Hamburg Depressionen im Alter: Warum sie oft nicht erkannt werden
Die Kinder aus dem Haus, das Berufsleben beendet, wenig Geld: Viele ältere Menschen leiden an Depressionen. Warum die Erkrankung häufig nicht erkannt wird und was hilft, um wieder Freude am Leben zu haben, erklärt Psychiaterin Forugh Salimi Dafsari.
Der Beginn der Rente kann einen Menschen völlig aus der Bahn werfen, weil bekannte Alltagsstrukturen plötzlich nicht mehr da sind. Psychiaterin und Psychotherapeutin Forugh Salimi Dafsari hat 2017 in Köln die erste Spezialambulanz für Altersdepression gegründet, um in solchen Situationen zu helfen.
Im Interview erzählt sie, was Menschen im höheren Alter mit Depressionen umtreibt, warum sie ihr Leiden lange ertragen und wie komplex es ist, die Diagnose zu stellen.
Antwort: Frau Dafsari, Sie haben in Köln die erste Spezialambulanz für Altersdepression gegründet. Gibt es tatsächlich so viel Bedarf?
Antwort: Als wir die Ambulanz eröffnet haben, war der Zulauf tatsächlich sehr hoch. Wir haben sehr viele Anrufe von Menschen erhalten, die sehr verzweifelt waren und bereits seit vielen Jahren an einer Depression litten. In den ersten Monaten haben wir es dann geschafft, den Großteil der Patienten zumindest ein Mal zu sehen, um uns ein Bild zu machen.
Antwort: Woran liegt es, dass die Diagnose oft erst sehr spät erfolgt?
Antwort: Die Symptome einer Depression im hohen Alter unterscheiden sich von denen jüngerer Menschen, die erkrankt sind. Die Patienten haben häufiger Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen und auch körperliche Symptome wie Übelkeit, Schmerzen oder Schwindel. Damit wenden sich die Betroffenen meistens zuerst an den Hausarzt und oft ist es so, dass dort die Veränderung der Stimmung oder des Antriebs auf den ersten Blick gar nicht erkannt wird. Manchen Betroffenen fällt es schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie sich zum Beispiel schämen oder Angst vor einer Stigmatisierung haben. Es ist noch immer ein gesellschaftliches Stigma, an einer Depression zu leiden. Außerdem fehlt es an Aufklärung darüber, dass die Erkrankung sehr gut behandelbar ist.
Antwort: Ich nehme an, dass es für diese Generation auch alles andere als normal ist, eine Therapie in Anspruch zu nehmen.
Antwort: Ja. Was ich oft von meinen Patienten höre, ist: „Ich hab ja schon viel Schlimmeres erlebt.” Die Betroffenen haben teilweise die Nachkriegszeit, emotionale Vernachlässigung, Traumatisierungen oder Armut erlebt. Häufig herrscht die Vorstellung: „Mensch, wenn ich das geschafft habe, bekomme ich die Depression doch jetzt auch alleine in den Griff.”
Antwort: Was sagen Sie in solchen Fällen zu Ihren Patienten?
Antwort: Dass eine Depression eine Erkrankung wie Diabetes oder Bluthochdruck ist. Man kann sie nicht durch den eigenen Willen regulieren oder steuern.
Antwort: Was können Gründe dafür sein, dass Menschen im hohen Alter an Depressionen erkranken?
Antwort: Es ist meist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Wir wissen, dass die Menschen in vielen Fällen auch eine genetische Veranlagung haben und die Depression in der Familie gehäuft auftritt. Das ist allerdings “nur” die biologische Grundlage und bedeutet nicht, dass die Depression im Laufe des Lebens auch ausbricht. Hinzukommen meist noch psychosoziale Faktoren wie Verlusterfahrungen, akute berufliche Stressoren oder der Wegfall der Berufstätigkeit und den damit verbundenen Alltagsstrukturen. Einsamkeit ist ebenfalls ein wichtiger auslösender Faktor. Aber auch chronische Stressoren wie finanzielle Schwierigkeiten können der Auslöser für den Ausbruch der Depression sein. Viele meiner Patienten höre ich Sätze sagen wie: „Jetzt habe ich mein Leben lang geschuftet und das Geld reicht trotzdem nicht, um gut davon leben zu können.”
Antwort: Wie gehen Sie vor, bis Sie die Diagnose Depression stellen können?
