte nötig sein. Das sagt AFN-Geschäftsführer Andreas Hoff. Foto: Lars Penning/dpa
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Anders als ursprünglich geplant, bedarf es für den Umbau der Brennelementefertigung in Lingen keine Mitarbeiter des russischen Atomunternehmens Tvel auf dem Werksgelände. Das hat ANF mitgeteilt. Sind damit Sicherheitsbedenken ausgeräumt?

Russische Ingenieure in der Brennelementefabrik in Lingen – in einer Zeit, in der Russland einen Angriffskrieg in der Ukraine führt? Für viele ist dies unvorstellbar. Bis vor kurzem war das jedoch in einem begrenzten Umfang noch der Plan von Betreiber ANF, um die Fertigung von sechseckigen Brennelementen für Reaktoren russischer Bauart aufbauen zu können – nicht aber für den Betrieb.

Denn damit ANF in Lingen diese Art der Brennelemente fertigen kann, braucht das Unternehmen Know-how des russischen Atomunternehmens Tvel – eine 100-prozentige Tochtergesellschaft des russischen Staatskonzerns Rosatom. Dieses bringt Tvel im Rahmen eines Joint Ventures – European Hexagonal Fuels SAS (EHF) – mit dem französischen Mutterkonzern der ANF, Framatome, ein. „Das Joint Venture EHF stellt die Komponenten und Maschinen zur Verfügung, damit wir die hexagonalen WWER-Brennelemente in Lingen exakt nachbauen können“, sagt ANF-Geschäftsführer Andreas Hoff.

Von diesen Plänen hat ANF nun Abstand genommen und einen Plan B umgesetzt: „Einige Mitarbeiter der Tvel waren im April im Raum Lingen – an einem abgelegenen Ort, einige Kilometer vom Produktionsstandort der ANF entfernt und damit völlig getrennt von unserem Werk“, betont Hoff.

Die Mitarbeiter hätten in einer Halle außerhalb des ANF-Werksgeländes zusammen mit ANF-Mitarbeitern die Maschinen aufgebaut und sogenannte Kalttests durchgeführt. „Selbstverständlich ohne Uran“, betont Hoff. Auch eine erste Abnahme sei gemacht worden. „Damit ist es weder jetzt noch in Zukunft notwendig, dass Fachpersonal der Tvel Zugang zum Werksgelände erhält.”

Sind damit Sicherheitsbedenken ausgeräumt, die das Mitwirken des russischen Atomunternehmens Tvel ausgelöst haben? Bei ANF sieht man das so. „Aus unserer Sicht wurden die Sicherheitsbedenken mit dem neuen Plan berücksichtigt”, sagt Hoff.

Auch mit Blick auf mögliche Spionage versucht ANF zu beschwichtigen. „Es gab nie eine gemeinsame IT-Infrastruktur mit dem Joint Venture und es wird sie auch nicht geben. ANF ist völlig unabhängig von EHF. Und wir sind ein Business, das ohnehin extrem hohe Anforderungen an die IT-Sicherheit hat”, so Hoff.

Im niedersächsischen Umweltministerium ist man mit Blick auf die Sicherheitsbedenken skeptischer. „Natürlich stellen sich auch bei der vorbereitenden Tätigkeit von Mitarbeitern russischer Atomkonzerne, zum Beispiel bei Schulungen von Mitarbeitern der ANF außerhalb des Betriebsgeländes, Fragen zur möglichen Gefährdung der inneren und äußeren Sicherheit“, teilt das Ministerium mit.

Und weiter: „Umweltminister Christian Meyer hält es für sehr bedenklich, wenn ANF, bevor eine Genehmigung erteilt wird, jetzt bereits ihre Mitarbeiter von russischen Atomkonzernen schulen lässt.“ Ähnlich sehen es auch Atomkraftgegner und werfen ANF vor, mit dem Ausbau der Fabrik zu beginnen, bevor eine Genehmigung vorliegt. Hoff hält dagegen und betont: „Ohne Genehmigung werden die wenigen zusätzlichen Anlagen für die Fertigung von WWER-Brennelementen nicht im Werk installiert.“

Die zuständigen Sicherheitsbehörden in Land und Bund seien über diese Aktivitäten des russischen Konzerns informiert worden, informiert das niedersächsische Umweltministerium weiter. Die seien zu Maßnahmen zur Abwehr von Spionage- beziehungsweise Sabotage oder zum Anwerben von Mitarbeitern für sensible Bereiche zuständig.

Dass sicherheitspolitische Fragen im Genehmigungsprozess durchaus Relevanz haben können, betont auch der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Jan-Niclas Gesenhues.

Letztlich sei es ein Genehmigungsverfahren, wo nach geltendem Recht zu entscheiden sei, sagt er.

Auch ANF-Geschäftsführer Hoff geht von einem rechtsstaatlichen Verfahren aus. „Und wir sind überzeugt, dass wir alle Genehmigungsvoraussetzungen erfüllt haben. Derzeit sind wir zuversichtlich, dass wir die Genehmigung erhalten werden, um so schnell möglich WWER-Brennelemente herstellen zu können – wie von unseren europäischen WWER-Kunden gefordert.“ In der zweiten Jahreshälfte 2025 soll derzeit geliefert werden. Wenn die Genehmigung vorliegt.

Ob das klappt? Für die zweite Jahreshälfte 2024 hat das niedersächsische Umweltministerium derzeit einen Erörterungstermin für die mehr als 10.000 Einwendungen der Öffentlichkeitsbeteiligung vor Ort in Lingen vorgesehen. Diese würden sich insbesondere um die russische Beteiligung drehen, heißt es aus dem Ministerium. 

Zu möglichen Verzögerungen sagt Staatssekretär Gesenhues: „Es ist die Entscheidung des Unternehmens, in einer so schweren außenpolitischen Lage mit Inputs aus Russland diesen Auftrag zu bearbeiten. Ich finde, dass die Bürgerinnen und Bürger einen Anspruch darauf haben, dass vernünftig geprüft wird. Da geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit.“

Bei Framatome bleibt man indes von dem Projekt überzeugt – trotz Gegenwind der Atomkraftgegner und aus der Politik. „Wir glauben weiterhin an das Projekt und seinen Nutzen für Europa“, sagt Mario Leberig, Vice President Framatome und zuständig für das Brennelementegeschäft in Deutschland.

Sie seien auf Framatome zugekommen. „Die Produktion in Lingen hat für sie einen Wert.“ Wenn dem Antrag auf Änderung der Betriebserlaubnis nicht stattgegeben würde, sei das eine verpasste Chance für den Standort Lingen, so Leberig weiter. Gleichzeitig betont er: „ANF ist und bleibt ein wichtiger Standort der Framatome.“

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