Osnabrück  „40-Stunden-Woche für alle“? Wer Teilzeit arbeitet, ist nicht automatisch faul

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 10.05.2024 15:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Stellt das Recht auf Teilzeit infrage: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Stellt das Recht auf Teilzeit infrage: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) Foto: dpa/Hendrik Schmidt
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CDU-Parteivize Michael Kretschmer will weniger Teilzeitarbeit und die „40-Stunden-Woche für alle“. Ein Vorstoß, der nicht nur der Lebensrealität vieler Familien widerspricht. Sondern sogar dem, was die CDU selbst gerade erst beschlossen hat.

So verständlich es sein mag, dass Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) angesichts enger Umfragen mit einer wilden Idee auf sich aufmerksam zu machen versucht: Nicht jede Provokation ist eine kluge Provokation.

Wenn Kretschmer im „Handelsblatt“ das Recht auf Teilzeitarbeit infrage stellt und die „40-Stunden-Woche für alle“ fordert, dürfte er damit vor allem denjenigen gefallen wollen, die den Eindruck haben, selbst viel härter gearbeitet zu haben oder zu arbeiten als nachfolgende Generationen: Kretschmer will punkten mit dem Vorurteil von der angeblich arbeitsscheuen Jugend.

Dabei wissen gerade viele ältere Menschen, dass ihre Kinder in diesen Zeiten gut zu tun haben, vor allem ihre Töchter: Waren im Jahr 1991 noch 57 Prozent der Frauen erwerbstätig, stieg dieser Anteil bis 2022 auf 73 Prozent.

Fast die Hälfte dieser berufstätigen Frauen arbeitet Teilzeit. Nicht aus Faulheit, sondern weil an ihnen noch immer auch das Gros der Kinderbetreuung und Hausarbeit hängen bleibt. Wird ihnen die Teilzeit erschwert, werden viele von ihnen wahrscheinlich künftig nicht etwa mehr arbeiten. Sondern gar nicht mehr.

Aber auch ohne familiäre Verpflichtungen können Frauen und Männer schon noch selbst überlegen, wie viel sie arbeiten müssen oder wollen oder wie viel ihnen Freizeit wert ist. Wunschvorstellungen von Politikern werden sie nicht davon abhalten, das in den Verhandlungen mit ihrem Arbeitgeber auch zur Sprache bringen: So ist das Leben in der Marktwirtschaft.

Und selbst wenn man mit Michael Kretschmer und gegen die Vernunft findet, dass Teilzeit per se schlecht ist, darf man sich als Wähler wundern, warum ein stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender das eigene, erst vor wenigen Tagen einstimmig (!) verabschiedete Grundsatzprogramm gleich wieder zur Makulatur macht.

„Für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf wollen wir flexiblere Arbeitszeiten und Arbeitszeitmodelle für verschiedene Lebensphasen ermöglichen“, steht da. Vier Monate sind es noch bis zu den Landtagswahlen in Sachsen in Thüringen. Nicht mehr viel Zeit für die CDU, sich zu entscheiden, welche Positionen sie eigentlich vertreten will.

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