Antwort: Zunächst müssen körperliche Ursachen ausgeschlossen werden, denn es gibt Erkrankungen wie Parkinson oder Demenz, die zu ähnlichen Symptomen führen können. Wir machen ein Blutbild und empfehlen auch eine Bildgebung vom Kopf, um auszuschließen, dass z.B. eine Tumorerkrankung die Ursache für die Depression ist. Wir sprechen auch mit den Angehörigen der Patienten. Eine Depression ist definiert durch das Vorhandensein von gedrückter Stimmung, wenig Antrieb, Freudlosigkeit und Interesselosigkeit über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen. Die meisten Patienten leiden an diesen Symptomen schon deutlich länger, wir sprechen hier von mehreren Monaten oder Jahren. Neben den Kernsymptomen gibt es noch Nebensymptome wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schuldgefühle, Selbstzweifel bis hin zu Suizidgedanken und konkreten Versuchen. Die Suizidrate im hohen Alter ist sehr hoch bei depressiven Erkrankungen.
Antwort: Welche Themen beschäftigen die Menschen am häufigsten, die ihnen gegenüber sitzen?
Antwort: Der Großteil beschäftigt sich mit zwischenmenschlichen Aspekten. „Habe ich genug für die Familie getan? Habe ich meine Kontakte gut genug gepflegt?“ Ich habe bisher noch niemanden erlebt, der gesagt hat: „Ich hab zu wenig gearbeitet.“ Die meisten fragen sich, ob der eingeschlagene Weg der richtige war oder ob sie vielleicht etwas hätten anders machen sollen, wenn sie jetzt so einsam sind. Einige beschäftigen sich auch mit sehr weit zurückliegenden Themen aus der Kindheit. Traumatisierungen, die stattgefunden haben, können wieder aufkommen. „Warum musste mein Leben so ablaufen?“, ist eine häufige Frage, die in diesem Lebensstadium im Vordergrund steht. Grundsätzlich ist es ja so, dass in der Depression viel an negative Aspekte gedacht wird. Deswegen ist es wichtig, auch auf die positiven Dinge zu blicken und darüber zu sprechen, was die Person geschafft hat.
Antwort: Sie haben es schon eingangs gesagt: Die Depression ist sehr gut behandelbar. Wie schaffen Sie es, dass es Ihren Patienten wieder besser geht?
Antwort: Je nach Schweregrad muss man entscheiden, ob man medikamentös oder überwiegend psychotherapeutisch arbeitet oder die Kombination aus beidem das Richtige ist. Darüber hinaus gibt es noch zusätzliche therapeutische Maßnahmen wie Bewegungstherapie oder Ergotherapie. Aber auch das Herstellen eines sozialen Netzwerks durch Selbsthilfegruppen oder die Teilnahme an einem Seniorentreff sind sehr hilfreich.
Antwort: Kann man präventiv etwas tun, um die Gefahr zu mindern, an einer Depression zu erkranken?
Antwort: Je früher eine Depression erkannt wird, desto besser und nachhaltiger lässt sie sich behandeln. Daher ist es wichtig, sich bereits bei leichten Symptomen in eine spezifische Behandlung zu begeben und sich auch psychotherapeutisch vorzustellen. So erleben manche Menschen lediglich eine depressive Episode in ihrem Leben und dann nie wieder. Außerdem ist es wichtig, soziale Kontakte und Netzwerke aufzubauen, auf die man im Alter zurückgreifen kann. Ein aktiver Lebensstil und das Pflegen von Interessen ist ebenfalls entscheidend.
Antwort: Der demografische Wandel führt dazu, dass unsere Gesellschaft immer weiter altert, somit wird das Thema Altersdepression immer bedeutsamer. Was muss konkret passieren?
Antwort: Älterwerden ist in unserer Gesellschaft sehr negativ behaftet und wird vor allem mit Einschränkungen assoziiert. Dabei ist das höhere Lebensalter ja nicht per se durch Einschränkungen definiert, sondern man könnte es auch als eine Lebensphase sehen, die besonders reich an Erfahrungen und Fähigkeiten ist. Das Bild des Alterns muss also verändert werden und das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir bräuchten außerdem viel mehr Anlaufstellen für Patienten mit Depressionen im hohen Alter. Dementsprechend müsste es auch mehr Psychotherapeuten geben, die sich darauf spezialisieren und sich in diesem Bereich weiterbilden. Denn Fakt ist, dass sich der größte Teil der Betroffenen noch nicht in einer ambulanten Psychotherapie befindet.