Osnabrück  Konzerne bauen massiv Stellen ab: Rücken Lohnerhöhungen damit in weite Ferne, Herr Fuest?

Hannah Petersohn
|
Von Hannah Petersohn
| 18.05.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) Clemens Fuest über Lohnverhandlungen in Zeiten von Jobkahlschlag und schwachem Wirtschaftswachstum. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) Clemens Fuest über Lohnverhandlungen in Zeiten von Jobkahlschlag und schwachem Wirtschaftswachstum. Foto: dpa/Kay Nietfeld
Artikel teilen:

Wandelt sich angesichts zunehmender Jobkahlschläge der Arbeitnehmermarkt hin zum Arbeitgebermarkt? Ifo-Chef Clemens Fuest erklärt, ob der Fachkräftemangel weiterhin ein Problem bleibt und welchen Effekt der Stellenabbau auf die Löhne hat.

Immer mehr Unternehmen streichen Stellen, die Meldungen über Jobkahlschläge reißen nicht ab. Ist der Fachkräftemangel damit passé? Und findet die neue Macht der Arbeitnehmer schon bald wieder ein jähes Ende? Ob der Stellenabbau auch einen Effekt auf Gehaltsverhandlungen hat und eine 40-Stunden-Woche für alle gelten sollte, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, erklärt Ifo-Präsident Clemens Fuest im Gespräch mit unserer Redaktion.

Frage: Kein Tag vergeht, ohne dass ein Unternehmen einen Stellenabbau ankündigt. Gehört der Fachkräftemangel also bald der Vergangenheit an? 

Antwort: Nein, die Fachkräfteknappheit bleibt uns erhalten. Dass es immer auch Unternehmen gibt, die Arbeitsplätze abbauen, gehört zum normalen Strukturwandel. Derzeit haben vor allem die energieintensiven Branchen Schwierigkeiten, deshalb bauen sie Arbeitsplätze ab. Da das oft gut bezahlte Jobs sind, sollte man das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Trotzdem: Für einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit spricht derzeit nichts.

Frage: Warum ändert das nichts an dem Fachkräftemangel?

Antwort: Weil in den kommenden Jahren die Generation der Babyboomer in Rente geht und deutlich weniger junge Menschen nachkommen. Der demografische Wandel und der allgemeine Trend zu mehr Teilzeitbeschäftigung werden dafür sorgen, dass das Angebot an Arbeitskraft in Deutschland sinkt. Politik und Gesellschaft können Maßnahmen ergreifen, um die Schrumpfung des Arbeitsangebotes zu lindern, ganz zu vermeiden ist sie nicht.

Frage: Also wandelt sich der Arbeitnehmermarkt nicht hin zu einem Arbeitgebermarkt?

Antwort: Nein, es wird bei einem Arbeitnehmermarkt bleiben. Die Unternehmen und die öffentlichen Arbeitgeber werden sich einiges einfallen lassen müssen, um am Arbeitsmarkt zu bestehen und die richtigen Beschäftigten an sich zu binden. Dieser Konkurrenzdruck wird wachsen.

Frage: Welchen Effekt wird der grassierende Stellenabbau auf Gehaltsverhandlungen haben?  

Antwort: Insgesamt wird der Druck, Löhne zu erhöhen, eher noch zunehmen, weil Arbeitskräfte immer knapper werden. In den Unternehmen, die Arbeitskräfte abbauen, wird es sicher zu einem lohndämpfenden Effekt kommen, aber flächendeckend geht es eher in die andere Richtung. 

Frage: Wenn die Arbeitslosenquote doch steigen sollte: Könnte das dringend notwendige Wirtschaftsreformen endlich Auftrieb geben?

Antwort: Eine krisenhaft steigende Arbeitslosigkeit ist trotz der Entlassungen in einzelnen Unternehmen nicht in Sicht. Druck zu Reformen dürfte eher dadurch entstehen, dass die Einkommen nur sehr langsam wachsen. Falls mittelfristig Sozialversicherungsbeiträge und Steuern erhöht werden, um die Renten, die Gesundheitsversorgung und die Pflege einer wachsenden Zahl älterer Menschen zu finanzieren, werden vor allem die Nettoeinkommen stagnieren. Das wird es erschweren, junge Menschen zu motivieren, zu arbeiten.

Frage: Welche Wirtschaftsreformen braucht es kurz- und langfristig betrachtet ganz besonders?

Antwort: Am Arbeitsmarkt geht es darum, die Bedingungen so zu verändern, dass Menschen bereit sind, mehr zu arbeiten. In unserem Transfersystem einschließlich Bürgergeld und Wohngeld gibt es Fehlentwicklungen, die dazu führen, dass es sich für viele Menschen in den unteren und mittleren Einkommensbereichen kaum lohnt, zu arbeiten. Die Rente ab 63 schafft ebenfalls Anreize, weniger zu arbeiten. Viele Eltern arbeiten nur in Teilzeit, weil es immer noch an Kinderbetreuung fehlt. Deutschland könnte deutlich mehr tun, um ausländische Arbeitskräfte ins Land zu bringen. Natürlich brauchen wir auch auf anderen Gebieten Reformen: Wir haben in den letzten Jahren viel unsinnige Bürokratie aufgebaut, etwa im Kontext der Bemühungen um nachhaltiges Wirtschaften, das sollte korrigiert werden. Die Steuern in Deutschland sind so hoch, dass viele Investoren lieber ins Ausland gehen.  Wir könnten mehr für eine gute Infrastruktur und für Forschung und Entwicklung tun.  

Frage: Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher kritisiert, dass in den vergangenen 80 Jahren einer jungen Generation nie so viele Probleme und Krisen vererbt worden seien wie aktuell. Wie sehen Sie das?

Antwort: Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Keine Generation vorher war so gut ausgebildet wie die aktuelle, keine verfügt über so viel Wohlstand, keine Generation zuvor hatte so gute Arbeitsmarktperspektiven und ist so wenig von Arbeitslosigkeit bedroht. Ja, es gibt Herausforderungen wie den Klimaschutz, die Staatsverschuldung oder Nachholbedarf bei der Infrastruktur, aber man muss das Gesamtbild sehen. 

Frage: Welche Folgen für die Wirtschaft prognostizieren Sie angesichts der Zustimmung für rechtspopulistische Parteien gerade innerhalb der jüngeren Wählerschaft?

Antwort: Schädlich für die Wirtschaft ist insbesondere eine Atmosphäre der Fremdenfeindlichkeit, die von rechtspopulistischen Parteien verbreitet wird. Problematisch wäre darüber hinaus eine Regierungsbeteiligung von Parteien, deren Treue zum Grundgesetz infrage steht. Wenn Unternehmen derartige Standorte meiden können, werden sie das tun.

Frage: Was müsste seitens der Wirtschaft und Politik getan werden, um das demokratische Gefüge zu schützen?

Antwort: Man sollte meines Erachtens vor allem mit den Gruppen im Gespräch bleiben, die mit rechts- oder linksradikalen Parteien sympathisieren, aber nicht ganz und gar ideologisch verhärtet sind. Gewalt und Hetze dürfen nicht toleriert werden, sie müssen mit allen Mitteln bekämpft werden, die der Rechtsstaat bietet.

Frage: Deutschland liegt international bei den Investitionen am unteren Ende der Skala. Um öffentliche Investitionen anzukurbeln, könnte Deutschland doch ein Aussetzen der Schuldenbremse in Betracht ziehen?

Antwort: Mehr Raum für Verschuldung zu eröffnen, führt nicht automatisch zu mehr öffentlichen Investitionen. Das Problem besteht darin, dass die Politik Konsum gegenüber Investitionen priorisiert. Eine Lockerung der Schuldenbremse würde mehr Konsum auf Pump nach sich ziehen. Die Schuldenbremse ist nicht perfekt, aber sie hat sich meines Erachtens bewährt. Statt sie zu reformieren, sollten Regierung und Opposition sich zusammensetzen und zwei Dinge tun. Erstens konsumtive Ausgaben im Bundeshaushalt (Ausgaben, die im laufenden Haushaltsjahr von Nutzen sein sollen, Anm. d. Red.) kürzen und die Mittel in Investitionen umschichten. Wenn das geschafft ist, könnte man in einem Sondervermögen ergänzend Schulden aufnehmen. Die Mittel könnten in Investitionen für Digitalisierung, Infrastruktur und Dekarbonisierung fließen. Wir sollten außerdem nicht vergessen, dass knapp neunzig Prozent aller Investitionen private Investitionen sind. Hier müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden.

Frage: Das Rentenpaket II wäre das „teuerste Sozialgesetz des Jahrhunderts“, bemängeln Kritiker. Aktuell steht die Reform auf der Kippe. Woran krankt aus Ihrer Sicht das Rentenpaket?

Antwort: Das Rentenpaket ist ein Beispiel dafür, dass die Politik in großem Umfang Geld für sozialstaatliche Zwecke ausgibt und dann beklagt, dass Mittel für Investitionen fehlen. Kernproblem des Rentenpakets II ist, dass es das Rentenniveau bei 48 Prozent stabilisieren will, aber unklar ist, wie das finanziert werden soll. Die anstehende Pensionierungswelle führt zu hohen Belastungen für die Rentenversicherung, und die Politik verweigert die Befassung mit der Frage, wie diese Lasten bewältigt werden sollen, vermutlich weil damit unpopuläre Entscheidungen verbunden sind. 

Frage: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hält das Recht auf Teilzeit für einen Fehler, er fordert eine 40-Stunden-Woche für alle. Eine gute Idee?

Antwort: Darauf hinzuweisen, dass sinkende Arbeitszeiten das Problem der Arbeitskräfteknappheit verschärfen, ist sicherlich richtig. Eine 40-Stunden-Woche für alle wäre allerdings zu rigide und unflexibel, um das Problem zu lösen, und so rigide hat Herr Kretschmer das sicherlich nicht gemeint. Erwerbsarbeit muss im Vergleich zu Nicht-Arbeit attraktiver werden.

Frage: Das Bürgergeld steht im Verdacht, kaum Anreize zu schaffen, damit Menschen sich wieder in Arbeit begeben. Sollte das Bürgergeld wieder abgeschafft werden?

Antwort: Es geht im Kern weniger um eine Abschaffung als um eine Reform, die dafür sorgt, dass es sich lohnt, zu arbeiten, statt staatliche Transfers zu beanspruchen. Derzeit lohnt es sich für viele Menschen in Deutschland kaum, zu arbeiten. Das liegt nicht nur am Bürgergeld, sondern der Kombination mit anderen Sozialleistungen, unter anderem dem Wohngeld. Hier sind Reformen dringend erforderlich. 

Frage: Immer wieder wird bemängelt, die Arbeitsproduktivität, also die Wertschöpfung pro Person oder Erwerbsstunde, komme nur schleppend voran. Wenn immer mehr Menschen aber in Arbeit sind, warum ist die Produktivität nicht entsprechend gestiegen? 

Antwort: Wenn immer mehr Menschen arbeiten, ist zu erwarten, dass die Wertschöpfung insgesamt steigt, aber nicht die Arbeitsproduktivität. In Deutschland steht der wachsenden Zahl der Menschen in Arbeit allerdings eine sinkende individuelle Arbeitszeit gegenüber, sodass die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden deutlich weniger gestiegen ist. Es trifft abgesehen davon zu, dass die Arbeitsproduktivität nur sehr langsam wächst. Das hat zu tun mit geringeren Investitionen, Problemen bei der Ausbildung und dem Einsatz neuer Technologien und einer Verlagerung von Beschäftigung in Bereiche mit eher niedriger Produktivität. 

Frage: Wodurch ließe sie sich wieder steigern? 

Antwort: Vor allem durch bessere Schulbildung und berufliche Aus- und Weiterbildung. Darüber hinaus brauchen wir Unternehmensinvestitionen und einen flexibleren Arbeitsmarkt, der dafür sorgt, dass Arbeitskräfte dort eingesetzt werden, wo sie besonders produktiv sind. Dazu gehört unter anderem mehr Bereitschaft, den Arbeitsplatz gelegentlich zu wechseln.

Frage: Laut einer Erhebung Ihres Instituts sind die Bildungschancen in Berlin und Brandenburg am größten, in Bayern und Sachsen am niedrigsten. Es gibt offenbar ein Nord-Süd- statt eines Ost-West-Gefälles. Wie ist das zu erklären?

Antwort: Die Studie zeigt, dass das Ranking-Ergebnis davon abhängt, wie man soziale Mobilität berechnet, so ganz eindeutig ist die Reihenfolge nicht. Soziale Mobilität wird von vielen Faktoren bestimmt. Ein relevanter Faktor ist das Alter, in dem entschieden wird, ob Kinder das Gymnasium oder eine andere Schule besuchen. In Berlin erfolgt das in der Regel nach der 6 Klasse, in Bayern schon nach der vierten Klasse. Einiges spricht dafür, dass Kinder aus bildungsferneren Elternhäusern bessere Chancen haben, wenn der Übertritt in die weiterführende Schule später kommt. 

Frage: Für eine florierende Wirtschaft und den individuellen Wohlstand ist der Bildungsgrad eines Landes nicht unerheblich. Wie ließe sich das Bildungsniveau in den betreffenden Bundesländern steigern?

Antwort: Hier gibt es in allen Bundesländern Handlungsbedarf. Im Mittelpunkt sollten Bemühungen stehen, Kinder aus bildungsfernen Familien stärker zu fördern. Das beginnt mit dem Ausbau frühkindlicher Bildungsangebote. Beispielsweise zeigen Forschungsergebnisse, dass der Besuch einer Kindertagesstätte bei Kindern mit Migrationshintergrund die späteren Schulleistungen stark verbessert. Weitere Maßnahmen wären Nachhilfeprogramme für benachteiligte Kinder, Mentoring und die zeitliche Verschiebung der Aufteilung auf weiterführende Schulen. 

Ähnliche Artikel