Osnabrück Schön und morbide: Emden feiert das stille Fest des Stilllebens
Heute noch schön, morgen schon vergangen: Stillleben feiern Feste der Vergänglichkeit, Bild für Bild. Die Kunsthalle Emden zeigt jetzt 80 Stillleben. Eines berührt ganz besonders intensiv.
Er sieht so perfekt aus in seiner Schönheit. Rot und prall hängt er da, der Granatapfel. Aber dann trifft ihn die Kugel. Die Frucht bricht auf, zerplatzt, lässt Saftspritzer wie Blutstropfen regnen. Alles in Super Slow Motion. Der Tod der Frucht, er spielt sich vor unseren Augen ab wie ein Daseinsdrama im Kleinen. Ori Gersht inszeniert in seinem Video „Pomegranate“ von 2006 die Schönheit im Sterben, hüllt die Trauer über die Vergänglichkeit in Bilder, die betören.
Dieses Video ist perfekt gemacht. Es zitiert zugleich eine Bildgattung, die es seit Jahrhunderten gibt: das Stillleben. Die Kunsthalle Emden arrangiert gleich 80 Beispiele dieser Kunst in ihrer neuen Sommerausstellung. „Die Schönheit der Dinge“: Das klingt nach stiller Kontemplation. In Wirklichkeit sorgt diese Präsentation aber für untergründige Spannung. Es geht um Kürze des Lebens und Konsumkritik, um den äußeren Glanz der Dinge und ihre unvermeidbare Vergänglichkeit.
Der Fotokünstler Matthias Langer liefert ein besonders eindringliches Beispiel für den existenziellen Ernst des Stilllebens. Er hat Kerzen über Stunden abbrennen lassen und diesen Prozess in Langzeitbelichtungen fotografiert. Das Ergebnis sind Bilder von einer schimmernden Schönheit, die das Kerzenlicht wie eine Lichtsäule zeigen, die von innen heraus leuchtet. „Meine Mutter liebte Kerzen“, erzählt der aus Varel bei Wilhelmshaven stammende Fotokünstler. Seine Kerzenbilder sind erst als stille Hommage an das Lebensende der Mutter voll verstanden. Jedes dieser Fotos ist ästhetisch bestechend und menschlich berührend zugleich.
Lisa Felicitas Mattheis, wissenschaftliche Direktorin der Kunsthalle Emden, organisiert die Schau als Promenade durch Stilrichtungen der Kunstgeschichte und setzt zugleich klare thematische und visuelle Schwerpunkte. Einer gilt dem Maler Franz Radziwill (1895-1983), der in Dangast bei Wilhelmshaven lebte und arbeitete und im Norden einen gar nicht so geheimen Kultstatus genießt. Radziwill hat ein ganzes Künstlerleben lang Stillleben gemalt, als geheime Versammlung der Dinge und als hermetische Welt, die gegen politische Turbulenzen wie abgeschirmt erscheint.
Radziwill kontrastiert in seinen Bildräumen immer wieder das Drinnen und das Draußen, die Enge der Binnenwelt und die Weite der Landschaft. Die Magie dieser Bilder speist sich aus der Malweise Radziwills. Sein Fotorealismus verleiht noch dem einfachsten Topf und der unscheinbarsten Vase die magische Aura eines Objekts, das still sein Geheimnis wahrt. In der Welt des Stilllebens ist Kontrolle noch möglich. In der chaotischen Umwelt entgleitet sie. Auf dieser heiklen Grenze operiert Radziwill mit jedem dieser intimen Bilder.
Auch wenn viele Stillleben-Maler dem stillen Sterben der vergänglichen Dinge zugeschaut haben, so sehr erstaunt die Vitalität dieser Bildgattung des Morbiden. Im Goldenen Jahrhundert der Niederlande, also im 17. Jahrhundert, gewinnt das Stillleben seine Kontur. Ob Jagdstück oder Obstbild – das Stillleben findet viele Bewunderer, Liebhaber und vor allem Käufer. Was Maler damals entwickeln, spielt auch heute noch eine wichtige Rolle in der Kunst. Es geht um die stille Reflexion der Endlichkeit, den ebenso zauberhaften wie bedrückenden Kontrast von Tod und Schönheit.
In Emden werden große Namen in Serie aufgefahren. Von Expressionismus bis Pop, von August Macke bis Roy Lichtenstein reicht der Bogen allemal. Erstaunlich vor allem, wie vital das Stillleben gerade in der Moderne bleibt. Kuratorin Lisa Felicitas Mattheis sieht gerade diese Bildgattung im Zentrum der Moderne, als Medium einer immer wieder sensiblen Erforschung des Stellenwertes der künstlerischen Existenz und ihrer Umwelten. Auch Künstler der Gegenwart produzieren weiter Stillleben und zitieren dabei die weit zurückliegende Epoche der alten Meister.
Gerade die Neue Sachlichkeit der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erweist sich als große Zeit des Stilllebens. Hanns Ludwig Katz etwa verstellt den Bildraum seines Gemäldes von 1930 mit seinem riesigen Goldfischglas. Das Objekt einer zurückgezogenen bürgerlichen Existenz wirkt fast wie eine Barriere, die den Bildraum gegen die Welt draußen abschirmt. Das Glas bannt mit seinem magischen Schimmer die Fische und ihre Lebendigkeit. Es wirkt selbst wie ein Symbol einer Bildgattung, die in schön gemalten Motiven das Leben selbst zu bannen sucht.
Die Malerin Marta Hoepffner nennt ihr Bild von 1945 gleich „Drinnen und Draußen“. Auf dem Bild konfrontiert sie die blühende Blume im Topf mit dem abgestorbenen Baum vor dem Fenster: das Stillleben als Chiffre des inneren Exils während der Zeit des Nationalsozialismus. So ist ein Bild zu lesen, das selbst wie eine Barriere wirkt. Die geordnete Welt der Bildmotive schützt vor dem Chaos, das außerhalb der Kunst wartet.
Die Emder Schau überzeugt gerade mit jenen Arbeiten, die das Fortwirken des Stilllebens in der Kunst der Gegenwart bezeugen. Kai Fischer treibt das Spiel auf die witzig-ironische Spitze mit einem wandfüllenden Bild, das einen Kassenzettel im Riesenformat täuschend echt nachahmt. Der Kassenzettel weist einen Blumenkauf aus – und datiert vom 7. Februar 1637. Die Blumensorten, die da aufgeführt sind, wurden damals teuer gehandelt. Eine Tulpenzwiebel kostete so viel wie der Lebensunterhalt einer Familie in einem halben Jahr. Das Bild steckt voll solcher Anspielungen auf die Geschichte des Stilllebens. Und da sage noch einer, das man Kassenzettel einfach so wegwerfen soll.
Auch Luzia Simons liefert einen richtigen Hingucker ab. Ihr Fotoabzug präsentiert Blütenpracht im Riesenformat. Die abgetrennten Blüten leuchten noch lebensprall, sind aber dem Verwelken schon anheim gegeben. Im Stillleben zeigt sich das Leben in seinen berührenden Kipp-Punkten zwischen Blühen und Vergehen. Beglückend und berührend ist diese ganze Schau in der Kunsthalle Emden, auch wenn manch großer Name fehlt. Cézanne, Picasso, Morandi – nicht nur sie hätten diesen Überblick über das Genre des Stilllebens bestens komplettiert.
Emden, Kunsthalle: Die Schönheit der Dinge. Stillleben von 1900 bis heute. 18. Mai bis 10. November 2024. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr.